Neu im Kino: „Die Werkstürmer“

August 9, 2013 in Film

Das Leben ist ein Arbeitskampf

Bild: © David Ruehm / Thimfilm

Bild: © David Ruehm / Thimfilm

Ein charmantes Schlitzohr, eine aufmüpfige Gewerkschaftsanwältin und der steirische Erzberg: Hilde Dalik („Die Lottosieger“) und Michael Ostrowski („Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“) geben sich einen romantischen Schlagabtausch in der temporeichsten Komödie des Sommers. – Seit 25. Juli im Kino.

Inhalt: Patrick Angerer (Ostrowski) hat keine Sorgen. Er arbeitet im örtlichen Stahlwerk und hat alles, was ihn glücklich macht: Stammtisch, Haberer und seinen Fußballverein. Nur die Freundin Babs (Dalik) ist abhanden gekommen, sie ist jetzt Gewerkschaftsanwältin im fernen Wien. Kompliziert wird Patricks Leben erst, als Babs ins Dorf zurückkommt und die Lohnverhandlungen im Werk führen soll. Da ist nämlich gar nichts mehr in Ordnung, seit ein Investmentkonzern übernommen hat. Jetzt muss Patrick zeigen, dass auch er für das kämpfen kann, was ihm wirklich wichtig ist – also vor allem für die Babs. Ein scharfzüngiges Pärchen, das Regisseur Andreas Schmied für seine Screwball-Comedy, mit großem Witz, viel politischem Gespür und noch mehr Action arrangiert hat.

„A working class hero is something to be

If you want to be a hero well just follow me“.

(John Lennon)

Interview mit den Hauptdarstellern Hilde Dalik und Michael Ostrowski:

Wie sehen Sie die Figuren, denen Sie beide Ihre Gesichter leihen? Wie funktionieren Patrick Angerer und Babs Brossmann? Welche Entwicklungen machen sie durch? Was mussten sie noch lernen?

Hilde Dalik: „I hob an Schritt gmocht in a Richtung, die dir net taugt hat, und des war’s mit uns. Du hast mi sitzen lassen, Patrick.“ sagt Babs zu Patrick. – Babs kommt zu Beginn des Films in ihr Heimatdorf zurück und findet im Laufe des Films ihre Wurzeln wieder. Sie hat sich von sich selbst entfernt und macht eine Reise, die sie, ob sie will oder nicht, wieder zu sich selbst zurückbringt. Babs lernt, dass sie sich weiterentwickeln kann, ohne, dass sie ihre Wurzeln abreißen muss.

Michael Ostrowski: Ich kann nicht genau sagen, wie der Patrick Angerer funktioniert. Ich hab das Drehbuch gelesen und gewusst, ich kann den gut spielen, weil ich ihn im Großen und Ganzen verstehe. Er redet so, dass ich weiß, was er meint (was sehr hilfreich ist, wenn man was spielen soll). Ich erkenne die meisten seiner Handlungsmotive und finde nachvollziehbar, was er tut oder in seiner Vergangenheit getan hat. Aber es gibt auch Dinge, die ich nicht weiß. Ich glaube, ich nähere mich einer Figur aus zwei Richtungen gleichzeitig: aus einer oberflächlichen (wie schaut er aus, was hat er an, wie schaut sein Bart aus, hat er vielleicht ein Flinserl etc). Das ist genauso wichtig wie die andere Richtung, die von innen heraus kommt. D.h., ich muss ihn zum größten Teil verstehen und nachvollziehen können, warum er was macht. Ich muss also seine Charakterlichkeit annehmen und versuchen so zu handeln, wie es für die Figur richtig und logisch ist. Und jetzt kommen wir wieder zu den Dingen, die ich nicht genau weiß. Das sind jene Sachen, auf die man draufkommt, während man spielt. Diese Dinge kann man sich nicht überlegen, die kann man nur finden oder man stolpert drüber. Das sind vielleicht die interessantesten Momente beim Schauspielen, und oft ist es einem selber gar nicht bewusst. Ich glaube, die lässigen Rollen haben immer mit einem selbst zu tun und bringen Dinge zutage, derer man sich nur bedingt bewusst war. Diese Rolle ist zu  mir geflogen gekommen wie das Vogerl, das sich auf den Fuß setzt, aber der Gruß war nicht von der Mutter, sondern vom Andreas Schmied. Danke schön.

Das Drehbuch der „Werkstürmer“ kam nicht nur bei Novotny und Glehr gut an, sondern eroberte auch bei den Förderanstalten die Herzen. Was macht den unverwechselbaren Charme von „Die Werkstürmer“ aus?

Hilde Dalik: Der Film lebt unter anderem von den vielen Figuren, die ihre Stärken und Schwächen haben. Man mag sie sofort, meint, sie schon lange zu kennen.

