Justus Neumann: „Alzheimer Symphonie“

September 4, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein König spielt den Lear

Blast, Winde, sprengt die Backen! Wütet, blast!
Ihr Katarakte, Wolkenbrüche, speit,
Bis ihr die Türm ersäuft, die Hähn ertränkt!
Ihr schwefligen, gedankenschnellen Blitze,
Vortrab dem Donnerkeil, der Eichen spaltet,
Versengt mein weißes Haupt! Du Donner, schmetternd
Schlag flach das mächtige Rund der Welt; zerbrecht
Die Formen der Natur, tilg alle Keime,
Daraus der undankbare Mensch entsteht.

Justus Neumann und Maschine  Bild: (c) schaexpir B. Stadlbauer

Justus Neumann und Maschine
Bild: (c) schaexpir B. Stadlbauer

Das ist der Monolog aus Shakespeares „König Lear“, dritter Akt, zweite Szene: Still Storm, an den sich Justus Neumann als alternder Schauspieler nicht und nicht erinnern kann. Einmal – die Schmuckstückszene dieser liebenswert-großartigen Aufführung -gelingt es ihm: Mit Hilfe von an die 30 Requisiten, die ihm ein Knabe bringt: Föhn, Insektenspray, Luftballons samt Holzhammer, einem Küchenmessbecher, in dem Schachtürme und ein Plastikkänguru „ersäuft“ werden, Schneebesen, Sexheft und einer Bert-Brecht-Fotografie … Zwei Jahre nach seinem „Nibelungenlied“ hat Neumann sein australisches Zirkuszelt wieder im Museumsquartier vor dem Dschungel Wien aufgeschlagen. Und zeigt dort seine jüngste Produktion „Alzheimer Symphonie“. Ein skurriles Maschinentheater, bei dem man weinen müsste und doch lachen mag, weil mit Neumann einmal mehr die Fantasie über Bord geht, und er, der sich auch Clown nennt, die Angst des Menschen vor dem Abgrund des Lebensendes wie auf dem Hochseil ausbalanciert. Ganz große Kunst! Beklemmend, wenn er sagt: „Man findet die Tür nicht mehr.“ Und damit sowohl den Bühneneingang als auch den Eintritt ins eigene Hirn meint. Melancholisch, wenn er sich an Applaus „wie ein Wasserfall“ erinnert. Verzweifelt, wenn er „Mmh“ zum Zeitwort erklärt. Seinen Socken aus einer Dose eingelegter Pfirsiche isst – und das nicht wissenhaft, wie Tramp Chaplin seinen Schuh. Politisch, wenn der das Wort Demokratie mit (Theater-) Direktion verwechselt, wo er einst Geld für den Bau von Lears Burgmauern einforderte – und abgeschmettert wurde: „Aus Nichts kann nichts entstehen.“ Vergnüglich, wenn er die Banalität des Daseins zu dessen Qualität macht, im Zwiegespräch mit einer Ameise das fehlende Salz zur Eierspeis‘ beklagt.

Denn außer Justus Neumann hat diese Aufführung einen zweiten Hauptdarsteller. Einen Star, sozusagen. Einen vollautomatisierten „Rollstuhl“, eine Überlebensmaschine, den Alltag im Kleinen. Er ist Küche mit funktionstüchtigem Herd zum Eier anbraten, Kaffee kochen, Toast machen; Bad mit Dusche zum Haare shampoonieren und föhnen (!); Sportplatz fürs Solo-Tischtennis, Bett und Bibliothek mit einem Fotoalbum, in dem der Darsteller weder seine Mutter noch sich selbst als Firmling („Warum schaut der so finster? Und da – auf dem Bild auch!“) erkennt. Schminkspiegel, Garderobe? Oder ist diese tragikomische Gestalt, die mit allen Tricks und Mitteln der Logik gegen das unaufhaltsame Vergessen ankämpft, dement wie Don Quijote gegen die Riesen/Windmühlen, längst in einer Anstalt? Die Umgebung bröckelt wie eine alte Fassade. Neumann philosophiert über Gott an sich und die Welt im Besonderen, über Sein oder Nichtsein (auch wenn das ein anderer Shakespeare ist), mit tiefstem Ernst und hochgradig lustig und umgekehrt. Und wär’s nicht Neumann, man müsste sich danach tatsächlich Sorgen um die eigene Zukunft machen. So aber hat man einen Hoffnungsschimmer fürs Ende. Friede. An der Hand des Knaben darf der Schauspieler endlich das, was er sich schon so lange wünscht: „Heim gehen!“ Das begeisterte Publikum hätte das noch nicht gewollt.

„Vergessen ist die glücklichste Erfindung, die es gibt“, sagt Justus Neumann. Und dieses eine Mal muss man ihm widersprechen. Denn die „Alzheimer Symphonie“ wird – lange – unvergesslich bleiben.

www.dschungelwien.at

Trailer: www.mottingers-meinung.at/justus-neumann-kommt-mit-dem-circus-elysium

Wien, 4. 9. 2013