Weltmuseum Wien: „… aus Afghanistan“

Januar 25, 2022 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Flüchtlinge erzählen mit Alltagsobjekten über ihre Heimat

Brigitte Neubacher: Afghanistan 1994. Bild: © Brigitte Neubacher

Die Einnahme Kabuls durch die Taliban im August 2021 und die Bilder, die davon um die Welt gingen, fordern einen genaueren Blick auf Afghanistan und seine Menschen. Die Sammlungen des Weltmuseums Wien geben einen Einblick in das Leben, die Geschichte und die Kulturen Afghanistans. Das Weltmuseum Wien hat Männer und Frauen aus Afghanistan, die in Wien leben, eingeladen, Objekte auszuwählen und ihre Geschichten mit den

Besucherinnen und Besuchern des Museums zu teilen. Gegenstände verschiedener ethnischer Gruppen sollen das Bild von Afghanistan mit vielfältigen, lebensbejahenden Eindrücken bereichern. So ist die sehenswerte Präsentation „… aus Afghanistan“ entstanden. Die Ausstellung wirft Streiflichter auf Szenen des alltäglichen Lebens von Afghaninnen und Afghanen in deren ursprünglichen Heimat bis hin zum Leben von in Wien wohnenden Geflüchteten. Das Weltmuseum Wien will mit dieser Ausstellung ein anderes Bild zeigen, als es viele Medienberichte nach der Machtübernahme der Taliban am 15. August 2021 boten. Die Ausstellung zeichnet aus, dass sie nicht von MuseumskuratorInnen alleine gestaltet wurde. Vielmehr haben in Wien lebende Afghaninnen und Afghanen Objekte aus der Sammlung des Museums ausgewählt oder dem Museum eigene geliehen, die ihnen wichtig erschienen, um über das Leben in ihrer alten Heimat und in Wien zu berichten.

Sie haben auch Texte zu verschiedenen Themen verfasst, die in der Präsentation zu lesen sind. Beispielweise Batul Abedi über das Gebetstuch: Die drei Wörter heißen „Mohammed“, „Hasan“ und „Ali“. Das Tuch wird also von Schiiten verwendet. Die beiden erhobenen Hände stehen für das Beten in Richtung zu Gott. Bei mir zu Hause hängt so ein Tuch an der Wand gegenüber dem Sofa. Oder Rahmatullah Ahmadi über die Teekanne: Tee ist für uns Afghanen ein Getränk das Energie bringt und auch erfrischt. Wenn ein Gast kommt oder wir uns in Gemeinschaft treffen wird immer Tee getrunken, grüner oder schwarzer Tee mit viel Zucker. Er muss stark sein, die Wirkung muss gespürt werden.  In Afghanistan haben wir Tee meist aus Indien importiert. Hier in Österreich schätzen wir auch Säfte oder Coca Cola, zum Christentum konvertierte Afghanen auch Bier.

Teekanne, Afghanistan/Jamshidi. © KHM-Museumsverband

Halskette, Afghanistan/Pashtunen. © KHM-Museumsverband

Gebetstuch, Afghanistan/Hazara. © KHM-Museumsverband

Krug, Afghanistan/Tadschiken. © KHM-Museumsverband

In der Schau geht es nicht um die Taliban, nicht um die Flucht vieler oder um schwer bewaffnete Kämpfer, die durch die Straßen Kabuls patrouillieren. Vielmehr sollen von Frauen angefertigte Keramiken oder geflochtene Körbe, Silberschmuck und farbenprächtige Kleider, Gebetstücher und Papierdrachen Einblicke in die Kultur jenseits des Kriegsgeschehens bieten. Gezeigt werden Szenen aus dem alltäglichen Leben vieler Ethnien. Der Bogen spannt sich von der Gastfreundschaft zum gemeinsamen Essen und Teetrinken, von der Weitergabe des Brautschmucks von der Mutter des Bräutigams zur neuen Schwiegertochter bis hin zum Drachensteigen.

„… aus Afghanistan“ wird ergänzt durch Fotografien von Brigitte Neubacher, Josef Polleross, Max Klimburg, Alfred Janata, Roger Senarclens de Grancy, Walter Kuschel und Georg Sarac. Von der Fotografin Aleksandra Pawlow porträtierte in Wien Lebende berichten über ihr Leben von Afghanistan bis Wien.

Kostenlos zu besuchen bis 31. Mai.

Hochzeitskleid (Detail), Leihgabe von Frau Sohayla Yaqoubi. Bild: © KHM-Museumsverband

Hochzeitsgewänder, Leihgaben von Sohayla Yaqoubi und Leila Musavi. Bild: © KHM-Museumsverband

Hochzeitsgewand (Detail), Leihgabe von Leila Musavi. Bild: © KHM-Museumsverband

Historischer Hintergrund

In Afghanistan leben mehr als 50 Stämme. Ihr gemeinsamer Staat grenzt an sechs Länder, wobei die Grenzziehung über weite Strecken auf imperialistische Machtbestrebungen zurückgeht: Die Einmischung ausländischer Akteure in innerafghanische Angelegenheiten prägte über mehr als hundert Jahre das Leben vor Ort. Zwischen 1838 und 1919 führte Großbritannien Kriege im Land. Ab 1979 intervenierte zehn Jahre lang die Sowjetunion, wobei die USA den islamistischen Gegnern der Kommunisten, den Mujahedin, umfangreich Waffen lieferte. In den Jahren 1992 bis 1994 tobte ein blutiger Bürgerkrieg. Von 1996 bis 2001 beherrschten die Taliban große Teile des Landes. Gegen sie und andere islamistische Gruppen führten die USA und deren Bündnispartner von 2001 bis 2021 einen blutigen Krieg. In all diesen Konflikten litt vor allem die Zivilbevölkerung Afghanistans: viele Menschen wurden getötet, Millionen mussten fliehen, vor allem in die Nachbarländer.

Strickfrauen 1970. Bild: © Roger Senarclens de Grancy

Afghanistan 1959. Bild: © Alfred Janata

Afghanistan/Bamiyan 1993. Bild: © Brigitte Neubacher

Mittagessen in der Mudschaheddin-Basis von Jagdalak, 1988. Bild: © Josef Polleross

Statement des Weltmuseum Wien

Das Weltmuseum Wien widmet sich der Wertschätzung der Vielfalt des menschlichen Lebens. Das Kollegium des Museums ist daher solidarisch mit den Menschen in Afghanistan in ihrer Vielfalt. Die aktuelle Situation ist schwer einschätzbar, aber Krieg und Konflikte führen zur Vertreibung von Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen. Wir appellieren an die Länder der Welt, darunter auch Österreich, alle Maßnahmen zu ergreifen um den Geflüchteten mit Mitgefühl zu begegnen, sie aufzunehmen und zu unterstützen.

www.weltmuseumwien.at

25. 1. 2022