Michael Ostrowski: Und: Der Film beschreibt ein für Österreich neues Genre. Arbeiter-Drama trifft auf Komödie, ein bisserl romantisch ist es auch noch. Es ist im besten Sinne kommerziell, das heißt es holt sein Publikum gut ab, man kann sich identifizieren und mit den Figuren mitleben und mitempfinden. Das gefällt den Kommissionen sicher gut. Außerdem funktionieren die Dialoge, sie wirken nicht papierern, auch das ist selten. Aber abseits vom Drehbuch war der Formwille des Regisseurs sehr stark, Licht und Kamera sind absolut wichtig und wurden in der Vorbereitung sehr stark miteinbezogen, es gab ein Farbkonzept, vor allem bei Kostümen und der Ausstattung. Das hebt diesen Film meiner Ansicht nach stark von anderen Kinoproduktionen ab, die einfach abfilmen, was passiert – was bei Charlie Chaplin super ist, aber sonst filmisch eher langweilig. Hier wurden Kinobilder gebaut und nicht nur talking heads abgefilmt (und damit meine ich nicht die Band!).

„Die Werkstürmer“ thematisiert Existenzängste, Wirtschaftsrückgang, Ersatzarbeiter, Venture-Unternehmen, … Ihr Metier ist auch nicht das Sicherste, obwohl Sie beide sehr gut im Geschäft sind. Sind die Themen des Filmes trotzdem auch Themen, die Sie beschäftigen und betreffen?

Hilde Dalik: Ich persönlich versuche meinen Ängsten nicht allzu viel Raum zu geben. Das Thema des Films ist natürlich sehr aktuell.

Michael Ostrowski: Als Künstler lebt man meistens unsicher. Nur wenige haben irgendeine fixe Anstellung bzw. wissen wirklich, wie’s im Leben und in der Arbeit weitergeht, insofern beschäftigt mich das Thema natürlich. Aber gleichzeitig hat man den Luxus, gesellschaftspolitisch relevante Themen künstlerisch zu behandeln. In unserem Fall sind wir sogar auch noch dafür bezahlt worden, das ist schon einmal nicht schlecht. Eine offene Gesellschaft sollte sich diesen Luxus auch leisten, weil wir in einer künstlerischen Arbeit ein anderes Licht auf die Dinge werfen können. Ich kann wirtschaftspolitische Themen anhand konkreter Schicksale greifbar machen. Das kann auch der Journalismus, aber in einem Buch oder einem Film findet oft eine Identifikation des Zusehers mit den Figuren statt, deshalb bleibt uns auch der vom Hauptmann geschundene Woyzeck von Klaus Kinski/Werner Herzog stärker in Erinnerung als ein Artikel, den wir einmal über Erniedrigungen in der Armee gelesen haben.

Schon mal eine menschliche Blockade vor einer Einfahrt gegeben? Gestreikt? Im Sitzen, Stehen, lauthals, leise? – Wie stufen Sie Ihr revolutionäres, kämpferisches Potential ein?

Hilde Dalik: Ich habe einmal in der Schule gestreikt, als unser Herr Direktor ein öffentliches Kussverbot ausgesprochen hat.

Michael Ostrowski: Ich habe in der Schulzeit einmal in Liezen eine Demonstration organisiert gegen den illegalen Verkauf der Noricum-Kanonen ins Ausland. Ich war damals Schulsprecher, und es war für uns das Richtige. Unsere Chemielehrerin hat gemeint, natürlich gehören diese Waffen verkauft, wenn sie schon einmal produziert wurden. Wir haben damals nicht verstanden, wie man so denken kann. Heute seh’ ich die Dinge wieder differenzierter. Aber das Lustige ist, dass das jene Fabrik war, in der wir die Innenaufnahmen des Stahlwerks gedreht haben (Maschinenfabrik Liezen, vormals Noricum). Und tatsächlich ist es schöner, wenn dort keine Kanonen zum Umbringen gefertigt werden, sondern irgendwelche Schrauben oder Turbinenteile oder Drähte. Ich hab auch einmal die Ennsauen besetzt, als geplant war eine Autobahn durch diese Naturschutzgebiete zu bauen. Das freut mich heute noch, dass diese Straße damals verhindert wurde.

Über dem Kopf des gemütlichen Patrick kreist die Frage: „Wie willst du sie zurückgewinnen, wenn du nicht um sie kämpfst? Du ziehst immer den Schwanz ein, wenn’s ernst wird.“ – Was ist es, wofür Sie kämpfen (würdet)? Was lässt Sie Ihre Stimmen erheben?

Hilde Dalik: Dafür, dass Flüchtlinge besser behandelt werden. Dass alle Asylwerber, unabhängig vom Rechtsstatus, solange sie in Österreich sind, eine Grundversorgung erhalten. Dass sie frei über ihren Aufenthaltsort entscheiden können und dass es keine Transfers gegen den Willen der davon Betroffenen gibt. Dass Asylwerber einen Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildungsinstitutionen und Sozialversicherung haben. Und dass alle Abschiebungen nach Ungarn – und andere Abschiebungen nach Dublin-II-Verordnung – gestoppt werden! Dass sozioökonomische Fluchtmotive anerkannt werden! Es wäre auch wichtig, eine unabhängige Instanz einzurichten, die negativ beschiedene Asylverfahren inhaltlich überprüft …

Michael Ostrowski: Ich finde Ungerechtigkeiten schwer zu ertragen. Warum sollen manche Menschen vom Recht auf Nahrung ausgenommen sein? Vom Recht auf freie Meinungsäußerung? Warum gibt’s so unglaubliche Armut – und daneben so unermesslichen Reichtum? Ich glaube an eine gesellschaftliche Verantwortung jenen Menschen gegenüber, die Hilfe brauchen. So einfach ist das. Und ich wehre mich gegen eine grassierende Biederkeit, die gerne alles erklärbar machen will in der Kunst und alle Ausrisse aus der scheinbaren Normalität zurechtbiegen will. Eine gut gemeinte Unverbindlichkeit, die nichts mehr riskiert.

