Ivan Ivanji: Corona in Buchenwald

März 21, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Decamerone der KZ-Überlebenden

„Sind zwölf sehr alte ehemalige Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald im April des Jahres 2020 nach Weimar gekommen …“ Liest man ihn als subversiven Kommentar zur Skurrilität des Kampfes ums Dasein, so beginnt Ivan Ivanjis aktuell bei Picus erschienener Roman „Corona in Buchenwald“ wie ein jüdischer Witz. Zum 75. Jahrestag der Befreiung wollte dies Dutzend Überlebende, genannt die „Buchenwaldianer“ wie der spanische Schriftsteller Jorge Semprún vorgeschlagen hatte, die letzten Zeitzeugen allesamt rund um die neunzig Jahre alt, aus aller Welt nach Weimar kommen – doch wurde der Festakt abgesagt.

Von einer Pandemie lassen sich die betagten Herren freilich nicht aufhalten, man will den Gedenktag unbedingt begehen, den toten Kameraden ein mutmaßlich letztes Mal die Ehre erweisen, und so reisen sie an: Chemielaborant Franco Miculleti aus den USA, Schriftsteller Sascha Mihályi-Mihajlović aus Serbien, Sportlehrer Jorgos Vargas aus Griechenland, Diplomingenieur Leon-Leo Gutmann aus Israel, Botschafter Philippe Pharoux aus Frankreich, Journalist Hugo Braun-Barna aus Ungarn, Slawistik-Professor Viktor Weisz aus Tschechien, Gastwirt Michael Jung aus

Deutschland, Schriftsteller Rodrigo Rosales Rosales aus Spanien, Kaufmann Stefan Seliger aus den Niederlanden, Polizist Nils Jensen aus Dänemark und Obert Igor Iwatschew aus Russland. Versteht sich, die Berufe sind natürlich die gewesenen. Als Begleitung stellen sich Ehefrauen, Schwieger- und Enkelkinder ein; Rodrigos Freund Raphael wird sich als sein Lebensgefährte erweisen. Ivanji lässt sich Zeit, sein Szenario zu entwerfen, auch wenn er seine Charaktere mit zwei, drei kurzen Strichen skizziert – hager, Hängebacken, gemütlich, militärisch, exakter Haarschnitt, eleganter Anzug …

Man wird im Hotel Elephant einquartiert, wo sich schon im Juli 1926 ein gewisser „Adolf Hitler, Schriftsteller“ in das Gästebuch eintrug, später die Suite 100 speziell für ihn eingerichtet wurde, und er sich – auf dem Balkon Reden schwingend – feiern ließ. Heute reflektiert eine Ausstellung in der Beletage diese „Führer“-Besuche. Amerikanische Soldaten schließlich trieben nach der nazideutschen Kapitulation die Bürger aus Weimar den Ettersberg hinauf, „um die verhungerten Leichen zu sehen. Seht her, das habt ihr gemacht. Ihr! Oder zumindest zugeschaut habt ihr. Bestenfalls weggeschaut“, denkt Igor.

Bei der Annäherung der 3. US-Armee übernahmen am 11. April 1945 die Häftlinge die Leitung des Lagers von der abziehenden SS, nahmen 125 der Bewacher fest, öffneten die Tore und hissten die weiße Fahne. Bereits Tage zuvor hatten viele Häftlinge durch Boykott und Sabotage ihre von den Nationalsozialisten so genannte Evakuierung verhindert und die US-Armee per Funk zu Hilfe gerufen … Nun also wieder einquartiert. In Weimar. Und sofort in Quarantäne, da einer der Buchenwaldianer positiv auf das Virus getestet ward.

