Leopold Museum: Ludwig Wittgenstein. Fotografie als analytische Praxis

November 12, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Artefakte zwischen Erinnerung und Lüge

Automatenporträt von Ludwig Wittgenstein, um 1930. Sammlung Mila Palm, Wien. Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Ab heute zeigt das Leopold Museum die Schau „Ludwig Wittgenstein. Fotografie als analytische Praxis“. Im Mittelpunkt der umfassenden Ausstellung stehen nicht Wittgensteins bahnbrechende philosophische Schriften – allen voran sein frühes Hauptwerk „Tractatus logico-philosophicus“ – oder deren Strahlkraft auf die bildende Kunst, sondern sein Interesse an der Fotografie. Die Schau fokussiert anhand von mehr als 200 Objekten auf den Fotografen Wittgenstein, der sich als Autor, Sammler und Arrangeur von Fotografien betätigte und beleuchtet davon ausgehend auch biografische Aspekte und Bezüge zum Schaffen des Philosophen.

Im Zentrum stehen seine praktische und theoretische Verwendung der Fotografie, sein tiefes Verständnis des Mediums in der ganzen Bandbreite seiner Facetten zwischen indexikalischer Spur und Artefakt, zwischen Erinnerungsstütze und epistemischem Vehikel, zwischen Evidenz und Lüge. Die Verbindung von Wittgenstein zur Fotografie wurde bisher vor allem mit Fokus auf sein Fotoalbum, die Kompositfotografie und seine in einem Brief an Ludwig Hänsel formulierte Absicht, einen

„Laokoon für Photographen“ zu schreiben, diskutiert. Die Perspektive der Ausstellung und die Möglichkeit, die Fülle des von Michael Nedo aufgebauten und geführten Wittgenstein Archive Cambridge wie auch relevante Bestände aus dem Trinity College und dem Brenner-Archiv unter dem Blickpunkt des Fotografischen zu befragen, ermöglichen nun einen Blick auch auf bisher weniger Beachtetes wie beispielsweise seine im Sommer 1936 mit einer Pocket Camera gefertigten Aufnahmen oder repräsentative Auszüge aus seiner Ansichtskartenkorrespondenz und aus seiner Nonsense Collection.

Im ersten Manuskriptband der Philosophischen Untersuchungen, den Wittgenstein 1936 mit der Widmung „ein schlechtes Geschenk“ seiner Schwester Margarete überreicht, fordert der Philosoph: „Betrachte z.B. einmal die Vorgänge, die wir ‚Spiele‘ nennen. Ich meine Brettspiele, Kartenspiele, Ballspiele, Kampfspiele u.s.w. Was ist allen diesen gemeinsam? – Sag’ nicht, es muß ihnen etwas gemeinsam sein, sonst hießen sie nicht ‚Spiele‘; sondern schau, was ihnen || ob ihnen allen etwas gemeinsam ist. – Denn wenn Du sie ansiehst || anschaust so wirst Du zwar nichts sehen || nicht etwas sehen, was allen gemeinsam wäre, aber Du wirst Ähnlichkeiten, Verwandtschaften sehen, & zwar eine ganze Reihe. Wie gesagt: Denk nicht, sondern schau!“. Ersetzt man den Begriff „Spiele“ durch „Fotografien“, so ist dieser Ausstellung ein Impuls gebendes Motto vorangestellt.

Wittgensteins fotografische Praxis reicht vom eigenen Umgang mit der Kamera über die Konzeption, Kompilation und Montage von Aufnahmen, über das Beschneiden von Abzügen, das Kommentieren ihrer materiellen Qualitäten und das Versenden und Einfordern von Fotografien bis hin zum Formulieren von Präferenzen, Wertungen und Handlungsanweisungen für deren Betrachtung.

Hiroshi Sugimoto *1948: Wittgenstein House, 2001. Hiroshi Sugimoto / Courtesy of Gallery Koyanagi. Bild: Hiroshi Sugimoto/Courtesy of Gallery Koyanagi © Hiroshi Sugimoto

Belonging to L.W.“, Fotografien von Ludwig Wittgenstein, fotografiert mit einer Pocket Camera, von Ben Richards auf die Vorderseite eines linierten Blatts geklebt, 1936. Wittgenstein Archive Cambridge. Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Ansichtskarte von Ludwig Wittgenstein aus Tours an Gilbert Pattissons Schwester, mit handschriftlichen Vermerken auf der Bildseite „The spirit of vengeance“, „Our hotel“, „my room“, 1936. Trinity College, Cambridge, Witt.402.5. Bild: Master and Fellows of Trinity College Cambridge © Master and Fellows of Trinity College, Cambridge

