Filmmuseum: Michael Haneke – Retrospektive

Februar 28, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 80. Geburtstag des preisgekrönten Regisseurs

Michael Haneke, Bild: Stefan Haring / Wega Film

Spätestens seit seinem Oscar-Gewinn für den besten fremdsprachigen Film (Amour, 2012) ist Michael Haneke international über das österreichische Kino hinaus zu einer Personenmarke avanciert wie kein anderer seiner Zeitgenossen. Zu seinem 80. Geburtstag widmet ihm das Filmmuseum vom 4. März bis 2. Mai eine umfassende Retrospektive. Haneke begann seine Karriere im deutschsprachigen Theater und Fernsehen und debütierte erst 1989 mit „Der siebente Kontinent“ als Kinofilmregisseur.

Sein unsentimentaler Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft sowie seine präzisen, oftmals verstörenden Erzählkonstruktionen machten ihn aber schnell zu einem der meistkommentierten und umstrittensten Regisseure der Filmgeschichte. Seit seinem Leinwanddebüt findet man sich Auge in Auge mit einem Werk von kristalliner Klarheit und emotionaler Wucht, das in seiner Verbindung von handwerklicher Fertigkeit und Anspruch an die Vorstellungskraft und Empathie seines Publikums einzigartig ist.

„Die oberste Tugend der Kunst ist die Genauigkeit. Intensität entsteht durch Genauigkeit im Detail. Deshalb ist Genauigkeit sowohl eine ästhetische wie auch eine moralische Kategorie. Sie stellt eine Verpflichtung dar. Sozusagen den moralischen Imperativ der Kunst.“ Mit diesem Zitat (2010 im Gespräch mit Thomas Assheuer) bringt Michael Haneke das Ethos seiner künstlerischen Arbeit auf den Punkt: es sich (und anderen) nicht leicht zu machen, um im Medium des Films jene Genauigkeit und Schlichtheit des Ausdrucks zu erreichen, die der Wirklichkeit angemessen ist.

Der radikalen Schlichtheit seines Kinodebüts folgten mit Benny’s Video“ (1992) und „71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls“(1994) nicht weniger unerbittliche Studien menschlichen Zusammenlebens, von Tod und (Selbst-)Zerstörung. Immer signifikant ist in Hanekes Filmen die Rolle der elektronischen Medien Fernsehen und Radio. In die häuslichen Katastrophen der kleinbürgerlichen Protagonist*innen der Filme ragt, über das Flimmern und Rauschen der Apparate, die Außenwelt als Spektakel herein – so die Videobilder nicht, wie im Meta-Psychothriller „Caché“ (2005) gleichsam gewaltsam ins Haus und ins Leben von Hanekes Figuren eindringen.

Das Schloss, 1997, Michael Haneke, Bild: Wega Film

Funny Games U.S., 2007, Michael Haneke. Bild: Österreichisches Filmmuseum

La Pianiste (Die Klavierspielerin), 2001, Michael Haneke. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Code inconnu (Code: unbekannt), 2000, Michael Haneke. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Im neuen Jahrtausend gelingt Haneke ein Sprung, nicht nur vom deutschen in den französischen Sprachraum, sondern hin zu einer Erweiterung seines thematischen und formalen Spektrums. Dem in Sachen Komplexität und Vieldeutigkeit Meilensteine setzenden „Code inconnu“ (Code: unbekannt, 2000) folgen in schnellem Takt so unterschiedliche Filme wie die gefeierte Elfriede-Jelinek-Adaption „La Pianiste“ (Die Klavierspielerin, 2001) oder die rätselhafte Katastrophen-Sci-Fi-Erzählung „Le Temps du loup“ (Wolfzeit, 2003). Haneke inszeniert Thriller wie den erwähnten Caché (2005) und die verstörende Hollywood-Neuinszenierung „Funny Games U.S.“ (2007), aber auch psychologische Dramen wie die internationalen Arthouse-Erfolge „Das weiße Band“ (2009) und den Oscar-preisgekrönten Film „Amour“ (2012), zuletzt auch die Tragikomödie „Happy End“ (2017).