Mit Gewehren bewaffnete Häftlinge nehmen wenige Stunden nach der Befreiung des Lagers SS-Männer gefangen. Bild: Paul Bodot, 11. April 1945. Association Française Buchenwald-Dora, Paris. Quelle: KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Zwei amerikanische Soldaten vor einem Anhänger mit Leichen im Innenhof des Krematoriums. Im Hintergrund ein befreiter Häftling. Bild: Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Corona, dazu fällt Sascha – man merkt, er schält sich als Protagonist heraus – maximal die Schröter ein, Schauspielerin und Sängerin Corona Schröter, Goethe-Protegé und 1779 dessen erste Iphigenie in einer Laienaufführung auf der Ettersburg auf dem Ettersberg – „so nah am Konzentrationslager“. Mit dem Dichterfürsten höchstselbst als Orestes und Herzog Karl August als Pylades. Eine Ménage a trois über die Goethe notierte: „Noch kann ich nicht von der Schröter weg. Ein edles Geschöpf in seiner Art“, während der Herzog dem Freund anvertraute: „Ich bin seit 24 Stunden nicht bei Sinnen, das heißt bei zu vielen Sinnen.“

Man lernt einander kennen, Igor erkennt Sascha, der Genosse war’s, der ins Außen-, ins Zwangsarbeitslager Langenstein-Zwieberge gestohlene Kaninchen brachte, „das erste gebratene Fleisch seit …“, und Sascha, der nicht vorhat, sich die Zeit zu vertreiben, „im Gegenteil, ich will sie festhalten, um sie für etwas zu nutzen“, unterbreitet den anderen seine Idee, gleich der Gesellschaft in Boccaccios „Decamerone“ allabendlich zum Geschichtenerzählen zusammenzukommen. Dies geschieht, erst per Laptop, dann in der Hotelbibliothek.

Autor Ivan Ivanji, 1929 als Sohn einer jüdischen Ärztefamilie im Banat geboren und vom NS-Regime in die Konzentrationslager Auschwitz

und Buchenwald deportiert, war beinah alles, was seine Figuren sind, Lehrer, Journalist, Lektor, Theaterdirektor, Diplomat und Dolmetscher – von Tito. Seit der Pension ist der in Wien und Belgrad lebende Ivanji bekennender „Skribomane“. Pro Jahr ein Roman, möchte man sagen, meist einer, der die eigene Seelenlandschaft miterkundet, die Altherrenriege, die er jetzt um sich versammelt, sind unschwer als Alter Egos zu erkennen, von jedem ein bisschen ergibt ein ganzes Bild, doch am meisten von seinem Schöpfer hat der Serbe Sascha.

Liebevoll und detailverliebt beschreibt Ivanji die Atmosphäre des Veteranentreffens, das Champagnisieren auf Kosten der Stadt Weimar, die verdrängten Ängste vom Eingesperrtsein, die hochkochen, die geselligen Runden, das wissenschaftlich so genannte Konzentrationslagersyndrom der nächsten Generation, die beflissene Betreuung durch die deutschen Offiziellen. Hier schöpft er zweifellos aus eigener Erfahrung.

Die folgenden zwölf Geschichten sind eine Mischung aus Augenzeugenberichten aus dem KZ, Anekdoten des späteren Lebens und Episoden aus den Lieblingsthemen des Autors, der römischen und der biblischen Geschichte: Rodrigo, der jüngste Held des Spanischen Bürgerkriegs, erhebt Ovid zum Begründer der Exilliteratur, Stefan Seliger erinnert sich an seinen Moment mit Anne Frank, bei Viktor Weisz wird’s mit Rabbi Löw und dem Golem mystisch. Welche politischen, großindustriellen Hände Hitler geformt haben? Oder den „Wer Jude ist, bestimme ich!“-Göring? Was bedeutet in Prag HHhH? – Himmlers Hirn heißt Heydrich … und es ist ein teuflisches Gehirn!

US-Soldaten vor dem Lagertor. Vorne: Munitionskisten der SS. Bild: Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Vier jugendliche Häftlinge mit freiem Oberkörper vor einem der Steinblocks. Bild: Alfred Stüber, Mitte Mai 1945. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Befreite Häftlinge des Kleinen Lagers im Gespräch mit US-Soldaten. Bild: Ardean R. Miller, U.S. Signal Corps, 18. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Der Zeuge Jehovas Michael Jung, gefoltert für seinen Glauben, Peitschenhiebe, Hunger, Steine schleppen, hält Jesus‘ Bergpredigt: „Es gibt Gutes und Böses auf dieser Welt. Ihr seid kluge Leute, ihr nennt das Dualismus. Ich bin nicht gescheit. Ich bin fröhlich. Vielleicht bin doch auch ich gemeint, wenn den geistig Armen das Himmelreich versprochen worden ist.“

