Salzburger Festspiele: Buhlschaft Verena Altenberger

Juli 10, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Egal, ob Jedermann und Buhle Frau oder Mann sind“

Verena Altenberger. Bild: © SF/Anne Zeuner

Nein, das Stichwort „Haare“ nerve sie nicht, erklärt Verena Altenberger. Vor Kurzem hat sie sich für die Rolle einer Krebskranken eine Glatze rasiert. „Ich mag die Debatte“, sagt sie. „Denn es ist einfach völlig egal, wie die Haare der Darstellerin der Buhlschaft aussehen.“ Ihr erster Instinkt sei gewesen, das Leid dieser Frau darstellen zu wollen, die Abhängigkeit vom Jedermann zu zeigen und sie aus den Fesseln zu befreien.

Wie sie „das Emanzipatorische“ der Rolle betonen will, wird Salzburgs „Neue“ an der Seite von Jedermann Lars Eidinger, mit dem sie schon in David Schalkos Serie „M – Eine Stadt sucht einen Mörder“ vor der Kamera stand, ab Beginn der Salzburger Festspiele am 17. Juli auf dem Domplatz zeigen. Verena Altenberger im Gespräch:

Wie fühlt man sich, wenn man den Anruf bekommt, dass man die Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen sein soll?

Verena Altenberger: Ich konnte es erstmal gar nicht glauben und musste ein paar Mal bei meinem Agenten nachfragen, ob er sich nicht verhört habe, und ob er sich wirklich sicher sei …

Sie geben mit dieser Rolle Ihr Debüt bei den Salzburger Festspielen – und das als Salzburgerin. Haben Sie sofort zugesagt?

Altenberger (lacht): Ja.

In Theaterkreisen heißt es, die Buhlschaft sei die größte kleinste Rolle – sie besteht „nur“ aus 30 Sätzen. Was macht den Reiz dieser Figur für Sie aus?

Altenberger: Mir ist das herzlich egal, ob eine Rolle stundenlang an der Rampe monologisiert, ob sie zwei Minuten auf einem Bildschirm auftaucht oder einen epochalen Kinofilm trägt. Durch intensive Vorbereitung und durch Einfühlen werde ich zur Expertin für eine Rolle, sie wird mein absoluter Mittelpunkt. Und als diesen trage ich sie in ihre Welt, in die Inszenierung, in der sie zu leben anfängt und mehr oder weniger Raum einnimmt. Die Buhlschaft zu spielen und damit auch den magischen Festspielsommer in Salzburg direkt in dessen Epizentrum zu erleben, ist ein Kindheitstraum von mir. Und der geht jetzt in Erfüllung – das macht einen großen Teil des Reizes für mich aus.

Meist wird die Buhlschaft hauptsächlich mit Sinnlichkeit, Verführung und Erotik assoziiert. Was assoziieren Sie mit der Rolle?

Altenberger: Mich interessiert das emanzipatorische Erwachen dieser jungen Frau. Ich meine, da ist eine Frau, die ihren Partner liebt, oder zumindest das empfindet, was sie als Liebe bezeichnet. Und dann merkt diese Frau – Hoppla! – meine Liebe reicht anscheinend nicht bis in die Unendlichkeit. Ist es dann Liebe? Und wenn es nicht die reine und wahre Liebe ist, zu der der Mensch fähig ist – wodurch wird sie getrübt? Wo bestehen Machtverhältnisse zwischen den Partnern? Und sind es womöglich diese Machtgefälle, die eine Liebe auf Augenhöhe unmöglich machen? Mich interessiert auch, wie es – nachdem der Bruch stattgefunden hat – für die junge Frau weitergeht: Hat sie die Chance sich jetzt neu zu erfinden, sich überhaupt zu finden, unabhängig von einem Mann, als eigenständiges Individuum; was möchte sie jetzt? Leidet sie nun Qualen ohne ihren Mann oder wird sie jetzt Vorstandschefin oder passiert beides gleichzeitig?

Vorher. Bild: © Teresa Marenzi

Nachher. Bild: © SF/Anne Zeuner

Und …

Altenberger: Und natürlich assoziiere ich auch die Erotik und die Verführung mit der Buhle, aber ich lese sie womöglich etwas anders. Vorausgesetzt, wir denken ein Machtgefälle – der Mann ist etwas älter als sie, reicher, mehr angekommen in der Gesellschaft; sie fühlt sich ihm vielleicht auch intellektuell unterlegen – da bleibt der Frau die Verführung als jener Bereich, in dem sie dem Mann ebenbürtig ist, in dem sie es mit ihm aufnehmen kann, in dem sie ihn womöglich überragt.

Wenn Sie sich die bisherigen Buhlschaften anschauen, gibt es eine, die Sie besonders mögen, die Sie inspiriert?

