Albertina modern: Wonderland

Mai 8, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Anarchistinnen und Enfants Terribles

Jörg Immendorff: Ohne Titel, 1979. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht, Wien, 2021

Die dritte Ausstellung der Albertina modern, greift auf den reichen Sammlungsbestand der Albertina zurück. Mehr als hundert Meisterwerke werden in sieben Kapiteln von Andy Warhol bis Roy Liechtenstein, Anselm Kiefer bis Katharina Grosse, Ad Reinhardt bis Cecily Brown, Marc Quinn bis Erwin Wurm, von Albert Oehlen bis Markus Schinwald gezeigt. Die Schau spiegelt das große Spektrum an zeitgenössischer Kunst aus allen Sammlungen der Albertina nach 1945 wider und setzt räumlich Schwerpunkte:

Von der Popkunst und ihren zeitgenössischen Ausläufern Tom Wesselmann, Andy Warhol, Alex Katz über die abstrakt expressionistische Malerei von Cecily Brown, Katharina Grosse und Wolfgang Hollegha bis zu einer Zusammenschau der großen deutschen Maler Baselitz, Penck, Anselm Kiefer, Jörg Immendorff und Markus Lüpertz.

Georg Baselitz, der zuletzt 80 Jahre alt wurde und die Kunstwelt auf den Kopf stellte, wird Maria Lassnig gegenübergestellt. Enfants terribles wie Gelatin und Franz West bringen sich hingegen für eine anarchische Antikunst in Stellung. Wonderland: der Titel eines Bildes von Fiona Rae. Einer, der uns schlagartig das Universum des Unvorstellbaren und Verrückten eröffnet. Alice in Wonderland, das berühmte Buch von Lewis Carroll, erinnert uns daran, dass das Unmögliche zu glauben nur eine Frage der Übung ist. Mit diesem Gepäck der entfesselten Fantasie bewaffnet begibt sich die Ausstellung Wonderlandin unbekannte Welten. Die Utopie eines gelungenen Lebens voller Glück trifft auf dystopische kahle Landschaften, in denen Isolation und Einsamkeit, Melancholie, Grausamkeit und Tod herrschen. Nicht nur einzelne Bilder, die Ausstellung in ihrer Gesamtheit ist ein Ausflug in ein Wunderland, in dem die Vergangenheit unserer Gegenwart auf ihre eigene Zukunft stößt“, so Klaus Albrecht Schröder.

Mit „Wonderland“ etabliert die Albertina wieder eine komplette Neuaufstellung ihrer Sammlung. Im Grunde handelt es sich hier um eine Ausstellung von mehreren Ausstellungen, die sich aufeinander beziehen, die lose miteinander verbunden und dennoch unabhängig von einander existieren können. Gegenwelten treffen hier aufeinander. Aus ihrem Fundus könnte und wird die Albertina in Zukunft noch zwei Dutzend weiterer Ausstellungen von selber Qualität im Rahmen dieser neuen Schausammlung präsentieren. Ganz wie im Wonderland bei Lewis Carroll findet man hier einen Zusammenprall von verschiedenen KunstWirklichkeiten vor, widersprüchliche Fantasiewelten existieren nebeneinander. Lewis ́ Wunderland ist kein Schlaraffenland. Es ist aber auch kein Kerker. Es ist vieles, und alles gleichzeitig. Je nach Lesart, sind die eröffneten Welten bedrohlich oder geben Hoffnung.

