Pyotr Magnus Nedov: „Zuckerleben“

August 19, 2013 in Buch

Das Leben ist auf Zucker gebaut

97838321870572011: Der Moldawier Tolyan Andreewitsch ist im krisengeschüttelten Italien mit seinem Wagen unterwegs. Auf der Suche nach seiner geheimnisumwitterten Teedose und einem Begräbnis überfährt er beinahe ein junges Liebespaar, das sich gemeinsam das Leben nehmen will, nachdem beide – wie viele andere auch – gerade ihren Arbeitsplatz in der Zuckerfabrik von Termoli verloren haben. Die Zuckerpreise sind im Keller. Also müssen Stellen abgebaut werden. Tolyan wird kurzerhand für tot gehalten. Doch Moldawier leben länger. Zu Dritt reisen sie weiter. Treffen schräge Typen: eine lesbische Hotelchefin, zwei serbische Geistliche, die einen katholischen Selbstmörder, der auch in der Zuckerfabrik gearbeitet hat, kurzerhand taufen, bevor er seine letzte Ruhe findet …  Doch wer zusammen unterwegs ist, kommt sich näher. Andreewitsch erzählt den Teenagern eine (seine) Geschichte von Zucker, Schnaps und Gold, aber auch die der alten Sowjetunion, den Konflikten, Umbrüchen, Spekulanten, Gewinnern und Verlierern.
Der Autor führt die Leser zurück: 20 Jahre lässt er Revue passieren. Ein Stück Weltgeschichte. 1991: Die Sowjetunion bricht auseinander, Präsident Michail Gorbatschow wird unter Hausarrest gestellt. Die alt-Kommunisten wollen die verlorene Macht zurück (2000 wird Wladimir Putin das Zepter wieder ansichreißen und – mi Unterbrechung – noch viele Jahre nicht aus der Hand geben), und in der nordmoldawischen Industriestadt Donduseni beschließt der junge Spekulant Pitirim Tutunaru, sich seinen Traum von einem sorgenfreien Leben in Italien zu erfüllen. Dafür sucht und findet er 40 unterschlagene Tonnen Zucker des verschollenen Fabrikdirektors Hlebnik, verarbeitet sie mithilfe des Rentners Ilytsch, genannt „Lenin“, der anfänglich noch an den Sozialismus glaubt, jedoch bitter enttäuscht wird, und anderen Freunden zu Schnaps und bereitet mit dem Erlös ihre Ausreise vor. Doch auch andere sind hinter dem Zucker her, schließlich geht es um viel Geld und noch mehr. Denn: „Gutes Leben ist Zuckerleben“. Doch so einfach wie es sich alle vorstellen, ist es dann doch nicht.
Mit Tempo und Witz verwebt Pyotr Magnus Nedov auf schräge und skurrile Art die Umbrüche in Europa. Die Protagonisten– Kleinkriminelle, Glücksritter, Afghanistan-Veteranen, Scharfschützen aus Litauen mit Tuborg-Bier-Vorliebe, Wunderheiler, Paten und Nieren-Händler –  könnten durchaus aus einem der Romane des großen Autors Victor Pelewin („Das Leben der Insekten“ „Buddhas kleiner Finger“, „Das Heilige Buch der Werwölfe“) stammen, der ebenfalls nicht mit Kritik an seiner Heimat, wenn auch in surrealistischer Form, spart.
Aber sind Ledovs Akteure wirklich überzeichnet? Oder gibt/gab es sie doch? So entsteht ein Sittengemälde einer Weltmacht im Umbruch, Menschen, die ihr Glück suchen. Mehr oder weniger erfolgreich.

Pyotr Magnus Nedov wurde 1982 in der Sowjetunion geboren und lebt in Berlin. Aufgewachsen in Moldawien, Rumänien und Österreich. Er studierte Keltologie, Romanistik und Filmregie in Wien, Paris, Moskau, Montreal und Köln. Nedov ist promovierter Filmwissenschaftler und arbeitete zuletzt als Archäologe im Ausgrabungsareal rund um den Kölner Rathausplatz.

Dumont Buchverlag, Pyotr Magnus Nedov: “Zuckerleben“, 380 Seiten

www.dumont-buchverlag.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 19. 8. 2013