Till Firit im Gespräch

Juni 10, 2013 in Bühne

„Mein Freund Harvey“ am Wiener Volkstheater

Till Firit, Inge Maux Bild: © Lalo Jodlbauer

Till Firit, Inge Maux
Bild: © Lalo Jodlbauer

Die Verfilmung mit James Stewart aus dem Jahr 1950 kennt so gut wie jeder. Ein Komödienklassiker. Ein Dauerbrenner. Ab 14. Juni hat nun am Volkstheater „Mein Freund Harvey“ von Mary Chase Premiere. Till Firit schlüpft in die Rolle des schrulligen Elwood P. Dowd, der vom riesigen weißen Hasen Harvey durchs Lebens begleitet wird. Ein Puka, also ein keltisch-mythologischer Tierdämon, oder ein Fall für die Klappsmühle. Elwoods Schwester Veta (Inge Maux) und seine Nichte Myrtle (Claudia Sabitzer) sind jedenfalls mit den Nerven am Ende. Aber das sind die  Psychiater (Ronald Kuste und Matthias Mamedof) auch bald. Till Firit im Gespräch:

MM: Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zu Hasen? Oder Kaninchen – hatten Sie als Kind eines?

Till Firit: Mein Bruder hatte ein Meerschweinchen, das meine Katze irgendwann gefressen hat. Das hat die Bruderliebe kurz getrübt, aber mittlerweile geht’s wieder. Wir haben diesen Kampf während unserer Kindheit ausgetobt.

MM: Bei „Mein Freund Harvey“ denkt jeder zuerst an den Film mit James Stewart. Nur Sie nicht. Ich habe gehört, Sie kannten ihn nicht einmal.

Firit: Stimmt, aber die Dramaturgie hat ihn mir gegeben, ich habe ihn mittlerweile gesehen und seither versuche ich, ihn zu vergessen. Die DVD ist übrigens verschwunden …

MM: Vergessen, weil Ihr Elwood P. Dowd ein anderer sein soll, als der im Film, nehme ich an? Erzählen Sie bitte ein bisschen. Elwood ist doch der reizendste Mensch, den es gibt. Sind Sie so, wären Sie gern so? Die Sanftmut und Liebenswürdigkeit in Person?

Firit: Nein, nicht unbedingt. Ich habe versucht, diese Figur für mich zu verstehen. Ich muss ihn mir ja selber glauben, damit das Publikum mir glaubt. Man kann Elwood auch so sehen: eigentlich ein Taugenichts, der nichts auf die Reihe bekommt, erfreulicherweise aber finanziell gut abgesichert ist und sich keine Sorgen machen muss. Aber eigentlich bringt er nichts fertig, schiebt auftauchende Probleme anderen zu – und wenn nichts mehr hilft, kippt er einen Whisky drüber. Er ist ja die meiste Zeit angesoffen und nervt seine Familie. Leute, die wenig mit ihm zu tun haben, sind natürlich von seinen Manieren angetan, aber dass seine Schwester und seine Nichte von seinem Tick genervt sind, ist total nachvollziehbar. Einerseits will ich also diese dunkle Seite der Komödie problematisieren, auf der anderen Seite soll das Publikum sich unterhalten. Das andere kann unterschwellig mitschwingen. Ich will ja nicht nur eine Vorgabe erfüllen, sondern auch für mich was Interessantes daran finden. Das ist eine vielseitige Rolle, eine „fremde“ Gestalt. Er hat sich entschieden, das Glas halb voll zu sehen, das führt eben zu Dissonanzen.

MM: Was mir an Elwood sympathisch ist, ist sein guter Schmäh, sein eigener Humor. Er bringt Menschen dazu, auch schon den Hasen zu sehen.

Firit: Oder zumindest darüber nachzudenken, ob nicht doch was dran sein könnte. Er animiert eben auch seine Umwelt dazu, die Dinge positiv zu sehen. Er probiert es ständig. Wir haben viel diskutiert, wie das ist mit Rauschzuständen und was sie bewirken. Harvey ist ja ein Puka, eine keltische Mythengestalt. Damals hatte der Rausch und die daraus hervorgehenden „Bilder“ prophethische, religiöse Funktion.

MM: Sich die Wirklichkeit hinzubiegen, schön zu biegen, ist das nicht etwas, das wir alle viel mehr tun sollten?