Altenberger: Einige. Ich schaue mir auch gerade viele ältere Aufzeichnungen an, die ich nicht live sehen konnte, und bin gespannt, was ich noch alles entdecke.

Ihr Jedermann wird von Lars Eidinger gespielt, mit dem Sie ja bereits gedreht haben. Nun geht es vom Film gemeinsam auf die Bühne – wie groß war die Vorfreude?

Altenberger: Ich freute mich sehr auf die Zusammenarbeit mit Lars! Er ist ein Kollege, der viel Energie gibt und der ganz offen auf das Spiel eingeht. Ich freute mich auf die Probenzeit – bei unserem gemeinsamen Dreh hatten wir natürlich viel weniger Zeit, um zusammen etwas zu erfinden, diesen gemeinsamen Proben-„Luxus“ gibt es nur am Theater – und darauf freute ich mich besonders.

Welche Inszenierungen vom Jedermann haben Sie gesehen?

Altenberger: Ich kann es Ihnen anhand der Buhlschaften, die ich gesehen habe, beantworten: Veronica Ferres, Marie Bäumer, Sophie von Kessel und Brigitte Hobmeier.

Mit Lars Eidinger. Bild: © SF/Anne Zeuner

Wie ist die Zusammenarbeit mit Regisseur Michael Sturminger?

Altenberger: Eine, die sehr von gegenseitigem Interesse geprägt ist und die bestimmt einige Überraschungen bereithalten wird.

Sie werden auf dem Domplatz spielen. Ist das eine neue Erfahrung für Sie unter freiem Himmel zu spielen und muss man sich – auch stimmlich – besonders vorbereiten?

Altenberger: Ja, es ist das erste Mal, dass ich unter freiem Himmel spielen werde – ich bin gespannt auf die genauen Gegebenheiten und bereite mich natürlich entsprechend vor.

Was denken Sie, weshalb der Jedermann über ein Jahrhundert hinweg so erfolgreich aufgeführt wird? Ist es ein zeitgemäßes Stück?

Altenberger: Der Jedermann ist für mich ein Stück, das gerade in Salzburg mit der Stadt und ihren Menschen verwoben ist. Das Stück ist ein Teil der Salzburger DNA und insofern nicht wegzudenken. Und dass Kapitalismus nicht die Antwort ist, dass wir gehen, wie wir gekommen sind – wie könnte das nicht zeitgemäß sein? Um das Stück vollends in unsere heutige Zeit zu holen und noch universeller zu gestalten, müsste vielleicht noch gegendert werden. Ich meine keine Umbenennung des Titels, aber vielleicht ist es irgendwann – wie bei den anderen Rollen jetzt schon – egal, ob Jedermann und Buhle Frau oder Mann sind.

Verena Altenberger in Film und Fernsehen:

Verena Altenberger wuchs in Salzburg auf, absolvierte ein Studium der Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien und studierte Schauspiel an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien. Als Teil des Ensembles Junge Burg war sie in der Spielzeit 2010/11 am Wiener Burgtheater unter anderem in der Titelrolle in „Alice im Wunderland“, als Blanche Barrow in „Bonnie und Clyde“ sowie als Isolde Weißhand in „tricky love – tristan und isolde“ zu sehen. Im Kino machte Verena Altenberger 2016 in dem Thriller „Die Hölle“ von Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky erstmals auf sich aufmerksam. 2017 gelang ihr der Durchbruch in der Rolle als heroinabhängige Mutter im Drama „Die beste aller Welten“ von Adrian Goiginger, eine Rolle, für die sie zahlreiche internationale Auszeichnungen erhielt.

2020 stand Verena Altenberger erneut in der Regie von Adrian Goiginger vor der Kamera: „Märzengrund“ soll Ende 2021 in die Kinos kommen. Abgedreht sind zudem die Coming-Of-Age Tragikomödie „Hannes“ von Hans Steinbichler, das österreichische Drama „Me, We“ von David Clay Diaz mit Kinostart am 23. Juli (Rezension demnächst auf www.mottingers-meinung.at) sowie die deutsche Komödie „Generation Beziehungsunfähig“ von Helena Hufnagel.  Als Altenpflegerin Magda feierte Verena Altenberger in der RTL Comedy-Serie „Magda macht das schon“ im Fernsehen Quotenerfolge. Seit Anfang 2021 ist sie in der vierten und finalen Staffel zu sehen. Seit März ist Verena Altenberger zudem als Sozialpädagogin Rebecca in der Magenta TV Streaming-Serie „Wild Republic“ zu erleben.

Lars Eidinger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=46992

Das Jedermann-Ensemble im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=46988

www.salzburgerfestspiele.at           www.verena-altenberger.com

10. 7. 2021