Volkstheater: „Kleiner Mann – was nun?“

September 12, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Fall Hans Fallada

Thomas Kamper, Patrick O. Beck Bild: © Christoph Sebastian

Thomas Kamper, Patrick O. Beck
Bild: © Christoph Sebastian

Am 15. September hat am Wiener Volkstheater „Kleiner Mann – was nun?“ Premiere. Susanne Abbrederis und Georg Schmiedleitner, der auch Regie führt, haben den Roman von Hans Fallada für die Bühne bearbeitet. Es spielen u. a. Patrick O. Beck, Claudia Sabitzer, Susa Meyer, Günter Franzmeier, Rainer Frieb und Thomas Kamper. Erzählt wird die Geschichte von Johannes Pinneberg (Beck), das heißt: eigentlich sein Abstieg vom „Mittelstand“ ins Arbeitslosendasein. Sein Kampf um Arbeit und Lohn, Wohnung, Essen. Die Abhängigkeit des Menschen von der sich immer mehr verschlechternden ökonomischen Situation, wie er sich dagegen wehrt, erst mit großer Fröhlichkeit und Selbstsicherheit, dann verbissener und schließlich mit grauer und hoffnungsloser Bitterkeit. Der soziale Abstieg ist ausweglos. Die Weltwirtschaftskrise läuft aus dem Ruder, der Konkurrenzdruck am Arbeitsplatz steigt.

»Alles in meinem Leben endet in einem Buch.« (Hans Fallada)

Falladas Werk wird zurzeit wiederentdeckt. 67 Jahre nach seinem Tod. Vom Aufbau-Verlag ließ sich der französische Denoël-Verlag zu begeisterten Übersetzungen hinreißen, die wiederum steckten die britischen Penguin Books und den kleinen, feinen US-Verlag Melville House mit ihrem Enthusiamus an. Fallada wird gelesen. Von New York bis Amsterdam, von London bis Tel Aviv. Seine Darstellung des Widerstands der kleinen Leute gegen das Naziregime findet Publikum rund um die Welt. Fallada selbst – das ist eine eigene Geschichte. Und nicht minder berichtenswert. Ein Sohn aus großbürgerlichem Hause, Vater Reichsgerichtsrat, legte um niemandem Schande zu machen, seinen Familiennamen Rudolf Ditzen ab – und nannte sich Hans Fallada, um Schriftsteller zu werden. Seinen Künstlernamen wählte er aus Grimms Märchen in Anlehnung an den Namen des glücklosen Protagonisten in „Hans im Glück“  und den des Pferdes „Falada“ in „Die Gänsemagd“. Der abgeschlagene Kopf des Pferdes verkündet die Wahrheit, bis die betrogene Prinzessin zu ihrem Recht kommt …

Rudolf/Hans war schon ein Problemkind. Ein Außenseiter in der Schule, der aber durchaus „anonyme“ anzügliche Briefe an Mitschülerinnen schickte, was ihm ins Internat brachte, wo er mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker beschloss, einen als Duell getarnten Doppelsuizid zu begehen. Bei dem Schusswechsel starb von Necker, während Ditzen schwer verletzt überlebte. Er wurde wegen Totschlags angeklagt und in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Und so blieb Falladas Leben: Zwischen Alkohol- und Morphinsucht,  in Entzugsanstalten und Privatsanatorien, mit Haftstrafen wegen Betrugs- und Unterschlagungsdelikten. Ehen gab’s auch. Einmal schoss er im Streit mit der Pistole in den Wohnzimmertisch. In der 1930er- Jahren begann die Autorenkarriere. Ernst Rowohlt entdeckte das selbstzerstörerische Genie und verschaffte ihm eine Halbtagsbeschäftigung als Lektor in seinem Verlag, damit Fallada sich in Wirklichkeit  ohne größere materielle Sorgen seiner schriftstellerischen Arbeit widmen konnte. So entstand der 1932 veröffentlichte Roman „Kleiner Mann – was nun?“, der zum Bestseller wurde. Doch da waren welche, die dem „kleinen Mann“ aufs Maul schauten, wenn er es nicht halten konnte. Im März 1933 wurde Fallada von Mietern des Hauses, dessen Eigentümer er ehemals war, bei der  SA denunziert. Die Mieter hatten ein Gespräch belauscht, das angeblich staatsfeindlichen Inhalt hatte. Also Gefängnis, in dem Fallada mehrere Bücher, darunter den sozialkritischen Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf frißt“, verfasste. Das gefiel den Nazis, das ging gegen die Weimarer Republik. So die Interpretation der Zensur. Und so blieb Falladas Arbeit: Eine Gradwanderung auf der Messerschneide der Mächtigen. “ Wolf unter Wölfen“ wurde sogar von Joseph Goebbels ausdrücklich gelobt. Vorkommnisse, wie dieses, brachten Fallada nach dem Krieg Kritik ein: Er sei einer gewesen, der sein Fähnlein nach dem Wind gehängt hätte. Tatsächlich gab der Aufbau-Verlag 2011 eine Neufassung von „Jeder stirbt für sich allein“ heraus, in die Kapitel wieder eingefügt wurden, die Fallada in auf dem Dachboden gefundenen Koffern „entsorgt“ hatte, um nicht selbst „entsorgt“ zu werden. Trotzdem wurde sein Werk während der Zeit des Nationalsozialismus von Hitler-Seite immer negativer beurteilt. Fallada flüchtete in „Unterhaltungsliteratur“.

1944 – wieder einmal in Haft – schrieb er das „Trinkermanuskript“ – eine Reihe von Kurzgeschichten, den Roman „Der Trinker“, der erst posthum veröffentlicht wurde,  und einen Erfahrungsbericht über den NS-Staat. 1946 wurde Ditzen wegen seiner Alkoholkrankheit  und Morphinismus  in die Berliner Charité eingewiesen.Innerhalb eines Monats schrieb er dort in schlechtem körperlichen Zustand den Roman „Jeder stirbt für sich allein.“ (Das Buch schildert den authentischen Fall des Ehepaars Hampel, das Postkarten-Flugblätter gegen Hitler ausgelegt hatte,denunziert und hingerichtet worden war.) Aufbau-Chef Kurt Wilhelm trieb deb Todkranken sozusagen an, sein Lebenswerk so zu vollenden. Drei Monate nach Abschluss des Manuskripts starb Fallada.

Was er hinterlässt, ist ein Aufruf zu Zivilcourage, zu Solidarität. Und an seinem Beispiel ein Niemals wieder! Denn „Kleiner Mann – was nun?“ erschien auch nach der Machtergreifung der Nazis. Allerdings wurde aus dem brutalen SA-Mann Lauterbach ein Fußballer.

www.volkstheater.at

www.fallada.de

www.aufbau-verlag.de

Wien, 12. 9. 2013