Roy Lichtenstein: Wallpaper with blue Floor Interior. Albertina, Wien © Estate of R. Lichtenstein/Bildrecht, Wien, 2021

Maria Lassnig: Die Last des Fleisches, 1973. Albertina, Wien © Maria Lassnig Stiftung/Bildrecht, Wien 2021

Marc Quinn: The Selfish Gene, 2007. Albertina, Wien © Marc Quinn Studio

Muntean/Rosenblum: Untitled (Before we know it…), 2000. Albertina, Wien – Familiensammlung Haselsteiner © Muntean/Rosenblum

Der große Mittelsaal widmet sich den deutschen Individualisten. Hier begegnen einem starke Individuen, deutsche Künstler, die die Last der Geschichte, die Last der deutschen Vergangenheit zum Ausgangspunkt ihrer Kunst gemacht haben: AnselmKiefer, Georg Baselitz, der die NSVergangenheit kritisiert, Markus Lüpertz, der die Militarisierung der deutschen Gesellschaft anprangert, Penck, der in der DDR mit Malverbot belegt und ausgestoßen wurde oder Immendorff, der die deutsche Teilung, weil sein eigenes Leben und Sterben immer wieder aufs Neue davon abhing, verarbeitet. Diese alten Künstler sind in ihrer Wirkung auf die Kunst gar nicht zu überschätzen, obwohl sie nie Teil einer Gruppe gewesen sind. Vielleicht erklärt gerade das ihren seit Jahrzehnten anhaltenden Erfolg, ihre dominante Stellung in der Kunst.

Kein Weg führt auch an der PopArt vorbei, wenn man sich im Land zeitgenössischer Kunst bewegt. Besucherinnen und Bescuher erleben sie hier jedoch, trotz der ihr innewohnenden, farbexpressiven Schlagkraft in ihrer Zerbrechlichkeit: Harold Ancarts Streichholz wird in wenigen Sekunden abgebrannt sein, man findet kopulierende Skelette vor, die Badenden von Alex Katz zeigen eine brüchiges Glücksversprechen. Doch auch das liegt im Auge der Betrachter und seiner Perspektive.

Fiona Rae: Wonderland, 2004. Albertina, Wien – The Essl Collection © Bildrecht 2021. © Bild: Buchmann Galerie, Köln

Gottfried Helnwein: Andy Warhol, New York, 1983. Albertina, Wien © Gottfried Helnwein | Bildrecht, Wien, 2021

Georg Baselitz: B. für Larry (Remix), 2006. Albertina, Wien – Dauerleihgabe der Sammlung Viehof © Georg Baselitz

Die Kunstwerke sind in sieben Kapitel gegliedert, nicht immer benachbart oder unmittelbar zusammenhängend: Pop oder die Brüchigkeit des Glücks mit Hauptwerken von Warhol, Liechtenstein, Wesselmann und Katz, aber auch die NeoPopBewegung des Marc Quinn und Harold Ancart. Die Anarchie in der Kunst mit Werken von Franz West und Gelatin. An den Rändern der Stadt oder der Melancholie in der Kunst unserer Zeit mit zwei Räumen für Muntean und Rosenblum sowie dem Leipziger Christian Brandl und andererseits Markus Schinwald mit zwei Neuerwerbungen sowie Franz Zadrazils unscheinbare Fassadenbilder. Formen der Abstraktion mit Werken von Ad Reinhardt, San Francis, Morris Lewis und Pierre Soulagessowie Hollegha, Prachensky und Staudacher sowie als jüngste Erwerbungen Cecily Brown und Katharina Grosse.

Maria Lassnig und Georg Baselitz: Der Maler, der das Motiv seiner Nützlichkeit und seiner Realität beraubt, der die Motive auf den Kopf stellt zusammen mit der Künstlerin, die die Body-Awareness-Art erfunden hat. Deutschland und die Last der Vergangenheit: Deutschland mit den bedeutenden und seit den 1960er Jahren und bis heute dominierenden Individualisten Georg Baselitz, Markus Lüpertz, Jörg Immendorff, Penck und Anselm Kiefer. Die alte Katastrophe, der Zweiter Weltkrieg und die alte Teilung als gemeinsames Thema von Malern, die wie eine Gruppe waren und eine Bewegung und Schule begründeten. Das Gesicht und seine Maske: Spektakuläre Porträtfotografie von Gottfried Helnwein, dem in den 1970er und 1980er Jahre Größen wie Andy Warhol und Keith Harring, Mick Jagger, Clint Eastwood und Michael Jackson Porträt gestanden sind.

www.albertina.at

8. 5. 2021