Michael Ostrowski ist recht viel im Fußballtrikot zu sehen – Fußball in der steirischen Provinz spielte in Ihrer Filmographie schon mal eine große Rolle: in „Making of Futbol“. Ja, welche Rolle spielt Fußball denn? Kann Fußball die Welt retten?

Michael Ostrowski: Fußball ist auf jeden Fall besser als kein Fußball. Es ist super zu spielen, es ist meistens spannend anzuschauen, und es ist ein Teamsport, was wiederum nicht schlecht ist, weil man dabei nicht nur sich selbst, sondern auch viele unterschiedliche Leute (aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten) kennenlernt.

Welche „ersten Male“ brachte der Dreh für Sie? Was haben Sie in den Vorbereitungen gelernt?

Hilde Dalik: Ich hab zum ersten Mal in einem Film Steirisch gesprochen. Das ist nicht meine Muttersprache, also hab ich einen Sprachcoach engagiert, der mir den Dialekt beigebracht hat. Der Auftrag vom Regisseur war: „nicht böllen, sondern Stoasteirisch.“ Ich musste viel Kernöl trinken, dann ging’s wie geschmiert.

Michael Ostrowski ist mit der steirischen Provinz vertraut – wie sieht das für Sie aus, Frau Dalik? Gab es Berührungspunkte zum Ort? Unterscheidet sich das Miteinander am Land vom städtischen?

Hilde Dalik: Ich war vor dem Dreh noch nie in Eisenerz und hab gehört, wie rau das Klima in vielen Bereichen sein soll. Vorgefunden hab ich dann Herzlichkeit, Wärme und Sonnenschein, die ihresgleichen suchen. – Und eine märchenhafte Landschaft wie aus „Herr der Ringe“ (und ich meine nicht Mordor!)

Michael Ostrowski: Ja, Land und Stadt sind unterschiedlich. Es gibt am Land andere Gesetze, weil man einander kennt, weiß, woher der andere kommt, wo er wohnt und wer seine Oma ist. Das Thema des Miteinander am Land war schon in Helmut Köppings Film „Kotsch“ (2005) zentral. Der Drehbuchautor Gregor Stadlober kommt aus Fohnsdorf, wo Kotsch spielt, ebenso wie Andreas Schmied. Beide Stoffe verbindet, dass die Industrie langsam verschwindet und die Menschen oft ohne Arbeit zurückbleiben; die Kleinstädte verändern sich, aus dicht besiedelten Industriegebieten werden oft etwas triste Ex-Industriestädte mit großem Einwohnerschwund. In „Kotsch“ schaffen die jungen Protagonisten den Absprung nicht recht. Meine Figur Chris, ein durch sich selbst verhinderter Anti-Künstler, sagt den schönen Satz: „Glaubst i geh nach Wien und lass mi entdecken?!“ Bei den „Werkstürmern“ ist es Patrick, der zwischen den Stühlen sitzt: Er will nicht nach Wien (und gibt dadurch seine Beziehung zu Babs auf), er ist vielleicht stärker in seiner Gemeinschaft verwurzelt als er das sich selber eingesteht. Babs entdeckt dafür ihre Wurzeln wieder neu, als sie zurückkommt und mit der ihr vertrauten Gemeinschaft zu kämpfen beginnt.

Zum Titel „Die Werkstürmer“: Wer sind die eigentlichen „Werkstürmer“? – Die, die aus dem Familienbetrieb etwas Internationaleres basteln wollten? Die, die es aus der Ferne lenken und über seine Zukunft erscheinen wollen? Die, die dort schon immer gearbeitet haben und sich „ihr“ Werk nicht nehmen lassen wollen und es nun verteidigen?

Hilde Dalik: Die Werkstürmer sind die, die sich ihr Werk nicht nehmen lassen wollen. Die Arbeiter, die im Stahlwerk Schweiß und Herzblut lassen. Und die vom FC Falkendorf, da gibt’s allerdings neben den Werkstürmern auch Werkverteidiger und einen Werktormann.

Der bleibende Moment während des Drehs?

Hilde Dalik: Eine sehr lange Kette von glücklichen Momenten hat sich in mein Eisenherz geschweißt!

Michael Ostrowski: Legendäre Tischtennis-Turniere im Keller des Präbichlerhofs! („Die Fritzl-Keller-Open“, wie wir sie liebevoll genannt haben …)

www.diewerkstuermer.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=OHPuWPqFLdQ

Von Michaela Mottinger

Wien, 25. 7. 2013