Benedict Cumberbatch in „The Power of the Dog“

Januar 20, 2022 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Spätwestern um Männlichkeitswahn und Schwulsein

Benedict Cumberbatch als Rancher Phil Burbank. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Aus dem Off hört man die Stimme von Peter: „Was wäre ich für ein Mann, wenn ich meiner Mutter nicht helfen würde?“ Ein Satz, der vorwegnimmt, was am Ende geschehen wird. Regisseurin und Drehbuchautorin Jane Campion hat US-Autors Thomas Savage 1967 erschienenen, von der Kritik gefeierten, beim Lesepublikum erfolglosen Roman „The Power of the Dog“ unter gleichem Titel verfilmt.

Savage, der ein gutes Dutzend Westernromane über schwule Cowboys und repressive Geschlechternormen in ländlichen Gegenden des frühen 20. Jahrhunderts schrieb, eine literarische Ahndung der Machomentalität in Montana, wo er zur Zeit der Great Depression aufwuchs, verarbeitet in seiner queeren Story tatsächlich die eigene Familiengeschichte: Es war seine Mutter, die in die Rancher-Familie Brenner einheiratete und zu trinken begann, er hatte tatsächlich einen Onkel, der in seiner Fiktion ein Fiesling und Frauenhasser war. Campion, bekannt durch ihre feministischen Psychodramen in historischen und unwirtlich ländlichen Settings, ist keine, die in Filmen auf entlastende Befunde setzt. Sie sucht nach Konflikten, die sich ins Pathos steigern und in die kleinsten Verästelungen menschlicher Motivation zergliedern lassen.

Sie hat das erforderliche Faible für die langsamen Fahrten von Kamerafrau Ari Wegner über einsame, unendlich scheinende Landschaften, wobei sie das Montana des Jahres 1925 kurzerhand in ihre Heimat Neuseeland verlegte, und aufrichtiges Interesse an den Genderstereotypen. Das macht ihre Figuren authentisch grobschlächtig, aber nie einfältig oder leicht durchschaubar. „The Power of the Dog“ ist ein Spätwestern der mit den Elementen dieses Genres einerseits entlarvend umgeht, sie andererseits aber auch feiert und hochhält. Zu den 14 bis dato erhalten Auszeichnungen zählen der Silberne Löwe für Campion, Golden Globes als bester Film, für Campion und Kodi Smit-McPhee (er übrigens weiland der dunkelblaue X-Men Nightcrawler), sowie der Premio Sebastiane für den besten Film im Bereich LGBTQ+.

Kodi Smit-McPhee als Peter Gordon und Benedict Cumberbatch als Viehzüchter Phil Burbank werden sich denn auch als die beiden Gegenspieler erweisen. Das erste Bild zeigt einen männlich-mürrischen Phil in einem düsteren Haus, der seinen Bruder George, der in der Badewanne sitzt, in der Phil noch nie war, in geschwisterlicher Hänselei einen „Fettkloß“ nennt. Brüder sind als Erzählung seit Kain und Abel ein Klassiker. Auch hier ist die Rollenverteilung klar: Phil ist der Mann fürs Grobe, zuständig für das Vieh und die Ranch – und das, obwohl in der geschliffenen Verächtlichkeit seiner Bemerkungen eine akademische Intelligenz durchscheint (später wird man erfahren, dass er mal klassische Philologie studiert hat, worauf Keith Carradine als zum Dinner eingeladener Gouverneur fragt: „Schnauzt er die Tiere auf Altgriechisch oder Latein an?“)

George, ein Gentleman mit besten Manieren, ein Mann, der vor Freude weinen kann, hat sich aufs Phlegma verlegt, die psychischen Folgen, die die Abscheulichkeiten seines Bruders für andere haben, taubblind auszublenden. Seit 25 Jahren betreiben die beiden die von den Eltern übernommene Ranch in trauter Bruderschaft, in ihrer Unterschiedlichkeit – der eine schaut nach vorne, fährt Auto, der andere zurück, als Männer noch richtige Männer waren – sind die beiden gut aufeinander eingespielt, und es wird sich herausstellen, dass es der großmäulige Phil ist, der ohne George nicht leben kann – Cumberbatch, dessen Gegeneinander von sensiblem, bis in die Seele durchscheinendem Gesicht und kantigem, ungepflegtem Körper faszinieren; Jesse Plemons, der den George nicht minder bravourös verkörpert.