Firit: Das darf man sich fragen, wenn man sich das Stück anschaut. Ich saß neulich mit zwei Freunden in einer Bar, wo eine Live-Band relativ lustlos lauter alte Lovesongs spielte. Mein einer Freund war entsetzt, wollte sofort das Lokal wechseln. Der andere war hingerissen: Lauter Lieder seiner ersten Lieben. Und ich saß in der Mitte … So ähnlich darf man’s auch bei „Mein Freund Harvey“ sehen. Ich merke, dass mir genau deswegen die Proben gute Laune machen. Ich werde auch schon so gelassen wie Elwood (Er lacht.) Ich bin verzeihlicher mit meiner Umwelt, wo ich sonst schon genervt reagieren würde.

MM: Elwood ist ja das passive Zentrum des Stücks. Die Action, die Hysterie passiert ja rund um ihn.

Firit: Daran musste ich mich nach dem „Revisor“, wo ich den Rausreisser, den Strippenzieher gespielt habe, erst gewöhnen. Ich kam anfangs von der „Harvey“-Probe und sagte mir: So,den ganzen Tag nichts gemacht. Was natürlich so nicht stimmt, aber der Gegensatz zum Treppensport im „Revisor“ ist gewaltig. Jetzt komme ich nicht mehr fertig und verschwitzt, sondern traumtänzerisch aus dem Theater.

MM: Sie spielen sich am Volkstheater durch alle Genres. Ist Komödie wirklich die schwierigste Disziplin?

Firit: Ich finde die Abwechslung schön. Die Herangehensweise ist eine andere. Bei der Komödie muss man erst die Pflicht, dann die Kür machen: Das Timing muss stimmen, die Abläufe, die Blicke – alles minutiös geprobt. Beim Drama kann man sich erst in die Kür stürzen, in die Psychologie der Figuren: Warum lieben die sich? Oder nicht? Wir loten aus, wir improvisieren, dann, aus dieser Haltung heraus, erarbeitet man Gänge und derlei Dinge.

MM: Katrin Hiller führt Regie. Wie spielen Sie einen unsichtbaren Partner an? Oder hat man Ihnen ein Hilfsmittel gegeben? Einen Bühnenarbeiter, der den Harvey geben muss?

Firit: Das ist schwer, das ist, was mir am meisten Kopfzerbrechen macht. Ich will keine pantomimischen Mittel bedienen, sondern einfach sagen: Er ist da. Ich spiele in diesem Sinne zwei Rollen, muss für zwei kreativ sein. Bei den Proben haben Kollegen kurz Harveys Position eingenommen, damit ich weiß, in welche Richtung ich sprechen muss. Aber wie gesagt: Es bereitet mir noch Kopfzerbrechen. Statt „Solo für zwei“ Duo für einen.

MM: Gibt’s eine Moral von der Geschichte?

Firit: Ein Appell an Toleranz vielleicht. Wie viel Spleen kann ich am anderen tolerieren? Wie viel Konvention muss sein?

MM: Themenwechsel: Sie haben auch einen Hörbuchverlag, MONO. Wie kam’s dazu?
Firit: Genau. Vergangenen Monat haben wir zusammen mit Markus Muliar, dem Enkel von Fritz Muliar, ein Hörbuch herausgebracht: bisher unveröffentlichte Tagebücher aus seiner Zeit im Krieg. Er sollte ja von den Nazis hingerichtet werden, kam dann in eine Strafkolonne, darüber erzählt er in den Tagebüchern. Wir überlegen als nächstes alte Muliar-Interviews als Hörbuch zu machen. Aber zu Ihrer Frage: Mein Bruder Ben und ich haben das vor fünf Jahren begonnen, als ich mit einer Theaterproduktion sehr unglücklich war und dachte, ich brauche einen Ausgleich. Ich wollte gerne „Der Spieler“ lesen, aber niemand wollte es mit mir aufnehmen, also haben wir’s selber gemacht. Mein Bruder ist dann nach einem Jahr ausgestiegen und hat sich anderen Projekten zugewandt, er ist Fernsehredakteur. Nun sind wir ein Viererteam und schaffen ungefähr 30 Hörbücher pro Jahr. Wir wollen uns vom deutschen Markt absetzen, indem wir österreichische Stoffe, Autoren, Schauspieler als Sprecher … im Fokus haben. Die Themen sollen um Österreichisches kreisen. Wir sind in Kontakt mit einem österreichischen Hörspielverlag, die Wiener Hörspielmanufaktur, um mit denen künftig auch zusammenzuarbeiten.

MM: Sie haben „Anna Karenina“ eingelesen.

Firit: Sagen wir: Es ist in Arbeit. Ich bin jetzt bei der Hälfte, ganz ehrlich, ich habe das Projekt ein wenig unterschätzt. Ich wollte im März fertig sein, wird wohl 2014 werden. Wir haben jetzt schon 25 Stunden. Fertig geschnitten.

www.volkstheater.at

www.monoverlag.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 10. 5. 2013