Das Schauspielhaus Wien ist nun ein Hotel

Oktober 4, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Jetzt schnell ein Zimmer buchen!

Bild: © Matthias Heschl

Im Schauspielhaus Wien ist seit diesem Wochenende alles, aber auch wirklich alles anders: Das gesamte Haus wurde nicht nur innen-/architektonisch radikal verändert, sondern wird auch völlig anders bespielt. Das Schauspielhaus Wien wird für fünf Monate ein neuer künstlerischer Begegnungsort, ein Schauspielhaus, eine Herberge, ein Hotel. Genauer gesagt: Kein Hotel. Irgendetwas dazwischen. Ins Schauspielhaus Hotel sind

mehr als 55 Künstlerinnen und Künstler eingeladen, einzelne Zimmer zu beziehen, den Schauspielhaus Hotel-Saal, einzelne Zimmer oder das gesamte Gebäude zu bespielen – sie entwickeln Performances, Ausstellungen, Aufführungen, Radiosendungen und TV Programme, sie geben Workshops und Konzerte, laden zu intimen Begegnungen, zu Therapie, Massage, Workouts und in ein Tattoo Studio. Work in Progress ist im Schauspielhaus Hotel keine Begleiterscheinung, sondern die zentrale Devise: Die Grenzen von Arbeitsprozess, Recherche, Try out und fertigen künstlerischen Arbeiten verschwimmen, denn es werden nicht nur Ergebnisse präsentiert, sondern auch Produktions- und Probenprozesse nach außen hin geöffnet.

Das Schauspielhaus Wien macht so nach einer langen Zeit der Schließung für zahlreiche Künstlerinnen und Künstler, aber auch für die Gäste seine Räume bis in den letzten Winkel neu zugänglich und öffnet sich umfassend. Das Schauspielhaus Hotel wird Mittwoch bis Sonntag jeweils ab 16 Uhr geöffnet sein. Für dieses neue und experimentelle Programm wurde ein eigenes Ticketsystem entwickelt: man bucht keine einzelnen Veranstaltungen, sondern Nachmittags- und Abendslots, Tagestickets oder man bucht sich sogar ein eigenes Hotelzimmer und übernachtet freitags bis sonntags im Schauspielhaus Hotel. Mehr Infos: issuu.com/schauspielhaus_wien/docs/magazin_01_2122_hotel

Bild: © Patrick Wally

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Patrick Wally

Bild: © Patrick Wally

Am Eröffnungswochenende zogen die ersten in ihre Zimmer ein: die Musikerin und Medienkünstlerin Rosa Anschütz blieb vorerst für eine Nacht, während sich die Autorin und bildende Künstlerin Miroslava Svolikova (unvergesslich unter anderem – Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23816) für einen längeren Aufenthalt einrichtet. Mit der Regisseurin und Performerin Lisa Lie erwartet einen Besuch aus Norwegen – man erinnere sich an ihre Produktion „Kaspar Hauser oder die Ausgestoßenen könnten jeden Augenblick angreifen!“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23913) oder das Gastspiel „I Cloni“. Auch der Hallimasch Komplex – ein Netzwerk um die Regisseurin Rieke Süßkow – beginnt bereits, sich rhizomartig im gesamten Gebäude auszubreiten. Der hotelinterne Radio-Sender, betrieben vom Schauspielhaus Hotel-Ensemble, geht mit unterschiedlichen experimentellen, informativen und unterhaltsamen Features in Betrieb. On Air – in der Lobby und in allen Fluren. In den Hotelzimmern läuft das exklusiv produzierte oder kuratierte Kabelfernsehprogramm.

Highlights dieser Woche:

Frida Robles: It also goes dark. Die mexianische Künstlerin über die mehr als 700 Frauen, die an der Grenze zu den USA verschleppt, vergewaltigt, ermordet wurden. Hybrid Dessous: Nachtwäsche. Die Installation setzt sich mit Dresscodes der Nacht auseinander. Menschen brezeln sich nachts auf, schminken sich, legen sich Masken auf, setzen sich bewusst in Szene und schlüpfen in Rollen. Gleichzeitig ist die Nacht voller roher Natürlichkeit, in ihrem Schatten werden gesellschaftliche Hüllen fallen gelassen. Dieser Kontrast spiegelt sich in den Textilien der Nacht wider: ausgebeulte, verwaschene Kuschelshirts, Plüschdecken und bequeme Unterwäsche stehen paillettenbesetzter Spitze, Latex, Transparenz und Glitzer gegenüber. Konzert: Das Trojanische Pferd. Das Trojanische Pferd serviert seit 2007 inbrünstigen Chanson-Punk mit Ecken und Kanten. Mit der Veröffentlichung von „Gunst“ 2020 wurde der Ton etwas sanfter, aber weiterhin gilt: „Ich würde ums Verrecken keinen belanglosen Scheiß singen“ wie Sänger, Gitarrist & Pianist Hubert Weinheimer schon 2009 im Falter klarstellte. Bass & Backing-Vocals: Judith Filimónova.

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

Bild: © Matthias Heschl

#BOOKAROOM
Jeweils von Freitag auf Samstag und von Samsatg auf Sonntag kann man im Schauspielhaus Hotel übernachten. Zu buchen gibt es eines der freien Zimmer oder eine der gemütlichen Schlafkojen im zweiten Stock. Einfach die gewünschte Zimmerkategorie und den gewünschten Tag reservieren und spätestens innerhalb von 24 Stunden melden sich die freundlichen Rezeptionistinnen und Rezeptionisten telefonisch bei Ihnen, um Details und Bezahlung zu besprechen. Bei gebuchter Übernachtung ist ein Tagesticket für den Tag des Check-ins bereits enthalten. Check-in ab 16 Uhr, Check-out bis 11 Uhr. Auf Wunsch und gegen Aufpreis gibt es ein kleines Frühstück. Selbstverständlich hat das Schauspielhaus Hotel-Restaurant Usus Mittwoch bis Sonntag von 16 bis 23 Uhr geöffnet und sorgt für kulinarische Genüsse. Eine kleine Bar in der unteren Schauspielhaus Hotel-Ebene bietet alkoholische und antialkoholische Erfrischungen.

Das gesamte Programm: hotel.schauspielhaus.at

4. 10. 2021