Felix Mitterer und Gregor Bloéb im Gespräch

Juni 19, 2013 in Bühne

„Jägerstätter“ an der Josefstadt

Gregor Bloéb (Franz Jägerstätter) Bild: © Moritz Schell

Gregor Bloéb (Franz Jägerstätter)
Bild: © Moritz Schell

Der oberösterreichische Bauer Franz Jägerstätter träumte im Jänner 1938 von einem Zug, in den immer mehr Menschen einstiegen, und er hörte eine Stimme sagen: „Dieser Zug fährt in die Hölle.“ Dies deutete Jägerstätter als Warnung vor dem Nationalsozialismus. Bei der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs gab er die einzige Nein-Stimme in seinem Ort ab. Am 1. März 1943 erhielt er die Einberufung zur Wehrmacht nach Enns und verweigerte dort den Kriegsdienst. Er wurde verhaftet und nach Berlin gebracht, dort verurteilte man ihn wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode. Er wurde er am 9. August 1943 durch das Fallbeil hingerichtet. Noch Jahrzehnte nach dem Krieg wurde Jägerstätter von vielen als Feigling, Verräter und „Bibelforscher“ denunziert. 2007 endlich wurde ihm offiziell Gerechtigkeit zuteil, indem ihn die katholische Kirche selig sprach. Felix Mitterer hat nun über den „sturen Kerzlschlucker“ ein Stück geschrieben: „Jägerstätter“ wird am 20. Juni am Theater in der Josefstadt uraufgeführt. Ab 3. Juli ist die Koproduktion beim Theatersommer Haag zu sehen. Ein Gespräch mit Felix Mitterer und „Jägerstätter“ Gregor Bloéb:

MM: Herr Mitterer, Sie beschäftigen sich immer wieder mit Biografien, Bühnendarstellungen real gelebt habender Menschen. Wie sind Sie auf Franz Jägerstätter gekommen?
Felix Mitterer: Das war Gregors Idee und ich habe sehr gerne Ja gesagt. Ich würde für ihn aber auch den Glöckner von Notre Dame schreiben, wenn er sich das wünscht. Dann habe ich begonnen, mich einzuarbeiten, und bin erschrocken, weil das ist so eine wilde, schreckliche, schwere Geschichte. Wie soll ich die ans Publikum bringen, ohne dass es sagt: „Ein katholischer Spinner halt“? Wir waren dann bei Franziska Jägerstätter, der Witwe, und sie erzählte, was uns erlöst hat: Die Liebesgeschichte der beiden, die 70 Jahre nach seinem Tod noch gehalten hat. Sie ist ihm Frühjahr im Alter von 100 Jahren verstorben – und jetzt bei ihm, wo immer das auch ist. Sie erzählte, dass er kein depressiver Mensch war, der keine Fröhlichkeit kannte, sondern genau das Gegenteil: Jung und lebenslustig, wie die anderen Männer auch. Auch die Franziska war ein fröhlicher Mensch. Das ist wichtig zu wissen, bevor man zum Schreiben anfängt. Und dann unsere Frage, die durch das Stück geht: Was bringt es, dass er sich opfert, und seine Familie im Elend zurücklässt? Die mussten sich ja durchgfretten nach dem Krieg. Um dann zu erfahren, dass das alles nicht umsonst war, sondern dass der amerikanische Autor Gordon C. Zahn ein Buch geschrieben hat, das Jägerstätter zum Schutzpatron der Kriegsdienstverweigerer – auch der im Vietnamkrieg – machte. Die Kirche dann beschloss, Kriegsdienstverweigerer als Märtyrer anzuerkennen – und Jägerstätter 1997 selig sprach.
Gregor Bloéb: Mich hat der Jägerstätter-Stoff angesprochen, weil ich selber als junger Mensch ein Problem mit der Obrigkeit und mit Duckmäusertum hatte, ich mit der Erwachsenenwelt nicht zurecht gekommen bin, die mir sagte. Tu halt so, als als du den Lehrer magst, dann kriegst eine gute Note. Mit all dem hatte ich große Schwierigkeiten. Ich habe dann Axel Cortis Film „Der Fall Jägerstätter“ gesehn und plötzlich einen „Verbündeten“ gefunden, jemanden, der die gleiche Einstellung, wie ich vertreten hat. Die Konsequenzen selbstverständlich nicht zu vergleichen waren aber seither beschäftigt er mich. Dann hab’ ich  erfahren, dass er kein bigotter Kerzlschlucker war, sondern ganz schön umtriebig als junger Mensch – so wie ich…Und Jahre später erzählte ich Felix davon und las er gerade die Jägerstätter-Briefe. Das sind im Leben immer so Nicht-Zufälle.
 MM: Apropos, Jägerstätter-Briefe: Er schrieb auch Gedichte, durchaus mit „viel Herz“, wie entgeht man da der Gefahr ins Pathos zu gleiten?
Bloéb: Das ist ein Grundprinzip des ländlichen Raums. Wir kommen aus Tirol. Wir kennen Blut-und-Erde-Stücke. Was quasi im Osten Nestroy und Raimund ist, ist bei uns Schönherr und Mitterer. Da geht’s um grade, pure Emotionen und Taten. Das ist nun einmal so.
Mitterer: Und man darf nicht vergessen: Er musste sich ja vor sich selber ständig rechtfertigen. Er hat ein schlechtes Gewissen gehabt, dass er so tut, weil alle anderen anders taten. Auch seine geliebte Kirche, er hat mit den Pfarrer, mit dem Bischof geredet – alle haben ihn im Stich gelassen. Jetzt schreibt er das als Bauer auf, das klingt dann halt so. Die Briefe sind nicht so. Da täuschen beide vor, es geht ihnen gut. Das hab’ ich ja überhaupt nicht ausgehalten, wie er ihr schreibt, sie soll über den Winter die Sense einfetten, sonst wird sie rostig, oder sie soll neuen Samen kaufen, der alte ist nicht mehr gut – so kommt der bäuerliche Alltag hinein -, in Wirklichkeit wartet er aber auf seinen Hinrichtungstermin. Er war von unglaublicher Klugheit, er hat sich nichts erzählen lassen. Da schreibt er beispielsweise: Jetzt ist die Kirche froh, dass es nach Russland, gegen die Bolschewiken, gegen die Gottlosen geht, jetzt kann sie diesen Krieg endlich gut heißen … Er sagt: Glaub’ i ned, da geht’s darum, Getreide, Erz und Öl zu holen. Die konnten dem nix erzählen.
 
