Black Sabbath: 13

August 19, 2013 in Klassik

Großmütterchen Ozzy hat’s noch drauf

51H5yMD1IqL._SY450_Liebe Wagnerianer und sonstige Parnasserklimmer,

erschaudern Sie nicht bei dieser Ansicht. „Black Sabbath“ IST Klassik. Die sich 1968 in Birmingham, England, zusammen gefundenen Heavy-Metal-Schrammeln sind bei Weitem weniger Mumien der Musikgeschichte als so manches, was sich auf Opernbühnen tummelt. Sie sind Kult. Sänger Ozzy Osbourne, Gitarrist Tony Iommi und Bassist Geezer Butler haben sich nach Streit hin, Streit her zu einem neuen Album zusammen gefunden: „13“. Bereits Nummer 1. in den Charts von 50 Ländern. Nur Drummer Bill Ward fehlt. Er wurde als Gast durch Brad Wilk, bekannt von „Rage Against The Machine“, ersetzt. Ein Glücksgriff, denn er treibt die Band mit neuer Energie nach vorne, sorgt für einen durchgehenden Spannungsbogen von „End of the Beginning“ bis „Dear Father“. Dessen Verse 2: „You preyed upon my flesh then prayed for my soul. Belief betrayed by lust that you stole. Indoctrination by a twisted desire, the catechism of an evil messiah.“

Müßig, hier über Höhepunkt, Niedergang, eine MTV-Show und Wiederauferstehung von „Black Sabbath“ zu fabulieren. „13“ ist ein Album, das sich hören lassen kann, und obwohl ein Song „Zeitgeist“ heißt, diesem hartnäckig die Stirn bietet. Im Kopf sieht man Ozzy, dem die Mascara und das Wasser, das er sich bei Konzerten kübelweise über den Kopf schüttet, über die Wangen läuft. Wie er wie ein Großmütterchen über die Bühne trippelt und, wenn ihm der Text ausgeht, einfach das Publikum singen lässt. Wie er in großer Prediger-des-Bösen-Pose die Arme ausbreitet, damit seine langen Fransenärmeln auch schön zu bewundern sind. „God is Dead?“ (eine weitere Hervorbringung der neuen CD), aber wie sagte Satan so treffend in einem Ozzy-Video: „He’s not my child, but I love him like a son“. Alle Tage Ozzfest!

Wenn Ozzy nun singt, klingt das älter, tiefer, derangierter, desolater. Irgendwo zwischen schmiergelpapierkratzig und Lungenentzündung. Schwarz wie sein Outfit. Super. Nur sein berühmtes „Uuh-Yeah“ kommt noch in fabelhaftem Fasett aus seiner Kehle. Auf das x-Mal verbrauchte Four-Letter-F-Word wird man wohl bis zu den Konzerten warten müssen, die es hoffentlich noch geben wird. Denn der schwer krebskranke Tony Iommi bedankt sich im Booklet bei der modernen Medizin, ohne die er die Aufnahmen nicht durchgestanden hätte. Umso liebenswerter, dass seine Soli,  kompositorisch immer noch zwischen Schweben, Abstürzen und Schwindelerregung balancieren, nur dass er seine  kleinen kniffligen Metallpuzzles heute blutigdürstiger denn je in die Ohren kippt –  und dann irgendwann desinteressiert fallenlässt. Aus. Vorbei. Moll. Schmoll. Auch Bassist und Hauptlyriker Geezer Butler macht seinem legendären Namen alle Ehre.  Er demonstriert das Konzept Entschleunigung in den Spielarten: ewig brauchen, aus Eigenschwere immer langsamer werden oder sich weigern, den nächsten Schritt zum erwarteten Tempo zu tun. Das ist in Kombination mehr als gut: losschlurfen und dann – Wrrrröööärrm. Bis die Zeit den vollen Hall, den Frequenzteppich, den reifen Sound in den der anderen integriert hat.

„13“ ist eine einzige Feier des Überlebens. Dass das Album mit den gleichen Klängen eröffnet, mit denen 1970 die Geschichte der Band begann, mit einem in Regen übergehenden Wolkenbruch und unheilvollen Glockenschlägen, mag Nichtauskennern sentimental erscheinen. Aber es ist ein Triumph der Godfathers of Metal über die Gruft. Legenden müssen gebildet werden. Menschen, die 1968 noch nicht geboren waren zur Erklärung: Das Album klingt wie ein ins Schleudern geratener und mit Stahlträgern beladener Sattelschlepper.

www.blacksabbath.com

Trailer: www.youtube.com/user/OfficialSabbath

Von Rudolf Mottinger

Wien, 19. 8. 2013