Der Viehtrieb führt nach Beech zu Rose. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Phil Burbank und seine Männer. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Frostiger Empfang: Benedict Cumberbatch, Kirsten Dunst und Jesse Plemons. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Benedict Cumberbatch und Kodi Smit-McPhee als Peter. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Es kommt der Tag des Viehtriebs. Man will die Rinder im Kuhdorf Beech in die Eisenbahn verladen. Dort läuft der fiese Phil zur Höchstform auf. Mit George und den Cowboys hat man sich im Gasthaus der Selbstmörder-Witwe Rose Gordon eingemietet – ausdrucksstark und für einen Oscar als Best Supporting Actor gehandelt: Kirsten Dunst. Phil und seine Männer poltern durch die Wirtschaft und verschrecken die anderen Gäste. Phils Spott trifft vor allem Roses Sohn Peter, den androgynen jungen Mann, der Blumen aus Krepp-Papier bastelt. „Kleine Lady“, ruft ihn Phil. Bei Peter ist es Hass auf den ersten Blick, und Kodi Smit-McPhee kann nicht nur optisch als herangewachsener Damian Thorn durchgehen, sein Gesichtsausdruck allein ist ein böses Omen.

George, der die Rechnung begleichen will, hört Rose in der Küche schluchzend. Da hat Phil einen Fehler gemacht! Denn George geht nicht nur zu ihr, um sich für seinen Bruder zu entschuldigen, er hilft auch beim Abwasch und beim Servieren, und sehr bald sieht Phil „die schäbige Intrigantin“ Rose wieder, als Georges Frau – Kirsten Dunst und Jesse Plemons sind auch privat ein Paar. Vorbei ist es mit der Zweisamkeit. Klar, dass George aus dem Brüderschlafzimmer auszieht, Phil hört sie beim Liebe machen durch die Wand. Diese Veränderungen im Familienleben triggern etwas in Phil, er beginnt Rose mit sadistischen Mindgames das Leben zur Hölle zu machen, startet die systematische Zerstörung von Rose, die sich zwischen ihn und George gedrängt hat. Dass ihr so deutlich anzumerken ist, wie viel Angst Phil ihr einflößt, stiftet diesen erst recht zu Gemeinheiten an.

Von ihrem konfliktscheuen Ehemann alleingelassen, flüchtet Rose ins Hochprozentige. Peter ist zum Medizinstudium in die Stadt gezogen, der Alkoholikerin in Schränken und unter der Bettdecke versteckte Schnapsflaschen werden vom harmoniesüchtigen George (und dem jeder Schwäche auflauerndem Phil) zwar bemerkt, aber verdrängt. All das schildert Campion aus der Sprachlosigkeit und dem Schweigen ihrer Figuren. Die Spannung entsteht aus dem, was diese nicht oder nur andeutungsweise zueinander sagen. Die Atmosphäre ist unergründlich wie in einem Krimi Noir. Am bemerkenswertesten ist freilich, wie Campion die Balance zwischen Antipathie und Empathie für ihre Figuren meistert. Wenige Filme haben bis dato das inflationär gebrauchte Schlagwort „toxische Männlichkeit“ so scharfsinnig und ausgewogen behandelt wie „The Power of the Dog“.

In all dem Unausgesprochenem hütet ausgerechnet der ganze Kerl Phil das „skandalöseste“ Geheimnis, auf dessen Spur die Zuschauerin, der Zuschauer eigentlich von Anfang gebracht werden. Im Beech-Saloon, wo Phil kein Interesse an den Bordell-Ladys hat, während er aber seine Arbeiter beim Nacktbaden im Fluss beobachtet. Sein persönlicher Held ist das archaische Mannsbild Bronco Henry, dessen Weisheiten er bei jeder Gelegenheit verkündet wie die Offenbarung, und der ihn wohl allerlei gelehrt hat. Von der großen Liebe seines Lebens hat Phil eine Kiste mit pornografischen Männerfotos und ein Halstuch aufbewahrt, mit dem er sich am liebsten an einen versteckten Teich zurückzieht.