MM: Wenn sie etwas wie „Jägerstätter“ schreiben, wo ist da Ihr Platz als Dichter? Oder sind Sie da mehr Geschichtsschreiber?
Mitterer: Ich habe eine Riesenverantwortung, abgesehen davon, dass ich ein paar Dialoge zusammenbringen muss, die man spielen kann, einen spannenden Theaterabend aus meinem Wissen über Jägerstätter zu schaffen. Aber das zu schreiben, war eine Last für mich. Und zu wissen, ich muss es an die drei Töchter schicken, und wie ist deren Reaktion? Wenn sie sagen, das stimmt nicht, bitte ändern Sie da, lassen Sie das weg … da sind wir alle erledigt. Solche Erfahrungen habe ich gemacht, zwei Stücke musste ich deswegen sogar sperren. Hier war die Familie mit allem einverstanden – eine unglaubliche Erleichterung. Jetzt bin ich froh, dass die Verantwortung bei der Regisseurin Stephanie Mohr und beim Gregor und bei der Gerti Drassl, die die Franziska darstellt, liegt, das wird okay, das wird kein fader Geschichtsunterricht.
 
MM: Verstehen Sie persönlich, dass man aus Glaubens-, aus Gewissensgründen in den Tod geht? Wo wäre für Sie der Punkt diesen Schritt zu tun?
Mitterer: Ich glaube, ich wäre in der Zeit in die Berg’ gelaufen. Ich eigne mich nicht zum Märtyrer.
Bloéb: Das ist sehr schwer. Es gibt für mich ganz klar nachvollziehbare Sachen, auch mit dem Glauben. Ich selber habe, wahrscheinlich mittlerweile als einziger von allen, überhaupt keine Probleme mit der Kirche, weil mir die Kirche in den Jugendjahren was Tolles und was Schönes war. Ich bin mitauferzogen worden von den Jesuiten in einem Jugendzentrum, wo Freiheit, intellektuelle Größe und Lebensfreude vermittelt worden sind. Heutzutage sind Vergleiche unmöglich.
Mitterer: Von mir wird eh immer erwartet, dass ich zu dem und dem eine Meinung habe. Wofür ich mich sehr einsetze, ist ein besseres Asylwerbergesetz. Aber im Zusammenhang mit Jägerstätter ist das ein winzigkleines Ding.
 