Pazifist Leo Gutmann gesteht unter Tränen, dass sich seine Enkelin Judith dem Mossad, sein Enkel Raphael der Militärpolizei in Jerusalem angeschlossen hätten: „Als ich ihn fragte, ob er größere Angst habe, getötet zu werden oder einen unschuldigen Araber zu ermorden, hat er die moralische Tragweite der Frage überhaupt nicht verstanden.“ Mal feinsinnig, mal brutal, mal tragisch, mal komisch, setzen sich die zwölf Abende zum zeithistorischen Mosaik, zum Europa-Puzzle zusammen. Buchenwald – ein Schicksal, dass hier Bankiers- sprösslinge mit Gassenjungen teilen, Juden, Christen, Atheisten, Widerstandskämpfer, Partisanen, Genossen.

Igor, 16 Jahre alter Zwangsarbeiter im KZ-„Kommando Junkers“, lässt sich aus über deutsche Kraftausdrücke: „Schweinehund. Habe ich nie begriffen. Die dumme Zusammensetzung von zwei verachteten Tieren in ein Wort soll als Schimpfwort gelten?“ [Tatsächlich meint der Begriff eine besondere Art Jagdhund, Anm.], und schildert in knappen Sätzen die Selbstbefreiung: „Das Tor ist halb offen. Nirgendwo SS! Seltsam, wir fielen in keinen Freudentaumel. Das Lagerleben hatte uns gelehrt, vorsichtig zu sein. Sind wir frei? Und was machen wir? Was ist das Gebot der Stunde?“ Man weiß es: Kaninchen stehlen …

Am 16. April mussten mehr als 1.000 Weimarer Bürger – laut Befehl von General Patton vorrangig Mitglieder der NSDAP – das befreite Lager besichtigen. Bild: Walter Chichersky, U.S. Signal Corps, 16. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Das erste veröffentlichte Buchenwald-Foto: Im Hof des Krematoriums konfrontierten die US-Soldaten die Weimarer mit den dort vorgefundenen Leichen. Bild: Walter Chichersky, U.S. Signal Corps, 16. April 1945. National Archives, Washington. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald

Sascha erzählt von den beiden Hans Günters, dem „lächelnden Henker“ von Theresienstadt, und dem Poeten Hanusch, der sein Leben mit Liebesgedichten fürs Fräulein des Lagerkapos und die eigenen Verdienste preisenden Versepen für so manchen SSler verlängerte. Sein Lohn: Brot und Margarine. Vieles, das man nicht gewusst hat, erfährt man so. Dass Lagerkommandant Koch für Reichsjägermeister Göring einen kleinen Zoo eingerichtet hatte, Paviane, Bären, ein Freigehege für Hirsche, ein Falkenhof im altgermanischen Stil, die Tiere „auf Rechnung der für die Häftlinge vorgesehenen Nahrungsmittel gefüttert.“ Ein KZ-Kuriosum. Nicht nur an dieser Stelle des Romans möchte man weiter recherchieren, mehr wissen.

Eines der schwärzesten KZ-Kapitel ist einem hingegen bekannt, die Lagerbordelle, auf die Philippe Pharoux‘ Frau und ehemals Tänzerin Dominique die Aufmerksamkeit lenkt, nach Buchenwald wurden zum Zwecke sechzehn Ravensbrückerinnen geholt, und auch die Todesmärsche Richtung Österreich, von denen der Ungar Braun-Barna berichtet. Er war dabei, bei der Erschießung des Dichters Miklós Radnóti im Dorf Abda. Der Gedenkstein dort wurde 2011 geschändet. Jorgos Vargas‘ Los als Boxer, im Mittelbau Dora mit Salamo Arouch und Jacko Razon, „wie die Gladiatorenkämpfe, wer gewonnen hat, bekam ein anständiges Nachtmahl, wer verlor, wurde gleich ermordet“,