Wie sich dieses ästhetische Programm bereits lang vor „Der siebente Kontinent“ formierte, zeigt Hanekes weniger bekanntes, dafür umso umfangreicheres und vor allem sehr „kinematografisches“ Schaffen für das Fernsehen. Nach dem Studium in Wien ging der 1942 geborene und in Wiener Neustadt aufgewachsene Haneke nach Deutschland und arbeitete ab 1967 als Redakteur und Fernsehspieldramaturg beim Südwestfunk (SWR). 1974 entstand sein erster Fernsehfilm „… und was kommt danach?“ (After Liverpool), gefolgt von vielbeachteten TV-Filmen, unter anderem nach Vorlagen von Ingeborg Bachmann (Drei Wege zum See) und Peter Rosei (Wer war Edgar Allan?). Ein Schlüsselwerk stellt der autobiografische Zweiteiler „Lemminge“ (1979) dar.

Die erste Nachkriegsgeneration im Wiener Neustadt der ausgehenden 1950er Jahre als „lost generation“: die Schuld der Eltern, die Unfähigkeit zu kommunizieren, Gewalt als Ausbruch, und ein Unbehagen, das sich nicht aus der Aktion, sondern aus dem Alltäglichen seines Figurenensembles entfaltet. Diesen Spuren kann man im Rahmen der Retrospektive nachgehen. Dank der Zusammenarbeit mit dem ORF-Archiv ist Michael Hanekes Schaffen für das deutsche und österreichische Fernsehen beinahe komplett zu sehen, „Lemminge“ in einer neuen, von 16mm hergestellten digitalen Fassung.

Caché, 2005, Michael Haneke. Bild: Österr. Filmmuseum

Happy End, 2017, Michael Haneke. Bild: Österr. Filmmuseum

Amour (Liebe), 2012, Michael Haneke. Bild: Österr. Filmmuseum

Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte, 2009, Michael Haneke. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Allen Filmen Hanekes gemein sind Präzision in Schauspielführung, Mise-en-scène, Schnitt und Tongestaltung. Bei aller Heterogenität treten in jedem dieser Werke Hanekes überragende Musikalität sowie sein Sinn für Form, Struktur und Symmetrie zu Tage. Weit entfernt davon, Selbstzweck, l’art pour l’art zu sein, ist Hanekes Kino ganz der Mündigkeit und Reflexionsfähigkeit seines Publikums verpflichtet. Hier kommt der eingangs erwähnte, moralische Imperativ wieder ins Spiel. Kunst ist „Verdichtung“ so Haneke, „erfordert in der Rezeption Arbeit“. Hanekes Kino stellt unangenehme Fragen, anstatt sein Publikum mit einfachen Antworten ruhig zu stellen.

Die Retrospektive des Österreichischen Filmmuseums entstand in Kooperation mit dem Wiener Musikverein, wo von 24. bis 27. März im Rahmen des Programms Musikverein Perspektiven: Michael Haneke der Musikalität in Hanekes Werk in Konzerten und Diskussionen nachgegangen wird. Michael Haneke wird im Rahmen der Eröffnung seiner Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum am 4. März sowie bei der Vorführung der neuen digitalen Fassung von „Lemminge“ am 5. März persönlich anwesend sein.

Auch die Diagonale zeigt zum achtzigsten Geburtstag des vielfach preisgekrönten Regisseurs und Drehbuchautors Michael Haneke zwei seiner Werke: „Funny Games“ (1997) und „Funny Games U.S.“ (2007). Letzterer ist das US-Remake des 1997 gedrehten Psychothrillers, in dem Haneke die Erstversion Szene für Szene mit unterschiedlichen Hauptdarsteller*innen nachdrehte. Beide Filme zeigen, wie das Urlaubsidyll einer dreiköpfigen Familie durch das Erscheinen zweier junger Männer mit perfiden Gewaltfantasien jäh zerstört wird.

www.filmmuseum.at

28. 2. 2022