Robert Seethaler: „Der Trafikant“

August 8, 2013 in Buch

Nicht einmal Sigmund Freund weiß Rat

seethaler_trafikant_3DEs ist die Zeit, in der kein Stein auf dem anderen bleiben wird. 1937/1938. Wien. Die Mutter schickt ihren Sohn Franz, 17 Jahre alt, aus dem Salzkammergut in die Stadt. Er soll was lernen in der Trafik vom Otto Trsnjek im 9. Bezirk, Währingerstraße. Der hat im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren, verkauft Zeitungen, Zigarren und „besondere“ Zeitschriften für den Herrn. Sigmund Freud ist sein Stammkunde. (Für Rauchwaren natürlich, alles andere ist Traumdeutung.) Trsnjek daher ein Judenfreund und Nachbar Fleischhauer mit Leib, aber ohne Seele Denunziant. Franz, der Simplicissimus, das naive Kind vom Land, begegnet der Zeitgeschichte, ohne es zu ahnen. Immer mehr Hakenkreuzfahnen, immer mehr braune Hemden, immer mehr „Heil Hitler!“, auf das Franz ein höfliches „Grüß Gott“ erwidert. Immer öfter Hotel Métropole. Morzinplatz. Franz verliebt sich in die exotische, böhmische Tänzerin Anezka. Entdeckt, dass er ein Mann ist. Besser gesagt: wird von ihr entjungfert. Verzweifelt, als sie, die Opportunistin, die (Überlebens)künstlerin, Herren mit Totenköpfen auf schwarzen Uniformen bevorzugt. Und sucht Rat in der Berggasse 9. Doch dort ist man längst am Packen. Judenverfolgung. London. Gegen dieses Pack weiß auch der große Psychoanalytiker keinen Rat.

Seethaler erzählt das alles filigran-feinfühlig, ein zartes Wortgebinde, das sich sanft über die bösartige Historie legt und Verbrechen nicht  zudeckt, sondern so erst greifbar macht. Die Sprache ist einfach. Es ist Franz‘ Sprache. Wie der Bub denkt, redet, so schreibt Seethaler. Rührend die Briefe, in denen er der Mutter daheim schildert, alles sei in Ordnung. Mehr und mehr kann man im Schriftwechsel der beiden zwischen den Zeilen lesen, dass es das nicht ist. Großartig auch ein kurzer Dialog mit Freud: Franz: „Könnte es vielleicht sein, dass Ihre Couchmethode nichts anderes macht, als die Leute von ihren ausgelatschten, aber gemütlichen Wegen abzudrängeln, um sie auf einen völlig unbekannten Steinacker zu schicken, wo sie sich mühselig ihren Weg suchen müssen, von dem sie nicht die geringste Ahnung haben, wie er aussieht, wie weit er geht und ob er überhaupt zu irgendeinem Ziel führt?‘ Freud hob die Augenbrauen und öffnete langsam den Mund. ‚Könnte das sein? Habe ich etwas unglaublich Blödsinniges gesagt?‘ wiederholte Franz. Freud schluckte. ‚Nein, das hast du nicht. Das hast du ganz und gar nicht.'“ Wurde Psychotherapie je treffender beschrieben?

Mit dieser Leichtigkeit, mitunter sogar Komik,  kontrastiert Seethaler in seinem Roman die sich dramatisch zuspitzenden politischen Verhältnisse, das Grauen, das sich rund um Franz aufbaut. Otto Trsnjek wird von der Gestapo abgeholt. Tage später erhält Franz ein Paket mit der letzten Habe des „an einem plötzlichen Herzinfarkt“ Verstorbenen. Freud hat ihn gelehrt, dass im anscheinend Unüberwindlichen auch Kleines Wirkung tut, ein Signal setzen kann. So zieht Franz am Morzinplatz nächtens statt der Naziflagge die einbeinige Hose Trsnjeks auf den Mast. Es kommt, wie es kommen musste … Seethaler erzählt das alles ohne Pathos, ohne Übertreibung, ohne „Drama“. Dennoch: Entsetzen stellt sich beim Lesen ein. Und die Melancholie, Grundfarbe dieses ganzen außerordentlichen Buches, hat das letzte Wort.

ZUM AUTOR: Robert Seethaler, 1966 in Wien geboren, wurde 2007 für seinen Roman Die Biene und der Kurt mit dem Debütpreis des Buddenbrookhauses ausgezeichnet. Er erhielt zahlreiche Stipendien, darunter das Alfred-Döblin Stipendium der Akademie der Künste. Der Film nach seinem Drehbuch Die zweite Frau wurde mehrfach ausgezeichnet und lief auf verschiedenen internationalen Filmfestivals. 2008 erschien sein zweiter Roman Die weiteren Aussichten. Jetzt wirds ernst wurde 2010 veröffentlicht. Sein neuster Roman Der Trafikant erschien 2012. Robert Seethaler lebt und schreibt in Wien und Berlin.

Robert Seethaler: „Der Trafikant“. Roman. Kein & Aber, Zürich 2012. 250 Seiten.

www.keinundaber.ch

www.robertseethaler.de

Von Rudolf Mottinger

Wien, 8. 8. 2013