MM: Sie haben es vorhin schon angesprochen: Jägerstätter hat mit seiner Zivilcourage bei seiner Familie Kollateralschaden angerichtet. Es gab für Franziska lange keine finanzielle Unterstützung, weil Franz in keinen Opferfonds „passte“. Was sie dazu gesagt?
Bloéb: Einen Satz, der auch im Stück vorkommt: Welche Entscheidung du auch triffst, was immer du entscheiden musst, ich stehe zu dir. Das ist die höchste Form an Liebe. Nicht durchschummeln, nicht versuchen, einen Menschen zu verändern, sondern ihn so zu lassen, wie er ist, in seiner Konsequenz, in seiner Haltung. Und den zu lieben, was immer er auch tut.
Mitterer: Sie hat gesagt: Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, wäre er ganz allein gewesen. Ausgerechnet sie, die am meisten zu leiden hatte. Sie war ihm verbunden, seinem Andenken verpflichtet, auf Anfeindungen freundlich antwortend. Keine Ahnung, wie sie das geschafft hat. Ich verstehe nicht, wie eine Frau das durchhalten kann, ohne verbittert zu sein. Meine leibliche Mutter war auch so. Eine Kleinbäuerin in Tirol mit vielen Kindern. Der erste Mann ist im Krieg gefallen, der zweite tat ihr 50 Jahre lang in keinster Weise gut. Sie hat sogar noch ledige Enkelkinder aufgezogen. Und sie war nie verbittert, immer fröhlich. Sie hat sogar mit 90 Jahren noch geflirtet – mit jungen Männern natürlich. Manche Menschen sind so. Franziska hat viel Kraft aus ihrem Glauben gezogen, aber bei jeder Gedenkfeier Tamtam um ihre Person immer abgewimmelt. Wenn die geschwollenen Reden angefangen haben, hat sie gesagt: Gemma lieber ein Glasl trinken. Sie war auch eine Selige – zu Lebzeiten. Auch die Töchter haben nie vermittelt: Der Papa hat uns ja doch im Stich gelassen.
 
MM: Das ist jetzt eine Südtiroler/Tiroler Produktion geworden.
Bloéb: Das ist Zufall. Was kann ich dafür, dass der bedeutendste lebende österreichische Autor ein Tiroler ist, und Gerti Drassl aus Südtirol, da kann ich nix dafür. Gerti Drassl ist eine der besten und größten Schauspielerinnen. Für jeden Bühnenpartner und für jede Produktion ein Genuss und Bereicherung,- und jetzt kommst : sie schaut auch noch so aus, wie die Franziska Jägerstätter in jungen Jahren.
 
MM: Wie wird die Inszenierung sein? Wie viel Realismus kann man da einbringen? Wie viel Surrealismus? Es gibt ja Szenen, in denen „nur“ Briefe gelesen werden. Stimmen aus dem Off?
Bloéb: Dazu ist nur zu sagen, dass Steffi Mohr für jeden Schauspieler ein Genuss ist. Und auch für jeden Autor. Sie kommt mit einem Grundkonzept, bietet dir einen Rahmen, in dem du dich aber extrem frei bewegen kannst.
Mitterer: Ich habe mir die allergrößten Sorgen wegen der Briefsequenzen gemacht – schreibst ein Stück, auf einmal bist in einem Briefroman, doch was sollte ich tun, sie ist in Radegund am Hof, er in Berlin in Haft -, aber als klar war, die Steffi macht es, war klar, sie macht diese Szenen richtig. Die reden wirklich miteinander. Auch mit dem Chor. Gregor sagte am Anfang: Schrecklich ein Chor!
Bloéb:  Aber in dem Fall ist es vollkommen anders. Gewisse Sätze werden chorisch gesprochen, aber aus diesem Chor kommen Individuen, die die Sätze ganz knallig sagen. So wird ein permanenter Druck „der Gesellschaft“ erzeugt, weil wir ja alle immer auf der Bühne sind, alle Widersacher gegen Jägerstätter. Selbst, wenn er eine intime Szene mit Franziska hat, sind die anderen Darsteller anwesend, das ist eine Kraft, eine Energie, die da rausströmt, die für den Zuschauer interessant, spannend ist. Für den Schauspieler aber extrem belastend. In den ersten Probenwochen hatten wir Höllenqualen, da saß immer wieder mal einer in einer Ecke und hat geheult. Diese Aufführung ist eine großartige Ensembleleistung. So etwas habe ich noch selten erlebt. Wir hatten schon Leute drin. Der Chor drückt rein ins Publikum. Das ist stark.
 
