„Warten auf Godot“ endlich in Wien

August 23, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramars 3raum rockt die Einöde

Markus Kofler, Hubsi Kramar Bild: Bernhard Mrak

Markus Kofler, Hubsi Kramar
Bild: Bernhard Mrak

Endlich. Nach dem Burgenland und der Buckligen Welt ist Hubsi Kramars Neuinszenierung von „Warten auf Godot“ in Wien angekommen. In der zukünftigen Seestadt Aspern (Fabrik Publik bis 24. 8.), 1220 Wien. Und die gute Nachricht ist: Wegen der großen Nachfrage wurde am Samstag, 16.15 Uhr, eine Zusatzvorstellung eingeschoben.

Becketts „Godot“ ist so etwas wie Kramars Lebensstück. Vier Mal hat er es bereits gemacht, immer wieder anders interpretiert. Nun, in the middle of nowhere, kommt dem 3raum-Ensemble die Donaustädter Einöde als Kulisse sehr entgegen. Gespielt wird – bei Schönwetter, sonst drinnen – auf einer Wiese mit dem notwendigen einsamen Baum. Zwischen noch nicht fertiger U2-Verlängerung und einem Dutzend Baukränen für die Seestadt, Kieshaufen und Blutmond. Sound von der Ostbahn und den Baustellen. Endzeitstimmung, was willst du mehr? „Ein lauschiges Plätzchen“, merkt Estragon (Markus Kofler) texttreu einmal an – und natürlich lacht das in Decken gemummelte Publikum. So also hat Kramar die Grenzsituation der Beckett’schen Figuren zwischen Leben und Tod, diese Gestalten, die auf der ewig enttäuschten Illusion des Wartens beharren oder in rührender Hilflosigkeit die Gewissheit ihres Verfalls überspielen, diesen Zyklus apokalyptischer Szenarios diesmal ins Gestrüpp gestellt: Als schwarz gekleidete Weißclowns mit entsprechend geschminkten Gesichtern, als Buster Keatons Nachfahren, Gestalten wie Geister. Dank Becketts Stück durchgeistigt. Ein seltsames (Liebes?)-paar, das die weisen Worte mit Witz unterlegt. Und dennoch die Tragi- in der Komödie nie aus dem Auge verliert.

Estragon: Komm, wir gehen!
Wladimir: Wir können nicht.
Estragon: Warum nicht?
Wladimir: Wir warten auf Godot.
Estragon: Ah!

Kramar spielt Wladimir, Didi, den mit dem Pipiproblem, einer der sich gern selbst deklamieren hört über die letztlich unerfüllte Hoffnung auf die Ankunft eines Heil bringenden Propheten oder sonstigen Erlösers. Mit großer Geste reißt Wladimir groß das Maul auf, in dem nur gähnende Leere herrscht. Wie immer ebenso fabelhaft als Darsteller ist Markus Kofler. Sein Estragon, Gogo, der, dem die Füße weh tun, ist mehr Skeptiker, Imitator von Didis Tamtam. Wunderbar, wie Kofler die Zerrissenheit zwischen Bleiben und Gehen anlegt. Durch Pozzo (Oliver Vollmann) und seinen Dienersklaven Lucky (Hannes Lengauer – beide sehr gut) ist das Quartett perfekt für den Zeitvertreib voll Demütigungen und  Stimmungswechsel in diesem doppelten Einakter. Ein Sprach-Spiel. Brutal-ängstlich, surreal-fröhlich. Mit dem Befehl an Lucky „laut zu denken“ hat die Theodizee erst recht begonnen.

Der Titel „Warten auf Godot“ soll, so eine Anekdote, auf eine Tour-de-France-Etappe zurückgehen, die sich Beckett irgendwo in Frankreich angesehen habe. Als alle Rennfahrer vorbei waren, habe er gehen wollen, aber gesehen, dass einige Zuschauer noch blieben. Auf seine Frage, worauf sie warteten, hätten sie geantwortet: „Auf Godeau!“ Dieser war angeblich der langsamste Fahrer des Rennens. Die Geschichte ist vermutlich nur Legende, da es nie einen Fahrer dieses Namens bei der Tour de France gab. Godot, verkündet ein Hirtenknabe, kommt auch nicht. Heute nicht und morgen nicht und übermorgen … Das Leben ist Wiederholung. Illusion? Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen … Derzeit in der Asperner Steppe.

www.3raum.or.at

www.mottingers-meinung.at/hubsi-kramar-mit-dem-3raum-on-tour/

Wien, 23. 8. 2013