… im Dialog mit zeitgenössischer Kunst

In der Schau wird diese Praxis mit Werken zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler in Dialog gesetzt: Vito Acconci, Miriam Bäckström, John Baldessari, Gottfried Bechtold, Anna und Bernhard Blume, Christian Boltanski, Hanne Darboven, Olafur Eliasson, Hans-Peter Feldmann, Günther Förg, Herbert W. Franke, Nan Goldin, Peter Handke, Heinrich Heidersberger, Peter Hujar, Anna Jermolaewa, Birgit Jürgenssen, Mike Kelley, Anastasia Khoroshilova, Friedl Kubelka, David Lamelas, Sherrie Levine, Sharon Lockhart, Inés Lombardi, Dóra Maurer, Trevor Paglen, Sigmar Polke, Timm Rautert, Gerhard Richter, Martha Rosler, Thomas Ruff, Norman Saunders, Alfons Schilling, Cindy Sherman, Katharina Sieverding, Margherita Spiluttini, Dominik Steiger, Sturtevant, Hiroshi Sugimoto, Andy Warhol, Gillian Wearing, Peter Weibel, Manfred Willmann, Otto Zitko, Heimo Zobernig.

Deren medienspezifische Artikulationen und Reflexionen bringen zahlreiche Parallelen, Überschneidungen oder Berührungspunkte zum Vorschein. Nie weisen die ausgewählten Werke direkte Bezüge zu Wittgensteins Philosophie und erst recht nicht zu seiner Fotografie auf. Mit den assoziativ gesetzten Dialogen verfolgen die Kuratorinnen und Kuratoren vielmehr eine Strategie des Sichtbarmachens und des Aspektierens; die Ausstellung mit ihren temporären Nachbarschaften wird zu einem Ort des Zeigens. Ganz bewusst wurde auf fotografische Werke von Zeitgenossinnen und Zeitgenossen Wittgensteins verzichtet, auch um den Eindruck einer kunsthistorischen Genealogie zu vermeiden. Die zeitliche und diskursive Distanz zwischen dem fotografischen „OEuvre“ Wittgensteins und den ausgewählten Werken der zeitgenössischen Kunstschaffenden ist notwendig, um sichtbar zu machen ohne zu vereinnahmen, um zu zeigen ohne ein Narrativ zu entwerfen.

Durch die Etablierung von motivisch wie thematisch gefassten Resonanzräumen werden Gemeinsamkeiten aber auch spezifische Eigenheiten sichtbar gemacht, die das fotografische Denken und Handeln Wittgensteins beleuchten und zugleich den Blick auf die zeitgenössischen Kunstwerke schärfen. Ganz im Wittgenstein’schen Sinn soll dazu ermutigt werden, eigene Lesarten und Kreuzungspunkte zu finden: „Und so können wir durch die vielen, vielen andern Gruppen von Spielen gehen. Ähnlichkeiten auftauchen & verschwinden sehen. Und das Ergebnis dieser Betrachtung lautet nun: Wir sehen ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen & kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen & Kleinen“, so Ludwig Wittgenstein.

Francis Skinner und Ludwig Wittgenstein, für Ludwig Hänsel beschrieben: „Dieses schöne Bild zeigt mich + einen Freund in einer Straße von Cambridge.“, 1935. Wittgenstein Archive Cambridge. Bild: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger

Ludwig Wittgenstein: Gilbert Pattisson mit Pfeife vor „CATROS – GERAND“, Frankreich,1936. Trinity College, Cambridge, Witt.402.photo3. Bild: Master and Fellows of Trinity College Cambridge © Master and Fellows of Trinity College, Cambridge

Ólafur Eliasson *1967: The Alftavatn close-up series, 1999. Privatsammlung, courtesy neugerriemschneider, Berlin. Bild: Oren Slo

John Baldessari (1931–2020): Ed Henderson Suggests Sound Tracks for Photographs, 1974. Video Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York. Bild: Courtesy of Electronic Arts Intermix (EAI), New York © John Baldessari 1974, Courtesy Estate of John Baldessari © 2021 Courtesy Sprüth Magers

„‚Eine Photographie lügt nicht‘. Die Wahrheit ist: Die Photographie lügt immer. Oder sie lügt nur in seltenen Ausnahmen nicht. Sie ist eine vom Standpunkt der Portraitähnlichkeit willkürliche Übersetzung des Räumlichen || gesehenen Objekts in schwärzliche & weißliche Flecken. || in dunkle & helle Töne in der Fläche. || in Dunkelheiten & Helligkeiten. || in Hell & Dunkel. Form, Farbe, Bewegung, oder Ruhe, auf die || auf welche Unterschiede doch alles ankommt, || auf deren Unterscheidung doch alles ankommt, – sollen wir aus einer Darstellung ablesen, die doch nicht dazu eingerichtet ist, sie zu unterscheiden.“

www.leopoldmuseum.org

12. 11. 2021