Belvedere: Lebensnah. Realistische Kunst 1850 – 1950

März 14, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Blick auf soziogesellschaftliche Gegebenheiten

Wilhelm Trübner: Caesar am Rubicon, um 1878. © Belvedere, Wien

Ist alles realistisch, was lebensnah scheint? Welche Kontinuitäten finden sich im Realismus über die Jahrzehnte hinweg? Die neue Sonder- schau im Oberen Belvedere „Lebensnah. Realistische Kunst von 1850 bis 1950“ zeigt ab 18. März den Facetten- reichtum einer Kunst- auffassung, die sich von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Jahr 1950 auch als Spiegel ihrer sozialen Umwelt verstand. Bis heute begeistern Werke realistischer Strömungen durch ihre beeindruckenden Maltechniken und Themenvielfalt.

Der Ausstellung ging ein Streifzug durch die Sammlung des Belvedere voraus. Die dabei entdeckten Werke, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zu den 1950er-Jahren stammen, haben sich einer wirklichkeitsgetreuen Wiedergabe verschrieben und werden nun in einer erhellenden Gegenüberstellung präsentiert. Welche Merkmale und Inhalte finden sich über diesen Zeitraum hinweg in den verschiedenen realistischen Ausrichtungen?

Edouard Frédéric Wilhelm Richter: Orientalin, um 1875. © Belvedere, Wien

Jef Leempoels: Die Weinenden, um 1895. © Belvedere, Wien

Sergius Pauser: Luis Trenker mit Kamera, 1938. © Belvedere, Wien

Hierfür werden Kunstwerke unterschiedlicher Entstehungsphasen miteinander konfrontiert. Die Schau zeigt bisher kaum gezeigte Gemälde, die sich durch eine lebensnahe Darstellung auszeichnen. Diese Nähe zur realen Welt wird vielfach durch eine besondere Akribie in der Maltechnik erzielt. Der Blick auf das, was „real“ zu sein scheint, rückt auch den sozioanalytischen Inhalt mancher Werke in den Fokus: So spiegeln realistische Sujets auch soziale und gesellschaftliche Realitäten wider.

Anton Filkuka: Holzsammelnde Kinder, 1925. Bild: Johannes Stoll / © Belvedere, Wien

Erich Miller-Hauenfels: Hof zwischen Großstadthäusern, 1934. © Belvedere, Wien

 

Herbert Ploberger, Stillleben, 1926. Bild: Johannes Stoll / © Belvedere, Wien

August Eduard Wenzel: Im Museum, 1939.
© Belvedere, Wien


Von vertrauten Motivgattungen wie dem Porträt oder dem Stillleben spannt sich der Bogen zu komplexeren Themen wie der Instrumentalisierung realistischer Malerei in der Politik und sozialer Einflussnahme. Mit einigen der Bilder gibt es nach Jahren im Depot ein Wiedersehen, darunter Édouard Frédéric Wilhelm Richters „Orientalin“ (um 1875), Emanuel Baschnys „Lesender Mann“ (1905), Erich Miller-Hauenfels’ „Hof zwischen Großstadthäusern“ (1934) und Gustav Klimts „Bildnis der Mathilde Trau“ (um 1893) – seit 2019 Dauerleihgabe im Belvedere. Die Ausstellung ist kuratiert von Kerstin Jesse und Franz Smola.

Zu sehen bis 1. November.

www.belvedere.at

14. 3. 2022