Salzburger Festspiele: „Die Entführung aus dem Serail“

August 22, 2013 in Film, Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Live aus dem Hangar-7  und auf ServusTV

Tobias Moretti, Desiree Rancatore Bild: Servus TV

Tobias Moretti, Desiree Rancatore
Bild: Servus TV

So wie nun am 26. August hat man Oper wohl noch selten erlebt: Eine Weltklassebesetzung, Haute-Couture-Kleider, die spektakuläre Kulisse im Hangar-7 mit mehr als  Spielorten. Erstmals wird Oper auf einem Flughafen inszeniert! Die Flugzeuge werden in die Inszenierung eingebunden. Die  Neuinszenierung von Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“  soll zu einem DER  Highlights der diesjährigen Salzburger Festspiele werden. In der  Inszenierung von Adrian Marthaler bildet der gesamte Hangar-7 die Kulisse für diesen Abend. Während das Publikum mit den Sängern von Szene zu Szene wandert und so Teil der Aufführung wird, entsteht für die Zuseher daheim ein Live-Schnitt. Die Besetzung: Die Sprechrolle des Bassa Selims übernimmt  Tobias Moretti. Der mexikanische Tenor und Javier Camarena verkörpert Belmonte, Kammersänger Kurt Rydl singt den Osmin. Als Blondchen, die in Marthalers Inszenierung zur Stylistin wird, ist die Sopranistin Rebecca Nelsen zu erleben. Die musikalische Leitung der Camerata Salzburg und des Salzburger Bachchors übernimmt einer der besten Mozart-Kenner:  Dirigent Hans Graf. Stimmliche Unterstützung leistet ein Quartett junger  Sänger des Young Singers Project der Salzburger Festspiele. Während sich die Darsteller durch den Hangar-7 bewegen, werden Orchester und Chor im Hangar-8 musizieren. Die Übertragung der Musik und des Dirigats findet über modernste In-Ear-Technik, Monitore und Subdirigenten statt.

Adrian Marthaler (der etwa „La Traviata im Hauptbahnhof Zürich“ machte) verlegt die Handlung des 1782 entstandenen Singspiels in unsere Zeit. Die „Entführung“ wird zur „Verführung“ durch eine Mode-und Jetset-Welt.  Constanze (Desiree Rancatore) ist hin und her gerissen zwischen ihrem bürgerlichen Leben mit  Belmonte (Javier Camarena) und der rauschenden Welt des Modezaren Selim (Tobias Moretti). Dazu verwandelt sich der gesamte Hangar-7 in ein Modeimperium mit Laufsteg, Schneiderwerkstätten und Fotoshooting-Sets. In dieser Modewelt spielen Kleider und Styling eine Hauptrolle. Deshalb entwirft die Wiener Modedesignerin Lena Hoschek exklusive Kostüme für die Aufführung, darunter auch zehn Haute-Couture-Roben. Hoschek, die seit 2005 mit ihrem eigenen Label Erfolge feiert, arbeitete bereits für Vivienne Westwood. Ihr Stil, ein Mix aus urbanem Retro-Chic und ländlicher Trachtenmode, verbindet Tradition mit Moderne. Die technische Umsetzung des Opern-Events stellt das gesamte Team vor ganz besondere Herausforderungen. Bei einer insgesamt bespielten Fläche von etwa 14.000 qm werden 16 unterschiedlichste Kameras (unter anderem Seil-und Krankameras) für das perfekte Bild sorgen. Zusätzlich kommen „Arbeitskameras“ zum Einsatz, die Bilder des Dirigenten aus dem Hangar-8 an Subdirigenten im Hangar-7 übertragen. So ist, zusätzlich zu individuell für die Sänger angepassten InEar-Steckern, ein reibungsloser Kontakt zwischen Sängern und Dirigent möglich.

Tobias Moretti über …

… das Projekt:  „So etwas wie die „Entführung aus dem Serail“ als Oper hier zu machen, ist natürlich gleichermaßen problematisch wie spannend. Zunächst weiß man gar nicht, wohin die Reise geht, und dann soll es ja auch so sein: das Ambiente als eine Erfindung, eine Idee, die in irgendeiner Weise darauf schließen lässt, wo spielt das, was soll das bedeuten – jetzt im oberflächlichen Kontext. Das heßt, das hier zu spielen dass man überhaupt eine andere Interpretation als die im Libretto vorgegebene erstellt, also erfindet. Das hat der Marthaler  mit seinem Konzept interessant für mich herübergebracht, dass mich das genug provoziert hat, das gerne zu machen, diesen Bassa Selim zu spielen. Aber wo’s lang geht, weiß man noch nicht. Der Bassa Selim, der ja der Inbegriff des Fremden ist, der der Inbegriff des archaischen Menschen, der noch nicht sozusagen geknechtet ist von dem westlichen Bildungsbürger-Begriff , weil er in seiner brutalen, aber für sich stimmigen Welt herrscht. Bei uns ist es wahrscheinlich ein Modezar oder so etwas. Jedenfalls ein Mensch, der Macht und Sinnlichkeit vereint und der auch Obsessionen vereint. Alles was er will, alles was er glaubt zu brauchen, kauf ich mir, kann ich haben. Es ist eine Art Krieg, eine Art moderne Expansion. Ich nehme alles, ich erweitere alles, meine Empfindung, meine materiellen Werte, alles erweitere ich. Aber, weil ich es so gewöhnt bin. Und jetzt trifft der, zum ersten Mal, auf diese Frau, die ihn völlig ausangelt, enthebt, aus aller Vorstellung die er bisher kannte. Hat aber als Mittel nur seine zur Verfügung. Und das ist der Konflikt.“

