Die Oscars 2021: Corona-kurz, politisch und weiblich

April 26, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Nomadland“ ist die große Gewinnerin

Nomadland. © Searchlight Pictures

Corona-kurz und bündig, so wurden vergangene Nacht die Academy Awards verliehen, 23 Oscars in knapp drei Stunden, das ist Rekordzeit. In der Union Station von Los Angeles, der Art-Deco-Bahnhofshalle, fanden in blaugepolstert-glamourösen Nachtclub-Nischen so viele Nominierte wie unter den strengen Pandemie-Auflagen eben möglich Platz. Regisseur Steven Soderbergh, der die

Gala dieses Jahr mitproduzierte setzte ganz auf diese Intimität, und statt der üblich langen Filmtrailer auf charmante Anekdoten der Künstlerinnen und Künstler über ihr Filmschaffen. So erzählte etwa „Minari“-Darsteller Steven Yeun, wie er als Zehnjähriger, da seine Mutter die falschen Kinokarten gekauft hatte, mit selbiger in einem „Terminator“-Film landete, „sie aber so tat, als wäre das von ihr geplant gewesen“. Worauf als Überleitung von dieser Kindheitserinnerung ein Arnold-Schwarzenegger’scher Androidenarm den Weg zu den Nominierungen für visuelle Effekte – gewonnen von Christopher Nolans „Tenet“ – wies.

Glenn Close erwies sich bei einem Musikquiz unter den Anwesenden nicht nur als wertvoller Telefonjoker, sie wusste auch spontan eine Spike-Lee-Geschichte zum Song „Da Butt“, die sie mit einem entsprechenden Tänzchen belegte – und das alles, obwohl sie für ihre Mamew in „Hillbilly Elegie“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46161) gerade mal wieder leer ausgegangen war. Close, zum achten Mal nominiert, hält damit weiterhin den Rekord der Öftest-Nominierten, aber nie ausgezeichneten. Den Oscar für die Beste Nebendarstellerin erhielt Yoon Yeo-jeong für den Film „Minari“.

Ihr Vorjahresgelöbnis zur Besserung löste die Academy of Motion Picture Arts and Sciences ein, indem sie sich nach den Vorwürfen, zu alt, männlich und weiß zu sein #oscarssowhite, nun diverser präsentierte: Siebzig Frauen waren nominiert, und gleich der erste Oscar des Abends ging an Regisseur und Drehbuchautorin Emerald Fennell fürs Beste Originaldrehbuch ihres Rachethrillers „Promising Young Woman“.

Die große Gewinnerin 2021 ist Chloé Zhao mit „Nomadland“. Die gebürtige Pekingerin, die ihr Sozialdrama-Roadmovie auf den Spuren von Arbeitsnomaden durch die Vereinigten Staaten mit kleinem Budget selbst produzierte, wurde nicht nur als beste Regisseurin ausgezeichnet – und folgt damit Kathryn Bigelow, die für „The Hurt Locker“ 2009 als bislang einzige Frau in dieser Kategorie gewonnen hatte, Zhao nahm auch die Auszeichnung für den Besten Film entgegen. Mitproduzentin Frances McDormand schließlich ward für die Rolle der Fern zur Besten Hauptdarstellerin gekürt.

Beide Damen hielten sich in ihren Dankesreden zurück, man möchte dennoch sagen, man sah ihnen den Triumph an. Oder wie Filmexperte Alexander Horwath und ORF-Kulturjournalistin Lillian Moschen bei der Live-Übertragung meinten: In COVID19-freien Jahren wäre „Nomadland“ mangels Werbebudget mutmaßlich durch finanzkräftige Blockbusterproduktionen an den Rand gedrängt worden. Nun, da die großen Studios ihre Projekte verschoben hatten, kam auch mal das andere Kino zum Zug …

Hillbilly Elegie. Bild: © L. Terrell/Netflix 2020

The Trial of the Chicago 7. Bild: © Netflix 2020

Ma Rainey’s Black Bottom. Bild: David Lee – © Netflix 2020

One Night in Miami, re.: Regina King. Bild: Patti Perret – © Courtesy of Amazon Studios 2020

An politischen Statements fehlte es nicht. So beschwor Regina King, die zum Show-Auftakt die Union Station als „Watch(wo)men“-Superheldin Sister Night stürmte, sie hätte ihre High Heels gegen deren Black Boots getauscht, „wenn die Dinge in Minneapolis diese Woche anders gestanden hätten“, womit sie das Urteil im Prozess um die Ermordung von George Floyd meinte. Ihr dreifach nominiertes Drama „One Night in Miami“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46117) über die afroamerikanischen Ikonen Muhammad Ali, Malcolm X, Sam Cooke und Jim Brown fuhr am Ende ohne Oscar nach Hause.

Daniel Kaluuya, für seine Rolle als Fred Hampton in „Judas and the Black Messiah“ als Bester Nebendarsteller ausgezeichnet, erwähnte in seiner Dankesrede explizit die „Black Panther“-Bewegung als großen Einfluss in seiner Jugend. Die für ihre Kurzfilme „Two Distant Strangers“ und „If Anything Happens I Love You“  ausgezeichneten Will McCormack und Michael Govier beziehungsweise Travon Free und Martin Desmond Roe erinnerten an die Opfer von Polizeigewalt und Amokläufen an Schulen: „Heute wird die Polizei drei Menschen töten, morgen wird die Polizei drei Menschen töten und am Tag darauf ebenfalls“, so Will McCormack.

