Sommerspiele Perchtoldsdorf: „Der Revisor“

Juli 4, 2013 in Bühne

Witzfiguren einmal ernst genommen

Raphael von Bargen (M.) und die Größen der Provinz Bild: Barbara Palffy

Raphael von Bargen (M.) und die Größen der Provinz
Bild: Barbara Palffy

Mit Gogols „Der Revisor“ verabschiedet sich Barbara Bissmeier als Intendantin der Sommerspiele Perchtoldsdorf. Christine Wipplinger führte Regie in dem nach einer Puschkin-Anekdote (der Dichter wurde in einer Provinzstadt tatsächlich einmal für einen geheimen Moskauer Beamten gehalten) 1835 verfassten Stück. Und sie tat es mit Verve und Augenzwinkern und mit historischen Kostümen. Weil man Korruption und Bestechung dieser Tage ja kaum mehr kennt, oder? Die Verhältnisse, sie sind nicht so, wenn die Motten ein Irrlicht umschwirren … Und so gelang es Wipplinger einerseits das Groteske an Gogols Satire herauszukitzeln, andererseits seine Honoratioren, allesamt Witzfiguren, sehr ernst zu nehmen. Lachen mit Köpfchen (statt Schenkelklopfhumor) ist an diesem Abend angesagt. Dazu beglückte die Regisseurin mit perfektem Komödien-Timing. Und: Die prächtige Perchtoldsdorfer Burg war wieder als wichtiger Teil der Kulisse (Bühnenbild: Erich Uiberlacker) im Spiel. Die neue Übersetzung von Andrej Iwanowski lässt zwischen den Zeilen auch Zotiges zu.

Raphael von Bargen gibt den „Revisor“ Chlestakow, Sven Dolinski seinen Diener Ossip. Einer ein größeres Schlitzohr als der andere leben sie zwischen Streit und Subversion. Wobei Ersterer vom hochtrabenden Hochstapler in Sekundenschnelle zu weinerlich-wehleidig changieren kann, wenn er sich enttarnt glaubt, während sich die Loyalität des Zweiteren in Grenzen hält, so lange finanzielle Zuwendungen in seine Tasche fließen. Beide liefern ein Kabinettstück ab, vor allem Dolinski, der seinem Ossip völlig neue Farben gibt.

Das zweite Traumpaar des Abends sind I Stangl und Horst Heiss als Gutsbesitzer Bobtschinski und Dobtschinski, ein Duo wie weiland Laurel und Hardy. Dann natürlich die gewichtigen Männer: Fritz Hammel ist ein bösartig katzbuckelnder, cholerischer Stadthauptmann, der nicht seine mit wenig Intelligenz gesegnete Truppe an die Kandare nehmen muss, sondern auch Frau (Petra Strasser) und Tochter (Katharina Haudum), die sich alsbald um die Zuneigung des Feschak Chlestakow in den Haaren liegen bzw. an diesen ziehen. Oliver Huether ist ein selbstgerechter, sich seiner zwischen Aktenbergen verborgenen Sache sehr sicherer Richter; Georg Kusztrich ein ängstlicher Armenanstaltsverwalter, setzt er doch auf die Devise: Wozu Medizin? Wen die Natur nicht heilt, den holt Gott eben zu sich … Ein Panoptikum menschlicher Grauslichkeiten, das Wipplinger da auf die Bühne stellt. Und zwar so, dass die „Anfütterung“ des vermeintlichen Revisors durchaus für Erheiterung sorgt. Am Schluss ist der, sattgefressen und die Taschen voller Geld, schon wieder unterwegs – aber das Unheil für die Stadt, in der jeder Dreck am Stecken hat, noch nicht zu Ende …

Wieder einmal sieht man in Perchtoldsdorf also Unterhaltung mit Haltung. Mit Niveau. Bissmeiers Nachfolger, Michael Sturminger, will diesen erfolgreichen Weg 2014 mit „Das Kätchen von Heilbronn“ fortsetzen.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.mottingers-meinung.at/barbara-bissmeier-und-michael-sturminger-im-gesprach/

Von Michaela Mottinger

Wien, 4. 7. 2013