Künstlerhaus: Ode an die Langsamkeit

Juli 11, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Wiener radelt in sieben Jahren um die Welt

Gustav Sztavjanik und F. J. Davar, Zweiradfahrer, Weltreise 1924 – 1931

Durch Zufall erhält der Maler, Grafiker und Objektkünstler Hermann Härtel zwei Koffer voll mit Zeitungsausschnitten der Weltpresse, Bestätigungen von Konsulaten, herrlichen Lichtbildern, Pokale und anderes mehr von Edd Sztavjanik, dem Neffen von Gustav Sztavjanik, „zur Durchsicht“.

Härtel hat sich seit vielen Jahrzehnten als Trittrollerfahrer, Radfahrer und als Objektbauer von Sparkrafträdern mit dem Zweirad auseinandergesetzt. Fasziniert von dieser Radreise beschließt Hermann Härtel,

eine imaginäre Zweiradreise im Künstlerhaus zu gestalten. In der seit diesem Wochenende zu sehenden Ausstellung „Ode an die Langsamkeit“ unternimmt er eine fiktive Fahrt und zeigt sozusagen in den Radspuren von Gustav Sztavjanik intuitive Zeichnungen und Zweiradobjekte. Die Geschichte hinter der historischen Begebenheit: Der 17jährige Wiener Gustav Sztavjanik hilft dem indischen Zweiradweltreisenden F. J. Davar bei einem Patschen in der Gumpendorfer Straße. Aus dieser Zufallsbekanntschaft entsteht eine Reise in ferne Länder. Ein gefährliches Abenteuer wartet auf beide. Drei Ausrüstungsgegenstände dürfen laut Gustav nicht vergessen werden: Gesundheit, Humor und Ausdauer.Für diese Reise wählte er: Das einfachste Reisefahrzeug, welches sich Menschen mit bescheidenen Mitteln leisten können das Fahrrad.“ Mit diesem einfachen Transportmittel fährt Gustav Sztavjanik rund um die Welt.

F. J. Davar und Gustav Sztavjanik beim Zeitungsinterview in Osaka

Gustav Sztavjanik – 24-Stunden-Rennen am 24.12.1927 in Santiago de Chile

Empfang in Bombay, F. J. Davar und Gustav Sztavjanik

Vom 19. November 1924 bis 11. Oktober 1931, insgesamt 7 Jahre, dauert diese Reise. Sie führt durch vier Kontinente. Die beiden Zweiradfahrer legen insgesamt 110.000 Kilometer zurück und radeln durch 47 Länder. 1931 werden Sztavjanikund Davar in Wien auf der Boschberghöhe in Favoriten von 20.000 jubelnden Menschen stürmisch begrüßt. Im Jahr 1935 stellte Gustav Sztavjanik in der Ausstellung OESTARA (Oesterreichische Arbeit im Ausland) im Künstlerhaus seine Reiseutensilien aus. Neben anderen Österreichern aus unterschiedlichen Fachgebieten findet er nicht nur für seine radfahrerischen Leistungen, sondern für seine völkerverbindenden Erfolge und die ihm zugeschriebene national repräsentative Rolle große Anerkennung.

Das Fahrrad, eine Ode an die Langsamkeit, ist ein Apparat gegen die Zeit, gegen Opazität und für eine heile Umwelt. Das Weiterführen dieser Zweiradgeschichte, die dem vorgegebenen Drall analog scheint, ist ein sublimes Gleiten in die Jetztzeit in ein weites Feld.

TIPP: Das Zweirad – Gespräch aus der Ausstellung. 30. Juli, 18 Uhr, Künstlerhaus Factory. Über die Zukunft des Fahrrades, die damit verbundenen Stadtentwicklungen und Möglichkeiten: mit Hermann Härtel und Gästen. Anmeldung unter kunstvermittlung@k-haus.at erforderlich.

www.k-haus.at

11. 7. 2021