WUK: On The Edge #9 – experimentelle Zirkuskunst

November 3, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Männer in Pferdegeschirren und Omas in luftigen Höhen

Un loup pour l’homme: Cuir. Bild: © Edouard Barra

Wer heutzutage Zirkus sehen will, findet sich nicht mehr zwangsläufig in einem Zelt zwischen Tieren, Popcorn und Wohnwagen wieder. Die zeitgenössischen Formen des Zirkus sind mittlerweile international und – insbesondere europaweit – bestens etabliert. Und so zeigt das WUK von 5. bis 13. November das Festival für experimentelle Zirkuskunst „On The Edge #9“. Das Festival öffnet einen Raum für Zirkuskunst, die sich an der Schnittstelle zu Performance

und Bildender Kunst bewegt. „On The Edge“ zeigt Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die die eigene Praxis abstrahieren oder dekonstruieren und den Raum, die experimentelle Ausdrucksform oder die Rolle des Publikums neu denken. Das Festival fördert mutige künstlerische und politische Positionen und einen reflektierten Umgang mit Genderrollen auf der Bühne.

„On The Edge #9“ wird von den Residenz-Künstlerinnen und -künstlern eröffnet: Vier Artistinnen und Artisten aus Österreich, Deutschland, Luxemburg und der Schweiz wurden im Rahmen des circus re:searched Programms eingeladen ihre aktuellen Projekte und Forschungen während zwei-wöchigen Studio-Residenzen zu vertiefen oder bestehende Arbeiten zu präsentieren. Nachwuchskünstlerinnen und -künstler treffen auf etablierte Zirkusschaffende und frische Experimente auf bereits bestehende Stücke. Die Performances von Anne Kugener und Julian Vogel beschäftigen sich beide mit der Schnittstelle von Zirkus und Bildender Kunst – von Vogel ist auch die Installation „China Series #11“ zu sehen. Das Duo Maja Karolina Franke und Ralph Öllinger untersucht das Geschlechterverhältnis und die Rollenverteilung in der partnerakrobatischen Praxis.

Hier schließt auch die Künstlerin Kathrin Wagner an, die ihre Rolle und Erfahrungen als Frau und Performerin in der Zirkuswelt reflektiert. Aus persönlichen Erfahrungen mit Sexismus und Berichten anderer Performerinnen entstand das Slam-Gedicht „I was told“, das zusammen mit dem Text „Love Letter to myself“ Ausgangspunkt für die aktuelle Kreation ist. Nachdem Jonglage und Poetry Slam von der Künstlerin als separate Disziplinen erlernt wurden, entstand der Drang, eine tiefere Verbindung zu schaffen. In der Kombination aus gesprochener Sprache und Jonglage bereichern sich nun beide gegenseitig und verändern die Wahrnehmung des Publikums auf die einzelnen Genres.

I was told. Bild: © Jan Ole Laugesen

Grand Mère. Bild: © Alexandre Fray

Anne Kugener. Bild: © Natali Glisic

„In the maze of your perception, I resonate …“ von Tänzerin Elena Lydia Kreusch und Straßenkünstler Andrea Salustri ist eine interdisziplinäre Rauminstallation: Kleine Publikumsgruppen können sie gemeinsam begehen und Klanginstallationen, Videokunst und interaktive Skulpturen eigenständig erkunden. Die präsentierte Auswahl ist Teil eines langfristigen Forschungsprojekts, im Rahmen dessen das Duo mit alternativen und nicht-performativen Formaten für zeitgenössischen Zirkus experimentierte. Zirkuskörper und -disziplinen werden dekonstruiert und Zirkusgesten und -objekte werden in einen neuen Kontext gesetzt. Die Infragestellung etablierter Blickwinkel eröffnet neue Perspektiven auf ein vertrautes Genre.

Als „Acrobalance: Extreme Symbiosis“ präsentieren das schwedische Künstlerpaar Henrik Agger und Louise von Euler Bjurholm eine intime 55-minütige dokumentarische Lecture Performance. In „Extreme Symbiosis“ geben sie dem Publikum einen Einblick in ihre Arbeit, Praxis und ihr Leben als Paarakrobaten. Indem sie die Bedeutung eines konstanten geistigen und körperlichen Trainings in ihrer Kunstform zeigen und hervorheben, hoffen sie, das Verständnis für diese Kunstform zu erweitern. „Was geschieht in der Interaktion zwischen uns, wenn wir unsere Praxis ausüben? Eine Zusammenarbeit zwischen Körper und Geist, individuellen Systemen und gemeinsamen Sinnen. Eine langjährige PartnerInnenschaft, die auf extremem Vertrauen basiert und in der Praxis täglich herausgefordert wird.”

