Houchang Allahyari: Robert Tarantino

September 6, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Rebel without a Crew

Bild: Stadtkino Filmverleih

Bild: Stadtkino Filmverleih

Am 6. September startet im Filmhaus Wien Regisseur Houchang Allahyari neuester Film: Eine humorvolle Dokumentation über Leben und Arbeit eines jungen Filmemachers, der sich Robert Tarantino nennt. Sein Name ist Programm: Als „Rebel without a Crew“ und gegen alle Widerstände, dreht der Wiener einen No-Budget-Trash-Horrorfilm angelehnt an die Arbeiten seiner Vorbilder Robert Rodriguez und Quentin Tarantino. Regisseur Houchang Allahyari („Die verrückte Welt der Ute Bock“) begleitet den leidenschaftlichen Filmemacher bei den Dreharbeiten zu „Blood City Massacre“, in dem neben Tarantino, Theater-Schauspielerin Marie-Therese Lind und ein Wrestler namens Humungus mitwirken. Robert Tarantino: No-Budget-Filmer und Wiener Original. Die Dreharbeiten zu seinem jüngsten Streifen Blood City Massacre sind für den schüchternen Arbeitslosen Lebensinhalt und Therapie. Sein engagiertes (Laien-)Ensemble avanciert zur Ersatzfamilie, Hauptdarstellerin Marie sähe er auch gerne privat an seiner Seite. Houchang Allahyari folgt ihm bei Planung und begleitet die intensiven Dreharbeiten. Ein Genre-Film im wahrsten Sinne des Wortes. Das humorige Porträt eines leidenschaftlich Getriebenen.

Aufblende: Eine Filmpremiere. No-Budget-Filmer Robert Tarantino begrüßt schüchtern das Publikum. Nach dem Upload des Trailers habe er bereits eine Einladung zu einem Underground-Filmfestival erhalten, verkündet er stolz. Die Premierengäste – Crew, Freund/innen, Trash-Aficionados – sind begeistert. Von hier aus geht Houchang Allahyari einen Schritt zurück: ins Privatleben Tarantinos, der im bürgerlichen Leben eigentlich Wolfgang heißt. Vor Jahren hat dieser seinen Brotjob gekündigt, um sich ausschließlich der Kunst zu widmen. Unter dem Pseudonym Wolfgang Morrison tingelt er seither als Liedermacher durch kleine Lokale. Seine Eltern haben diesen Traum ignoriert, eine Enttäuschung, die Wolfgang heute unter anderem in seinen Trashfilmen aufarbeitet: Als Robert Tarantino hat der Wiener bereits ein Dutzend B-Movies gedreht, darunter klingende Titel wie Wild Rebel oder Vampires in Vienna. Der Name ist Programm: Vampire und Psychopath/innen treffen auf toughe Agent/innen und blutrünstige Zombies. Inspirieren lässt sich Wolfgang von Genrekinogrößen, er zeichnet bei sämtlichen Filmprojekten persönlich für  Drehbuch, Regie, Kamera, Schauspiel und Schnitt verantwortlich. In seinem neuesten Streifen macht Wolfgang Jagd auf einen Serienkiller, gespielt vom österreichischen Wrestling-Original Humungus. Als Budget wurden hundert Euro veranschlagt, hauptsächlich für Kunstblut und Mini-DV-Kassetten. Allein das Förderansuchen hätte ein Vielfaches gekostet.

Eigentlich ist diese Doku ein hochdramatisches Kammerstück. Was sich hinter der Kamera abspielte, war bei dem B-Movie-Dreh mindestens so spannend wie das Schlachten davor. Laut einer zweifelhaften Biografie in der Internet Movie Database (IMDb) ist Tarantino 34 Jahre alt. Die Info könnte stimmen, Tarantino wäre beim Dreh des Porträts dann 32 Jahre alt gewesen. Mit dem Filmen hat der Autodidakt 2007 begonnen. Tarantino ist theoretisch beschlagen – er kennt sein Metier. Über diverse Internetforen sucht er nach Schauspielern. Natürlich nimmt er selbst immer eine der Hauptrollen ein. Gemeldet haben sich unter anderem die Salzburger Off-Theater-Schauspielerin Marie-Therese Lind und ein über und über  tätowierter Star der Wrestling School Austria (WSA), der sich Humungus nennt. Die Kämpfer der WSA kennen Tarantino bereits von einem früheren Projekt. Dank Allahyaris Doku weiß man jetzt, dass hinter den schrägen Vögeln starke Charaktere und Persönlichkeiten mit viel Humor stecken. Die Momente mit den Wrestlern zählen zu den stärksten des Films. Bemerkenswert aber auch jener Gothic-Typ, dem kein Text beizubringen war und der schließlich improvisierte: „Heast Dracula, du  Oaschkretzn, du g’schissene – wos is – du bist mei’ Todfeind.“

Allahyari hatte wohl kein leichtes Leben als Regisseur einer Doku über Tarantino. Er hat große Hochachtung vor dem Filmemacher und seinem Team. Mit Tarantino hält er nun schon seit Jahren Kontakt, und Marie-Therese Lind wird in einem seiner nächsten Filme mitspielen. Aber dennoch war es nicht möglich, über so einen Filmdreh zu berichten und sämtliche Sonderbarkeiten und Probleme auszublenden. Respekt einerseits, wahrhaftig bleiben andererseits – eine Gratwanderung, die man als Zuschauer der Doku mit einigem Bangen verfolgt. Man will nicht, dass hier jemand vorgeführt wird. Aber wird es zu verhindern sein? Im Großen und Ganzen ist Allahyari
die Gratwanderung gelungen. Das alles glauben Sie nicht? Dann aber ab ins Kino!

ZUR PERSON: Houchang Allahyari wurde im Iran, in Teheran geboren. Er kam als Jugendlicher nach Österreich, um seine frühe Faszination für Film und Theater weiterzuentwickeln – schon mit 17 Jahren hatte er Filmkritiken für iranische Zeitungen geschrieben. Das Interesse für die Psychiatrie ließ ihn aber in Wien ein Medizinstudium beginnen. Heute hat er eine Praxis in Wien und war bis vor kurzem vom Justizministerium als Psychiater in einer Haftanstalt für Drogenabhängige angestellt, wo er 20 Jahre lang therapeutisch mit jugendlichen Drogensüchtigen arbeitete. In der Öffentlichkeit ist er aber als Filmemacher und Regisseur bekannt. Nach frühen experimentellen und avantgardistischen Filmen begann die Zusammenarbeit mit großen, österreichischen Produktionsfirmen und es entstanden erfolgreiche Kinospielfilme, die auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt und ausgezeichnet wurden. Wichtigste Werke: „Bock for president“, „Die verrückte Welt der Ute Bock“, „I Love Vienna“, „Höhenangst“, „Geboren in Absurdistan“.

www.stadtkinowien.at/#filmhauskino

Trailer: http://vimeo.com/73142667

Wien, 6. 9. 2013