MM: Die Produktion übersiedelt am 3. Juli zum Theatersommer Haag, dessen Intendant Sie sind, …
Bloéb: … und wir spielen sie bis zum 9. August, dem 70. Todestag von Franz Jägerstätter. Ich habe diesmal in Doppelfunktion etwas Verantwortung abgegeben, habe nur mitbestimmt, dass Stephanie Mohr Regie führt. Ansonsten habe ich mich relativ ausgeklinkt, weil ja nicht ich mit den Schauspielern arbeiten muss, sondern sie. Natürlich unterhält man sich über Besetzungswünsche, aber das letzte Wort hatte immer Steffi Mohr. Als Schauspieler bin ich sehr brav.
 
MM: Für Sommertheater ist „Jägerstätter“ schwere Kost.
Bloéb: Ja. Dahinter kann man einen Punkt machen. Es gibt dann auch ein Aber!, das heißt, ich habe Sommertheater nie als Halligallihudriwudri gesehen, das 135. Nestroy-Festival, ich will immer Qualität: gutes Stück, gute Regie, gute Schauspieler, was anderes interessiert den Zuschauer nicht. Es funktioniert auch sehr gut. Unser Programm ist sehr abwechslungsreich von „Cyrano“ zum „Nackten Wahnsinn“ zum „Zerbrochenen Krug“. Mit dem „Jägerstätter“ gehe ich schon länger schwanger, der Kleist war sozusagen ein Test. Es ist zwar eine Komödie, funktioniert aber rein über die Sprache, was nicht ganz einfach ist, aber als ich gesehen habe, dass das Publikum riesig begeistert ist, war das für mich der letzte Beweis, dass Haag ein „würdiges“Theaterfestival geworden ist. Nicht umsonst mittlerweile einer der besten und erfolgreichsten Sommertheater. Die Möglichkeit einer Mitterer-Uraufführung und eine Koproduktion mit der Josefstadt nicht zu machen, wäre also dämlich gewesen.
 
MM: Ist es als Schauspieler schwer vom Innenraum zum Spiel im Freien, das etwas andere Voraussetzungen verlangt,  umzudenken?
Bloéb: Die Räumlichkeiten sind etwas anders. In der Josefstadt haben wir mehr Tiefe, die Bühne in Haag ist breiter, das Bühnenbild wird also angepasst werden. Vom Spielen selber ist der Genuss, dass man durch den Tribünenaufbau sehr nahe am Publikum dran ist.
 
MM: Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger und Sie sind beide Alphamänner. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?
Bloéb: Ja, das stimmt. Aber die wirklichen Alphamänner haben keine Probleme mit Hierarchien innerhalb der Arbeit. Die haben immer nur die Pfeifenköpf’, die meinen: Ich bin der Prinz, ich muss vorne stehen.
 
MM: Herr Mitterer, Sie waren auch schon bei einer Probe. Vorhin hat Herr Bloéb über die Wirkung der Inszenierung  auf das Publikum gesprochen: Sind Sie auch fertig?
Mitterer: Fix und fertig. Wobei es wichtig ist, zu sagen, dass man nicht ungetröstet hinausgeht. Der ganze Schrecken, der passiert, wird aufgewogen mit diesen beiden großen Liebenden. Franz ist noch im Schlussbild da, das war uns ganz wichtig. Wir wollten ja nicht nur ein Stück zeigen, wo jemand zu Grunde geht. Jägerstätter macht einem auch Mut. Das ist für mich das Besondere.
Von Michaela Mottinger
Wien, 19. 6. 2013