 … Parallelen zu Sarastro: „Dass es Parallelen zu Sarastro gibt, glaube ich nicht. Ich glaube nicht, dass der Bassa Selim eine Sarastro-Figur ist. Man weiß auch immer noch nicht, wer der Sarastro ist. Natürlich sind das alles Statuen, Ikonen in ihrem Machtgefüge, die dann am Schluss für die Toleranz, für den Humanismus stehen, die ihrerseits wieder stehen für das bevorstehende Enlightenment, also für die Zeichen der Zeit damals. Oder Josef II. Aber das glaube ich gar nicht. Ich glaube einfach, dass es den kalt erwischt hat. Den hat´s kalt erwischt. Und deshalb ist dieser erste Haarriss der Schock, dass ihn da etwas berührt. Und die Kluft, die dann daraus erwächst, ist dann die Ohnmacht und vielleicht gar noch nicht die Erkenntnis. Ich glaube gar nicht an die Erkenntnis bei solchen Figuren. Man weiß ja auch nicht, in welchem Zusammenhang das Mozart so gesehen hat. Natürlich, in der damaligen Zeit sollte das ja dem Weltbild widersprechen, das damals geherrscht hat. Aber in dieser Welt, in unserer Welt. Und die Urangst der damaligen westlichen Kultur war das fremde, war der Orient, waren die Muslime, war diese orientalische Welt. Alles noch sehr wund und offen von den Türkenkriegen, klarerweise, der der Inbegriff von Angst war. Und dem ist er entgegengetreten in dieser Weise, und lässt denn dann am Schluss human handeln. Und lässt den dann sagen, „Die Rache an sich benütze ich gar nicht. Das ist eure Vorstellung. Ihr quatscht drum herum, dann rächt ihr euch doch. Und ich lasse einfach gewähren. Ich bin einfach barmherzig sozusagen.“ Aber was das bedeuten soll weiß man ja auch nie. Das ist immer Interpretation.“

… die Fantasien von 1001 Nacht zu den Fantasien der heutigen Glamourwelt: „ Es ist eine Industrie. Und Industrie ist Macht. Über den Transport der Fantasien der Glamourwelt: „Wie das funktionieren wird? Keine Ahnung. Das wird sehr multipel funktionieren, und da werden verschiedene Standpunkte da sein. Das Ganze ist natürlich auch eine Fabrik, aber auch eine hermetisch abgeschlossene Welt. Man kann es auch Gefängnis nennen, ein Glasgefängnis. Gleichermaßen als eine eigene Welt. Und das ist natürlich insofern interessant, als es der Geschichte dann sehr entgegen kommt. Aber klarerweise wir die Umsetzung in erster Linie mit Bühnenbild und optischen Eindrücken funktionieren. So wird man da versuchen diese Welt herzustellen. Aber ich glaube, es ist nochmal was anderes. Es geht auch in ein Abenteuer hinein. Denn es muss diese Welt nicht nur diese uns vertraute Fashion, diese Mode sein, diese oberflächlichste aller Welten, die als Behauptung funktioniert. Im Prinzip ist ja auch Mode das Gegenteil von Kunst. Es ist im höchsten Fall Kunsthandwerk. Kunst ist es nicht. Und trotzdem ist es aber Kunst geworden, weil sich so viele angehängt haben. Es gibt so viele Schnittmengen wo sich die Kunst mit dieser künstlichen oder mit dieser behaupteten Welt dann verbindet, vereinigt, vermengt. Und es wurde ja anfänglich sicher viel Kunstraub begangen. Wo Geld ist, da wird alles was Innovation betrifft, was Ideen, was Kreativität betrifft, wird aufgesogen.“

ServusTV: „Die Entführung aus dem Serail – Live aus dem Hangar-7“, Montag, 26. August, ab 20:15 Uhr
„Die Entstehung einer TV-Oper – Die Entführung aus dem Serail“, Dokumentation, Montag, 26. August, ab 22:45 Uhr

Liveübertragung auf den Salzburger Kapitelplatz, den Wiener Rathausplatz und den Deep Space im Ars Electronia Center Linz.

www.salzburgerfestspiele.at

Livestream auf: www.servustv.com

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Salzburg, 22. 8. 2013