Michael Allred, Steve Horton, Laura Allred: Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume

März 19, 2022 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

The Rise and Fall of Ziggy Stardust

„Dieses Buch wird mit maximaler Lautstärke gespielt!“, weist Comic Book Artist Michael Allred die Leserinnen und Leser schussendlich an. Gemeinsam mit Schriftsteller Steve Horton und Ehefrau Laura Allred, der Koloristin im Team, wagte sich der Künstler an ein Herzensprojekt, das er wie manches, dass er für nicht umsetzbar hielt, im Hinterkopf abspeicherte: eine Graphic Novel über Allreds musikalischen und auch sonstigen Hero David Bowie.

Schon als Schüler zeichnete Allred Bowie-Comics, schließlich legte er dessen Management sogar einen Ziggy-Stardust-Comic vor, aber ach, da hatte das „Chamäleon“ bereits andere Pläne. „Als ich später ,Red Rocket 7‘ veröffentlichte, die Story eines rothaarigen Aliens und dessen Blick auf den Rock’n’Roll, hörte ich, Bowie sei das Buch aufgefallen“, so Allred. Ja, er hätte sogar die Textzeile „See my life in a comic“ aus „New Killer Star“ darauf bezogen – und wenn’s nicht stimmt, so ist es gut erfunden.

„Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume“ konzentriert sich nun auf David Bowies grandiose Glam-Rock-Karriere durch den kosmischen Aufstieg der Kunstfigur Ziggy Stardust, wobei als Rahmen der Geschichte das schicksalhafte Konzert im Londoner Hammersmith Odeon am 3. Juli 1973 dient, wo sich Bowie von seinem Alien-Alter-Ego und der Band „The Spiders from Mars“ trennte. Die Popkultur-Ikone scheint bei der Pop-Art-Ikone in besten Händen: Michael und Laura Allred ließen sich durch Albumcover und bekannte Fotografien zu einem psychedelischen Farbenrausch inspirierten. Das Buch ist voll von visuellen Zitaten aus der Zeitkultur.

Horton und die Allreds fangen Biografisches ein, das außer bei eingefleischten Bowie-Fans vielleicht nicht Allgemeinwissen ist: 1962, der Fight mit seinem Freund George Underwood um ein Mädchen, der in einer Verletzung, der dauerhaft geweiteten linken Pupille endete – womit Bowies Markenzeichen der beiden unterschiedlich farbigen Augen in die Welt gesetzt war. Seine Pantomimenausbildung 1966 beim provokant-transgressiven Theatermacher Lindsay Kemp, der in diesen Tagen auch Bowies Lover gewesen sein soll.

Die Namenstaufe durch Manager Ken Pitt, da auch einer der populären „Monkees“ David Jones hieß. Vorschlag David: „Bowie“ – Ken Pitt: „Wie das Messer?“ – „Fast, wie David Bowie der Grenzer.“ (James Bowie, ca. 1796 – 1836, war amerikanischer Grenzgänger, Militärführer in der Texas-Revolution und Verteidiger von Alamo. Die Stadt Bowie und Bowie County, beide in Texas, sind nach ihm benannt – und das Bowiemesser, Anm.). 1967, Einweisung von Davids älterem Halbbruder Terry Burns wegen Schizophrenie in die Nervenklinik Cane Hill. 1985 warf sich Terry vor einen Zug. Ein Werbespot für Eis am Stiel mit dem No-name-Regisseur Ridley Scott, das Vorsprechen für die „Rocky Horror Show“ sowohl als Frank’n‘Furter als auch Riff Raff – und die Absage, 1969 seine Vorbereitung auf die Rolle in „The Virgin Soldiers“, nur um festzustellen, dass er als „Soldat im Aufenthaltsraum“ schweigender Statist ist. Immerhin im selben Jahr die „Space Oddity“ mit Major Tom.

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Zu Privatem gesellt sich die langer than life Musikkarriere. Spätestens an dieser Stelle werden Allreds fantastischen Zeichnungen zu einem prächtigen Bildband. In „Bowie“ springen einen die Farben und Formen nur so an, man möchte drin versinken und man kann sich gar nicht satt sehen. Seite für Seite, Panel für Panel wird hier ganz große Comic-Kunst abgeliefert. Auch die Bandhistory ist, wie bei den Geliebten diverser Geschlechter, ein Kommen und Gehen. Bowies bester Freund Marc Bolan, der später T.Rex gründet, Tony Visconti, Produzent und mitunter auch Bassist, Gitarrist Mick Ronson, Mick Woodsmaney am Schlagzeug, Trevor Bolder, der von Visconti den Bass übernimmt – ein unüberschaubares Namedropping.

Dazu Frust mit Plattenfirmen vor allem in den USA, Mercury Records, die 1970 Bowie im Man Dress als Coverfoto für „The Man Who Sold The World“, aufgenommen in Haddon Hall mit Ehefrau Angie, ablehnten. Konflikte mit der Band, die durch Bowies zunehmende Starallüren genervt ist – er im Jaguar unterwegs zum nächsten Gig, die anderen im Tourbus, wo Gespräche ergeben, dass sie unterschiedlich entlohnt werden. Begegnungen mit Iggy Pop, Lou Reed, Mick Jagger, Freddie Mercury, einem Newcomer namens Bruce Springsteen oder Alice Cooper – und so exaltiert, wie Iggy Pops kalter Entzug in einem Hotelzimmer dargestellt ist, so auch ein Bild, in dem Bowie das Empire State Building besteigt, oder eines inspiriert vom Letzten Abendmahl Leonardo Da Vincis, mit Bowie als Messias in der Mitte.