Zwei Männer, zwei Ledergeschirre. Das ist „Cuir“ der Compagnie „Un loup pour l’homme“. Was wie ein Spiel um Dominanz und Unterwerfung aussieht, entpuppt sich als subtiles Duett, das das menschliche Verlangen nach gegenseitigem Verständnis erforscht. „Un loup pour l’homme“ benutzt die Geschirre – die normalerweise von Zugpferden getragen werden – um die Seele des Menschen zu durchpflügen und die Zerbrechlichkeit persönlicher Beziehungen aufzudecken. „Cuir“ ist eine akrobatische Tour de Force bei der die Energie in jeder Sekunde auf’s Publikum überspringt.

Der flämische Akrobat Toon Van Gramberen setzt sich seit einigen Jahren mit dem alternden Körper auseinander. Sein Vater erklärte sich bereit, ihn in einem gemeinsamen Prozess zu begleiten. Er ist sechzig Jahre alt und hat keinerlei akrobatische Vorkenntnisse. Dies war der Anfang von „Carrying my father“, einem Bühnenstück, das mittlerweile vier Akrobaten und ihre Väter involviert. Begleitend zum Kreationsprozess von „Carrying my father“ entstand die Fotoausstellung, die einen intimen Einblick in den Probenprozess gibt.

Un loup pour l’homme: Cuir. Bild: © Edouard Barra

Maja Karolina Franke und Ralph Öllinger. Bild: © Claude Hofer

Acrobalance: Extreme Symbiosis. Bild: © Arts printing house

In the maze of your perception … Bild: © Kreusch & Salustri

Wenn der alternde Körper in den Mittelpunkt der akrobatischen Forschung gestellt wird, werden die Vorstellungen von körperlicher Virtuosität notwendigerweise dekonstruiert und neu definiert. So verschieben sich zwangsläufig auch Perspektiven auf den Körper des Akrobaten und auf die gesamte Disziplin. Der Dokumentarfilm „Vaders Dragen – Carrying fathers“ zeigt den Entstehungsprozess einer Zirkusproduktion in der sich vier Akrobaten die Bühne mit ihren Vätern teilen.

Das „Projet Grand Mère“ des Akrobaten Alexandre Fray, Mitglied von „Un Loup pour l’Homme“, untersucht die Geste des Tragens im Rahmen einer Recherche mit älteren Menschen: Tragen als Symbol des „Sich Kümmerns“. Es geht Fray darum, sich Zeit zu nehmen, miteinander in Beziehung zu treten, viel zuzuhören und eine Atmosphäre zu schaffen, die Vertrauen und Verbundenheit fördert. Dies ist die Basis für die Entwicklung einer gemeinsamen körperlichen Arbeit. Ziel ist das Finden einer Intimität, die von einer großen Zartheit durchdrungen ist. Gemeinsam mit älteren Frauen, welche nie oder selten getragen wurden, hinterfragt der Akrobat die Herausforderungen einer Disziplin, die vom Horizont der Höchstleistungen oft in den Schatten gestellt wird.

Was bedeutet es, sich den Gesetzen des Gleichgewichts und der Schwerkraft zu widersetzen, wenn Gelenke rosten und Muskeln schmelzen? Wie kann man „loslassen“, wenn der Körper dies verlernt um sich selbst zu schützen? Was bedeutet Virtuosität für den alternden Körper – kann auf einem Bein stehen mit 80 Jahren dasselbe Risiko kommunizieren wie ein Rückwärtssalto? Die Foto-Ausstellung „Projet Grand Mère“ dokumentiert die besonderen Begegnungen des Akrobaten mit Frauen im Alter von „Großmüttern“ von 2016 bis heute, die den Schritt ins Leere wagen und sich in die Luft heben lassen.

Arne Mannott, Choreograf, Zirkusperformer und Kurator, beschließt die Woche mit der Videoinstallation „circus“. Dafür wurden zehn Akteurinnen und Akteure verschiedenen Alters, verschiedener Herkunft und mit verschiedenen künstlerischen Hintergründen zu ihrer Sichtweise zu Zirkus befragt. Im Fokus der Interviews steht die Frage nach dem „Was ist eigentlich Zirkus?“ – und damit auch danach, wodurch sich die Kunstform Zirkus selbst definiert und welche besonderen Merkmale dabei zustande kommen. Die Porträtierten sind alle seit Jahren oder Jahrzehnten in der Zirkuskunst tätig und treten für dieses Video in einen ganz persönlichen Dialog mit sich selbst.

Mehr Infos und alle Termine: www.wuk.at

3. 11. 2021