Wiener Festwochen: „The Table“

Juni 3, 2013 in Bühne

Moses beim Tabledance

Sie waren schon im vergangenen Jahr auffällig geworden, Nick Barnes, Mark Down und Sean Garratt, besser bekannt als „Blind Summit Theatre“. Da gewegten sie in Simon McBurneys Wunder-Inszenierung von „The Master and Margarita“ die Puppe Behemoth. Und wer Michail Bulgakows Jahrhundertroman kennt, weiß, dass sich der teuflische Geselle eine Menge herausnimmt. Dreimal schwarzer Kater!

The Table Bild: Blind Summit Theatre 2011

The Table
Bild: Blind Summit Theatre 2011

Nun sind die Londoner mit einer eigenen Produktion in Wien: „The Table“ läuft in der neuen Festwochen-Schiene „New Performance – Late Hour“ am Schauspielhaus. „The Table“ ist der Tisch, auf dem ein stein- (eigentlich papier- und stoff-)alter Mann seit 40 Jahren lebt. Ein eigenwilliger Kopf, ein subversiver Prophet, ein Spinner, aber auch ein Charismatiker, der eine laaange Geschichte zu erzählen hat. Keine Angst, bei Adam und Eva beginnt er nicht, aber immerhin bei den letzten zwölf Stunden im Leben Moses. Und auch die sind mit biblischem Maß gemessen. Da kommen nicht nur gewisse Steintafeln oder eine Endloswanderung durch die Wüste oder brennende Büsche vor, sondern auch Samuel Beckett (mit dem die Figur eine gewisse Ähnlichkeit hat) und Ikea. Man verliert sich ja in so einer Schilderung. Und wer möchte nicht behaupten, dass ein Besuch im Wir-duzen-euch-alle-Möbelhaus nicht erstens was Surreales hat und zweitens oft als „Happy Days“ beginnt, bis es zum „Endspiel“ an der Kassenschlange wird. Gespickt ist der Abend mit Rückblenden auf das Leben der Puppe, Anspielungen auf existenzielle Krisen im Kleinen wie im Großen. Zwischendurch wagt der Alte auch ein Tänzchen auf seinem Table. Und Barnes nutzt jede Gelegenheit für Abschweifungen, improvisierte Scharmützel mit seinen Mitspielern und bissige Kommentare zum aktuellen Weltgeschehen. Das ist amüsant, intelligent, bissig und handwerklich meisterlich perfekt.

Die Truppe hat für ihr Puppenspiel die traditionelle Technik des japanischen Bunraku zeitgenössisch adaptiert, einer Theaterform, die 1684 in Osaka erfunden wurde. Die Puppenspieler, in Schwarz gekleidet, sind während der ganzen Aufführung auf der Bühne zu sehen, sie bedienen die Figuren mit Hilfe von in den Puppen angebrachten Griffen. Ein „Hauptdarsteller“ benötigt drei Puppenspieler zur Führung: der angesehenste Spieler bedient Kopf und rechten Arm, ein zweiter den linken Arm und der Dritte die Beine. Meist werden tragisch-tödliche Liebesgeschichten (von einem Rezitator) erzählt. Da sorgen Barnes und Konsorten für mehr Lacher. Hoffentlich bald wieder hierzulande.

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Von Michaela Mottinger

Wien, 1. 6. 2013