hat einem erstmals Felix Mitterer in seinem Theaterstück „Der Boxer“ über den Sinto Johann „Rukeli“ Trollmann nähergebracht (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13581). Als Nils Jensen, er im dänischen Widerstand ein kleines Licht, auf dessen Sternstunde nach der Okkupation zu sprechen kommt, „dass sich siebentausendsiebenhundertzweiundvierzig dänische Juden übers Meer nach Schweden retten konnten, weil die Polizei und die Küstenwache weggeschaut haben“, schlägt der große Humanist und Philanthrop Ivanji via Sascha die Brücke zur Gegenwart. Wie die Weimaraner nicht sehen wollten, sagt er, so wollen wir nicht sehen, dass Menschen, Kinder!, im Mittelmeer elend ersaufen, an Grenzen geschunden werden, in Lagern verkommen, die vertrieben wurden, um ihr Leben rennen, fliehend aus Höllen und Paradiese suchend.

Ivanji wirbt um Sympathie und Mitgefühl. „Ihr Leiden“, den Satz legt er Sascha in den Mund, „ist aktuell, also wichtiger als das unsere, das schon vor fünfundsiebzig Jahren zu Ende gegangen ist.“ Er warnt vorm um sich greifenden Antisemitismus und den Neonazi-Bewegungen, nennt jeden Menschen schützenswert, Roma, Sinti, Palästinenser, Flüchtlinge …, er fürchtet um die Idee der parlamentarischen Demokratie, und sich vor Tagen, in denen es „keine unmittelbare Erinnerung, kein direktes Zeugnis, kein lebendiges Gedächtnis“ mehr geben wird.

„Corona in Buchenwald“ ist ein Friedensbuch, wie’s im Schwur von Buchenwald heißt: „Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“ Schlusswort Sascha beim doch noch stattfindenden Besuch der Gedänkstätte: „Ich bitte alle, die mich hören, inständig, schenken Sie Ihre Empathie denjenigen, die heute verfolgt werden. Sagen Sie nicht, das sind andere Umstände, andere Lager, andere Gründe, unlogische, unrealistische, suchen Sie keine Begründungen zur Seite zu schauen, mit den Achseln zu zucken, das Leid nicht zur Kenntnis zu nehmen. Es lebe das Leben!“ … Die Stille, die nun eintrat, war sehr laut.

Über den Autor: Ivan Ivanji, 1929 im Banat geboren, war unter anderem Lehrer in Belgrad, Journalist, Dolmetscher Titos, Theaterdirektor und Botschaftsrat in Bonn. Er schreibt Romane, Essays, Erzäh­lungen und Hörspiele. Ende April 1944 wurde Ivanji als Jude verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Von dort kam er im Juni 1944 nach Buchenwald und im Februar 1945 nach Langenstein-Zwieberge. Bevor Ivanji im September 1945 nach Jugoslawien zurückkehrte, hatte er in einem Sammellager erste Kontakte zu Anhängern Titos. Ivanji tritt für eine pluralistische und offene Kulturpolitik ein, und kritisierte etwa 1956 den sowjetischen Einmarsch in Ungarn. 1975 nahm er als Dolmetscher an der KSZE-Gründungskonferenz in Helsinki teil, 1979 an der Gipfelkonferenz der Blockfreien in Havanna. Bis 1988 war Ivanji Generalsekretär des Schriftstellerverbandes Jugoslawiens. Er lebt als freier Schriftsteller und Übersetzer in Wien und Belgrad. Im Picus Verlag erschienen zahlreiche Romane, darunter „Der Aschen­mensch von Buchenwald“, „Geister aus einer kleinen Stadt“, „Buchstaben von Feuer“, die Neuauflage seines großen Erfolgs „Schattenspringen“, „Mein schönes Leben in der Hölle“, seine Familiensaga „Schlussstrich“ und zuletzt 2020 „Hineini. Quelle z.T. www.buchenwald.de

Picus Verlag, Ivan Ivanji: „Corona in Buchenwald“, Roman, 256 Seiten.

www.picus.at           Ivan Ivanji über die Befreiung Buchenwalds: www.youtube.com/watch?v=wMZDlhgorbc

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