Auf all diesen Seiten sind sowohl Bowies kreatives Potential als auch sein komplexer Charakter zum Greifen nah. 1972 sagte David Bowie in einem Interview mit dem Melody Maker „Ich bin schwul und war es immer schon.“ Seine späteren Reaktionen: 1978: „Das Beste was ich jemals sagte.“ – 1983: „Der größte Fehler meines Lebens.“ – 1993: „Ich fühlte mich nicht gerade gut damit. Aber es musste sein.“ Als Bowie bei einem Auftritt in der TV-Show „Top of the Pops“ einen Arm um Mick Ronson legt, wird das zum Skandal. Beim Finale von „Suffragette City“ in der Oxford Town Hall schießt Mick Rock eines der wirkmächtigsten Bilder des Rock’n’Roll, als Bowie Ronsons Gitarre mit den Zähnen spielt.

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Was der Allreds und Hortons Arbeit besonders macht und über das Niveau etlicher weiterer Künstlerbiografien oder Biopics hebt, ist der fiebrig-extravante Stil, der in der Handlungszeit geradezu schwelgt – diese Graphiken erinnern an den niederländischen Zeichner Typex, der für seine wunderbare Andy-Warhol-Biographie jedes einzelne Kapitel im jeweils dazu passenden zeitgenössischen Comicstil gehalten hat – ist, dass hier auf viele Details, nur scheinbare Nebensächlichkeiten und vor allem auf die gegenseitige Wirkung mit anderen Künstlerinnen und Künstlern eingegangen wird.

Weder wird hier die Mär vom überirdischen Genie erzählt, noch eine Story über Sex, Drugs & Rock’n’Roll. Vielmehr beleuchtet „Bowie“ eine aufregende Zeit des künstlerischen Umbruchs, in der Tabubrüche noch sehr einfach zu bewerkstelligen waren. Und von einem jungen Mann, der seine Identität sucht und sein Ich letztlich aus der Summe der Inspirationen, die ihn umgeben, zusammenpuzzelt. Das entmystifiziert David Bowie von jedem Kult um seine Person und macht ihn sympathischer und menschlicher, als es die meisten anderen geschriebenen, nicht nur gezeichneten Biografien mit ihren Stars schaffen.

„Bowie“ ist eine schwelgerische, detailverliebte Graphic Novel – und eine absolute Leseempfehlung. Und dass Michael Allred im Nachwort mit einer möglichen Fortsetzung liebäugelt … an den Leserinnen und Lesern wird’s kaum scheitern. Ist doch eine Bildmontage als Epilog ein visueller Höhepunkt, eine Art Vorschau auf Halloween Jack, The Soul Man, The Thin White Duke, The DJ, Pierrot, Screaming Lord Byron, Jareth, der Koboldkönig, The Blind Prophet – und Iman.

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

© Allred, Horton, Allred. © Cross Cult Verlag / Reprodukt

Über die AutorInnen: Michael Allred, ausgezeichnet mit dem Eisner-Award, ist der Künstler hinter Comic-Klassikern wie „Madman, „Silver Surfer“, „Red Rocket 7“ und „iZombie“. Seine Arbeit am achten Band von Fables brachte ihm für zehn Wochen den ersten Platz auf der New York Times Bestsellerliste für Graphic Fiction. Er war auch Mitschöpfer und wesentlicher Mitwirkender an bahnbrechenden Werken wie Neil Gaimans „Sandman“, Doom Patrol“, Bug! The Adventures of Forager“, Batman ‘66“ und „X-Force“.

Steve Horton ist der Autor und Mitschöpfer der von der Kritik gefeierten IDW-Serie „Satellite Falling“, die Comic-Veteran Jimmy Palmiotti als seine neue Lieblingsserie bezeichnete, sowie der Dark Horse-Serie „Amala’s Blade“. Horton hat für eine Reihe von Comicverlagen gearbeitet, darunter DC, Image, Dark Horse und IDW.

Laura Allred hat den Großteil von Michael Allreds Werk über Jahrzehnte hinweg koloriert. Nach zwei früheren Nominierungen für „Red Rocket 7“ im Jahr 1998 und „Madman“ und „Happydale“ im Jahr 2000 gewann sie 2012 einen Eisner Award für ihre Arbeit an „iZombie“ und „Madman“. Sie hat auch mit anderen Künstlern gearbeitet, wie Jaime Hernandez, Joelle Jones, Art Adams, Geof Darrow, Paul Pope und Darwyn Cooke.

Cross Cult Verlag, Michael Allred, Steve Horton, Laura Allred: „Bowie. Sternenstaub, Strahlenkanone und Tagträume“, Graphic Novel, 160 Seiten. Mit einem Vorwort von Neil Gaiman. Übersetzt aus dem Englischen von Michael Schuster.

WEITERE EMPFEHLUNGEN VON CROSS CULT: Raumschiff-Enterprise-Steuermann George Takei: „They Called Us Enemy. Eine Kindheit im Internierungslager“, Graphic Novel, 208 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42990 Jessica Bab Bonde und Peter Bergting über Kinder in NS-Konzentrationslagern: „Bald sind wir wieder zu Hause“, Graphic Novel, 104 Seiten. Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44223

www.cross-cult.de

19. 3. 2022