Kunsthistorisches Museum Wien: Tizians Frauenbild

Oktober 2, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Loblied der Weiblichkeit auf Leinwand gebannt

Tizian: Nymphe und Schäfer. Um 1570/75. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Im Herbst stehen im Kunsthistorischen Museum jedes Jahr die Alten Meister im Fokus: Die Ausstellung „Tizians Frauenbild“ konzentriert sich ab 5. Oktober anhand von mehr als 60 Gemälden aus internationalen Sammlungen sowie aus dem eigenen Bestand auf die Darstellung der Frau im Œuvre des venezianischen Meisters Tizian und seiner Zeitgenossen. Hochkarätige Leihgaben kommen etwa aus dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Louvre in Paris, dem Prado in Madrid, den Uffizien in Florenz, der Eremitage in Sankt Petersburg oder den Gallerie dell’Accademia in Venedig.

Inspiriert von der damaligen Liebespoesie und Literatur schufen Tizian und seine Zeitgenossen – wie Palma il Vecchio, Lorenzo Lotto, Paris Bordone, Jacopo Tintoretto und Paolo Veronese – poetisch-erotische, idealisierte Frauenbildnisse. Sie werden wegweisend für die europäische Malerei der nachfolgenden Jahrhunderte. Die Schau beleuchtet das venezianische Frauenbild vor dem Hintergrund der Ideale und Gesellschaftsverhältnisse des 16. Jahrhunderts. In Tizians Frauenbildern geht es um die Zelebration der Frau als großartigstes Thema des Lebens, der Liebe und der Kunst.

Die Prominenz der Frau in der Malerei Venedigs im 16. Jahrhundert hat vielerlei Ursachen, etwa die politisch-soziale Struktur der Serenissima, die der Frau bezüglich der Mitgift und des Erbes eigene Rechte zugestand, oder das kulturell aufgeschlossene und internationale Klima der Stadt: Einflussreiche Verlage zogen namhafte Poeten und Humanisten an – darunter Pietro Bembo, Sperone Speroni und Ludovico Dolce , die in ihren Schriften der Frau und der Liebe besondere Aufmerksamkeit schenkten. Den entscheidenden Anstoß in der visuellen Umsetzung gab Tizian, der bedeutendste Maler, den die Stadtrepublik je hervorbrachte.

Tizian; Violante. Um 1510/14. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Tizian: Junge Frau bei der Toilette. Um 1515. Musée du Louvre, Département des Peintures, Paris © RMN-Grand Palais (Musée du Louvre) / Franck Raux

Tizian: Junge Frau mit Federhut. Um 1534/36. Eremitage, St. Petersburg © The State Hermitage Museum, 2021, Bild: Dmitri Sirotkin

Ausstellungsansicht „Tizians Frauenbild“, hi.: Raub der Europa“ von Veronese. © KHM-Museumsverband

Tizian: Venus mit Orgelspieler und Cupido. Um 1555. Museo Nacional del Prado, Madrid © Archivo Fotográfico. Museo Nacional del Prado, Madrid

Lange Zeit dachte man, dass Frauen, die Tizian mit Blick auf den Betrachter – oder noch schlimmer: mit entblößter oder halbentblößter Brust – malte, nur Kurtisanen gewesen sein können. Neu herangezogene Quellen geben ein differenzierteres Bild der Blicke und Gesten in Bildern des 16. Jahrhunderts: So sieht die aktuelle Forschung hier vielmehr die symbolische Öffnung des Herzens für den künftigen Ehepartner, mit der die Braut in die Heirat einwilligt. Solchen und ähnlichen Deutungsverschiebungen sind die Ausstellungsmacherinnen Sylvia Ferino-Pagden, Francesca Del Torre Scheuch und Wencke Deiters auf der Spur.

Die neue, erhöhte Aufmerksamkeit durch Maler, Humanisten und Poeten beeinflusste auch die Lebensbedingungen der realen Frauen Venedigs im 16. Jahrhundert, wobei die spezifische Gestalt der Stadt, die so genannte forma urbis, deren Vernetzung und den Austausch zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten förderte. Die Schriftstellerinnen unter ihnen forderten in ihren Schriften größere Anerkennung ihrer Fähigkeiten und gleichen Zugang zu höherer Bildung wie die Männer und leisteten damit eine bedeutende Vorarbeit für die Gleichstellung der Frau: ein Thema, das global gesehen heute wieder stark in den Fokus rückt.

Die Ausstellung möchte den Facettenreichtum des Themas zeigen und die unterschiedlichen Gesten, Blicke und Attribute genauer ins Auge fassen. Vom konkreten Porträt zu idealisierten, von der Poesie inspirierten Abwandlungen werden die Themen Liebe und Begehren in historischen, mythologischen und allegorischen Darstellungen in Szene gesetzt. Bei den realen und idealen Porträts werden auch Mode, Haartracht und kostbare Schöpfungen der Goldschmiedekunst der Zeit analysiert. Die umfangreiche zeitgenössische Traktatliteratur und Liebeslyrik bieten dabei eine solide Grundlage, solche einzigartigen Darstellungen von Frauen neu zu lesen.

Die eigens erstellte Ausstellungswebsite informiert über die Themen der Ausstellung sowie über das Rahmenprogramm und die zahlreichen Angebote rund um die Ausstellung: tiziansfrauenbild.khm.at

Tizian: Clarissa Strozzi, 1542. Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie © bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Gemäldegalerie / Christoph Schmidt

Tizian und Werkstatt: Diana und Callisto. Um 1566. Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie © KHM-Museumsverband

Neu: Die kaiserliche Tizian-Sammlung als virtuelle 3D-Tour

Das Kunsthistorische Museum bietet außerdem ab sofort über die Digital-Plattform Discover Culture unter dem Titel „Die kaiserliche Tizian-Sammlung“ eine neue virtuelle 3D-Tour durch eine der berühmtesten Gemäldesammlungen der Welt an: Saal VIII der Gemäldegalerie beherbergt Werke Tizians, und wird nun mit dem neuen Angebot komplett digital erlebbar sein. Die 3D-Tour bietet Kunstgenuss in höchster Auflösung. Besucherinnen und Besucher genießen die besondere Atmosphäre in diesem Raum bequem von zu Hause aus und erleben dennoch die Kunst Tizians hautnah:

Mittels der Zoom-Funktion (+ und −) können die Gemälde auch aus nächster Nähe ausgiebig betrachtet werden. Informationen zu den Kunstwerken sowie zu deren Schöpfer finden sich direkt im virtuellen Raum. Kunstvermittlerinnen und -vermittler erzählen vom Venedig des 16. Jahrhunderts und über das Leben Tizians. discover-culture.com/de/partner/kunsthistorisches-museum-wien Preis: 4,99 Euro. Alle digitalen Touren auf der Plattform Discover Culture sind nach dem Kauf ohne Einschränkungen verfügbar und können beliebig oft und lange besucht werden.

tiziansfrauenbild.khm.at          discover-culture.com/de/partner/kunsthistorisches-museum-wien           www.khm.at

2. 10. 2021