Aaron Sorkins Gerichtsthriller „The Trial of the Chicago 7“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45513), in dem Fred Hampton ebenfalls Protagonist ist, erhielt von den prognostizierten sechs Oscars sagenhafter Weise keinen. „Ma Rainey’s Black Bottom“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45646), unter dessen fünf Nomierungen Chadwick Boseman in seiner letzten Rolle als Bester Hauptdarsteller hoch gehandelt worden war, ausschließlich die beiden für Bestes Make-up und Frisuren und Bestes Kostümdesign. Keinen Oscar gab’s für Hochkaräter wie Tom Hanks und „Neues aus der Welt“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45795), George Clooney und “ The Midnight Sky“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46031) und Sophia Loren mit „La vita davanti a sé“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=46201).

Zum sechsten Mal war Anthony Hopkins für einen Oscar nominiert, doch im Gegensatz zu Close hatte er den Goldjungen 1992 für die Rolle des Hannibal Lecter in „Das Schweigen der Lämmer“ schon einmal mit nach Hause nehmen dürfen. Nun erhielt er die Trophäe für die Hauptrolle in „The Father“ – ohne die Statuette allerdings persönlich entgegenzunehmen. Dabei machte Regisseur Florian Zeller, er wurde gemeinsam mit Christopher Hampton für das Beste adaptierte Drehbuch seines Theaterstücks ausgezeichnet, ausdrücklich die Zusammenarbeit mit Hopkins für das Gelingen des Films verantwortlich: „Ich hatte beim Drehbuch-Schreiben ständig sein Bild im Kopf.“

[Hopkins meldete sich am Dienstag via Telegraph aus Wales: www.youtube.com/watch?v=Y111jltWqoo] In Wien war das Alzheimer-Drama bereits 2016 an den Kammerspielen der Josefstadt in einer Inszenierung von Alexandra Liedtke mit Erwin Steinhauer als „Vater“ zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522). Das als Geheimtipp gehandelte Gehörlosendrama „Sound of Metal“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45178) konnte von sechs Nominierungen nur zwei einlösen. Als der Verlierer des Abends muss allerdings David Finchers Schwarzweiß-Satire „Mank“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45151) gelten. Der Film war mit zehn Nominierungen als haushoher Favorit ins Rennen gegangen, konnte aber nur die Goldstatuetten in den Kategorien Kamera und Produktionsdesign für sich reklamieren.

Quo vadis, Aida? Bild: @ Polyfilm Verleih

Auch Österreichs kleine Auslands-Oscar-Hoffnung währte nicht lange. Jasmila Žbanićs von coop99 filmproduktion koproduziertes Bosnienkriegsdrama „Quo vadis, Aida?“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45395) ging, obwohl Alexander Horwath, Lillian Moschen und mottingers-meinung.at darauf gesetzt hatten, leer aus. Thomas Vinterbergs Trinkerparabel „Der Rausch“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45870) setzte sich als Bester internationaler Spielfilm durch.

Die Dankesrede des dänischen Regisseurs war zugleich die emotionalste des Abends. Kurz vor Fertigstellung des Films kam seine Tochter Ida, die in „Der Rausch“ in Schauspieldebüt geben sollte, bei einem Autounfall ums Leben. Unter Tränen widmete ihr Vinterberg sein Werk.

Der Rausch, re.: Thomas Vinterberg. Bild: Henrik Ohsten. © 2020 Zentropa Entertainments3

Neues aus der Welt. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved

La vita davanti a sé. Bild: Greta © Netflix 2020

Mank. Bild: © 2020 – Netflix / Gisele Schmidt

Die Preisträgerinnen und Preisträger im Überblick

Bester Film: „Nomadland“

Beste Regie: Chloé Zhao („Nomadland“)

Bester Hauptdarsteller: Anthony Hopkins („The Father“)

Beste Hauptdarstellerin: Frances McDormand („Nomadland“)

Bester Nebendarsteller: Daniel Kaluuya („Judas and the Black Messiah“)

Beste Nebendarstellerin: Yoon Yeo-jeong („Minari“)

Bestes Original-Drehbuch: „Promising Young Woman“

Bestes adaptiertes Drehbuch: „The Father“

Bester internationaler Film: „Der Rausch“ (Thomas Vinterberg) www.mottingers-meinung.at/?p=45870

Bestes Make-up und beste Frisuren: „Ma Rainey’s Black Bottom“ www.mottingers-meinung.at/?p=45646

Bestes Kostümdesign: „Ma Rainey’s Black Bottom“ www.mottingers-meinung.at/?p=45646

Bester Ton: „Sound of Metal“ www.mottingers-meinung.at/?p=45178

Bester Kurzfilm: „Two Distant Strangers“

Bester animierter Kurzfilm: „If Anything Happens I Love You“

Bester animierter Film: „Soul“

Bester Dokumentar-Kurzfilm: „Colette“

Bester Dokumentarfilm: „My Octopus Teacher“

Beste visuelle Effekte: „Tenet“

Bestes Szenenbild: „Mank“ www.mottingers-meinung.at/?p=45151

Beste Kamera: „Mank“ www.mottingers-meinung.at/?p=45151

Bester Filmschnitt: „Sound of Metal“ www.mottingers-meinung.at/?p=45178

Beste Filmmusik: „Soul“

Bester Filmsong: „Judas and the Black Messiah“

www.oscars.org

26. 4. 2021