Cumberbatch gestaltet Phils vielschichtigen und widersprüchlichen Charakter zwischen Idealisierung maskuliner Härte und der Tabuisierung von Homosexualität, wobei Zweitere mutmaßlich Erstere evoziert hat. Hinter der mit aller Kraft aufrechterhaltenen Fassade lässt Cumberbatch einen neurotischen Mann erkennen, der sein Schwulsein unterdrückt und deshalb keine Nähe, Emotionalität oder Zärtlichkeit zulässt. Sein aufgeblasenes Gehabe ist nichts als ein Abwehrverhalten. Diese Erkenntnis macht Phil nicht sympathischer, aber doch zu einer tragischen, weil ausweglos einsamen Gestalt. Dies also die Widersacher: Phil, der sich hinter einer vorgetäuschten Identität verschanzt, und Peter, der nichts anders sein kann und sein will, als er selbst.

Kirsten Dunst als frisch angetraute Rose in einsamer Umgebung. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Rose versucht vergeblich alles richtig zu machen: Kirsten Dunst. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

George pflegt die volltrunkene Rose: Jesse Plemons und Kirsten Dunst. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Peter bastelt aus Passion Papierblumen: Kodi Smit-McPhee. Bild: © Courtesy of Netflix/Courtesy of Netflix – © 2021 Cross City Films Limited/Courtesy of Netflix

Als Peter in den Ferien nach Hause kommt, Kodi Smit-McPhee vorher schon seltsam, jetzt noch stranger und mit sinistrem Blick, findet er Rose in schrecklichem Zustand vor. Phil versucht ihn mit homophoben Beleidigungen zu demütigen, doch Peter bleibt erstaunlich unbeeindruckt. Da ändert Phil seine Gangart gegenüber dem queeren jungen Mann und bietet an ihm ein Mentor in Sachen Wilder Westen zu sein. Als dieser erfreut zusagt, vermutet man, anders als die ob dieser Entwicklung aufgebrachte und besorgte Rose, sofort eine Falle. Bald folgt Peter Phil wie ein Welpe überallhin, um die „Männersachen“ zu lernen: ein Lasso flechten, ein Pferd reiten, rauchen …

„Lass‘ dich von deiner Mutter nicht zum Schwächling machen“, sagt Phil zu Peter, der danach zu seiner Mutter: „Ich sorge dafür, dass sich dein Leben ändert.“ Campion lässt Cumberbatch und Smit-McPhee viel Raum, um die Beziehung ihrer Charaktere zu entwickeln. Sie hält die Verbindung auf fesselnde Weise ambivalent. Auf seinen allein unternommenen Streifzügen fängt Peter einen Feldhasen, den der angehende Arzt sehr zum Schrecken von Köchin Mrs. Lewis, Genevieve Lemon, und Dienstmagd Lola, Thomasin McKenzie, die beiden Verbündete der zunehmend vom Wahnsinn umzingelten Rose, in seinem Zimmer seziert.

Er sucht und findet ein an Milzbrand verendetes Rind – Achtung: Spoiler! -, zieht Chirurgenhandschuhe an und schneidet den Kadaver auf. Beim Aufstellen eines neuen Zauns verletzt sich Phil ziemlich heftig an der Hand, was er naturgemäß ignorieren muss. Da er jedoch versprochen hat, Peter ein Lasso zu flechten, schneidet der das Rohleder in Streifen und Phil taucht seine lädierte Hand tief in das Wasser, dass die Tierhaut geschmeidig machen soll. Am nächsten Morgen findet ihn George schwerkrank im Bett, seine Hand ist stark entzündet. George bringt seinen Bruder ins Krankenhaus, wo er wenig später verstirbt. Bei Phils Beerdigung erklärt der Arzt George, dass sein Bruder an Milzbrand gestorben sei, was George verwirrt, da Phil kranke Rinder stets gemieden hatte, er dies entsprechend seines Naturells aber nicht weiter hinterfragt.

Es scheint ein Albdruck von der Familie Burbank genommen. Frances Conroy und Peter Carroll als Phils und Georges Eltern, beim Dinner mit dem Gouverneur noch versnobt und distanziert, umarmen nun endlich die Schwiegertochter. Peter, der nicht beim Begräbnis war, sieht die heimkommenden Rose und George sich vor dem Haus lächelnd herzen. Er schlägt die Bibel auf und liest laut Psalm 22: „Befreie meine Seele von dem Schwert, mein Leben von der Macht des Hundes …“

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20. 1. 2022