Volkstheater calling: Tausend Wege – Ein Telefonat

März 31, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf der Suche nach dem tieferen Sinn

Bild: pixabay.com

Nach dem grandiosen Audiowalk „Black Box“ von Rimini Protokoll (www.mottingers-meinung.at/?p=44747, Termine für April sind geplant) präsentiert das unter der neuen Intendanz von Kay Voges der Wiedereröffnung harrende Volkstheater ein weiteres Lockdown-taugliches theatrales Erlebnis. Das US-amerikanische Kollektiv 600 Highwaymen aka Abigail Browde und Michael Silverstone unterbreitet seine

hochgelobte Produktion „Tausend Wege – Ein Telefonat“ erstmals einem deutschsprachigen Publikum, der Text dafür eigens vom Volkstheater ins Deutsche übersetzt und angepasst – und seit gestern via Telefonat mitzuerleben. 600 Highwaymen arbeiten stets an der Schnittstelle von Theater, Tanz, zeitgenössischer Performance und Begegnung mit dem Publikum. Die Truppe wurde von Le Monde als „Vorreiter des zeitgenössischen Theaters“ und vom New Yorker als „eine der besten unkonventionellsten Theatergruppen New Yorks“ bezeichnet. Neben ihrer Arbeit in den Vereinigten Staaten ist das Kollektiv regelmäßig international tätig, auch in Europa, wo es unter anderem bei den Salzburger Festspielen gastierte.

2017 waren Browde und Silverstone für einen Nestroy in der Kategorie „Spezialpreis“ nominiert, für ihre ebendort zu sehende „Neuerfindung“ von Horváths „Kasimir und Karoline“ (www.mottingers-meinung.at/?p=26529). Enigmatisch ist ein Wort, das man mit den Projekten von 600 Highwaymen getrost verbinden kann, dieses gleichsam ein Synonym für „Kennst dich eh aus?“, und „Tausend Wege – Ein Telefonat“ nun eine Stunde Telefontheater mit einer Computerstimme und einer unbekannten Person, im konkreten Fall einer zweiten Zuhörerin, die sich ebenso wie man selbst via einer zugemailten Nummer einwählt, eine am Küchen-, eine am Schreibtisch, zwei Handys und ein wenig guter Wille für ein bisschen Kopfkino.

Person A und Person B folgen dazu einer Reihe von Anweisungen. Zwei Fremde, dies die Intention dahinter, nämlich Intimität zu erzeugen in einer Gesellschaft, die sich mit Intimität zunehmend schwerer tut, sollen so ihr Bild des jeweils anderen entwerfen und dabei im besten Falle die Grenze zwischen Unbekanntem und Vertrautem, die Wirkung von Distanz und Nähe in Zeiten der Isolation erforschen. Die KI-Generalissima der ganzen Chose, eindeutig mit zu wenig I programmiert, veranlasst einen sich in der Vorstellung sichtbar zu machen, Vorstellung in doppeltem Sinne, soll doch das so skizzierte Selbstporträt vorm inneren Auge des anderen erscheinen.

Wen liebt man, was ist einem wichtig?, gute Charaktereigenschaften, auch schlechte Angewohnheiten, mehr und mehr wird die Stunde zum Seelenstrip, Hemmungen hat man kaum, weil man den anderen ja weder kennt noch sieht, doch „wie einer der sieht“, soll man das Gegenüber festhalten. Dazu erzählt die Computerstimme in Etappen eine Story: Als A und B ist man offenbar mit dem Auto in einer Wüste liegengeblieben, eine menschenleere Sandpiste, Qualm aus dem Motor, im Hintergrund – hört man da wirklich einen Mann rufen: „Raus mit euch! Schnell!“, soll man zur nächsten Stadt laufen?, die Haut bald trocken und staubig, zu dritt verirrt im Nirgendwo … Das alles entwickelt sich enervierend langsam, und dass die Computerstimme teilweise fast unverständlich ist, macht das Telefonat nicht weniger anstrengend.

Tausend Wege – Ein Telefonat. Bild: © Ulrike Schild/Volkstheater

Tausend Wege – Ein Telefonat. Bild: © Ulrike Schild/Volkstheater

Tausend Wege – Ein Telefonat. Bild: © Ulrike Schild/Volkstheater

Tausend Wege – Ein Telefonat. Bild: © Ulrike Schild/Volkstheater

Auf ein keck herausforderndes „Wir haben dich nicht verstanden, Suri!“ kann die Stereotype nicht reagieren, sie geht auf ihre Mittelefoniererinnen und deren Angaben gar nicht ein – zum Beispiel: „Kannst du nähen?“- Ich: „Nein.“- „Klasse!“ -, sie redet einfach weiter. Längst schon unterhält man sich mit der anderen Teilnehmerin über „Suris“ Gesäusel hinweg, man hatte Glück mit einer sehr sympathischen Partnerin, die im Bereich künstlerischer Ausbildung tätig ist. Dieses Gespräch ist spannend.

Die Suche nach dem tieferen Sinn. Wenn’s das ist, was 600 Highwaymen geplant hatten, ist die Übung geglückt. Am Ende der 60 Minuten tauscht man Klarnamen und Kontaktdaten aus, eine Fremde wurde einem tatsächlich nähergebracht. „Eines Tages“, sagt die Computerstimme, „werden wir hierüber lachen. Eines Tages wird das eine tolle Geschichte sein, wird das hier etwas sein, dass wir niemals vergessen werden.“ Nicht übertreiben, Fräulein Sprachassistentin! Da halten wir uns lieber an deinen Satz: „Das hier sind bloß Fragmente, lückenhaft.“

Denn das ist es auch, und mutmaßlich der Grund, warum „Tausend Wege – Ein Telefonat“ nicht so recht zündet. „A Thousand Ways“ ist von 600 Highwaymen als Triptychon entworfen. Auf den vom Volkstheater umgesetzten „Part One: A Phone Call“ folgt „Part Two: An Encounter“, bei dem die Mitmachenden an einem Tisch einem Fremden gegenübersitzen, mit einem Stapel von Indexkarten, einer Handvoll Objekte und einem Satz von Anweisungen. Darauf folgt „Part Three: An Assembly“, eine Zusammenkunft aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer für ein abschließendes kollektives Erlebnis.

Vielleicht hat Kay Voges diesbezüglich Post-Corona-Pläne? [Beim Singapore Int’l Festival of Arts und im Walker Art Center in Minneapolis läuft Part Two bereits ab Mitte April.] Dann sollte man sich „Tausend Wege – Ein Telefonat“ nicht entgehen lassen. Es wäre doch schade, nicht Teil davon zu sein, wenn sich die Frage, wo die Reise hingeht, endlich aufklärt …

Termine bis 22. April, jeweils 17.30, 19.00 und 20.30 Uhr.

www.volkstheater.at           www.600highwaymen.org           Trailer: www.youtube.com/watch?v=wjvfMiwsc5Q

  1. 3. 2021