Houchang Allahyari: Online-Retrospektive

Februar 1, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 80. Geburtstag im Filmarchiv Austria

Houchang Allahyari. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

„Als ich ins Land kam, gab es nie solche Probleme, wie heute. Wir waren Exoten, das ja, aber deswegen auch gut behandelt. Die Leute waren nett und hilfsbereit, ich hatte nie das Gefühl, dass ich ein Ausländer bin. Diese Ausländer-Sache ist langsam gekommen und immer mehr geworden“, sagt Houchang Allahyari im Gespräch mit mottingers-meinung.at. und fragt sich wie uns: „Wo ist diese Freundlichkeit geblieben?“ (Das ganze

Interview: www.mottingers-meinung.at/?p=31182 anlässlich seines Films „Ute Bock Superstar“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31289). Heute feiert einer der unermüdlichsten und außergewöhnlichsten Filmemacher – und Psychiater – seinen 80. Geburtstag. Von 5. Februar bis 18. März widmet ihm das Filmarchiv Austria eine Online-Retrospektive. „Houchang Allahyari verkörpert meine Vorstellungen vom orientalischen Ideal, bei dem Familie und Individuum, Tradition und Weltoffenheit, Glaube und Wissenschaft keine Gegensätze bilden, sondern eine elastische Einheit sind«, so Schauspieler und Regiekollege Karl Markovics anlässlich der Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens der Stadt Wien im Jahr 2012.

1941 in Teheran geboren, kommt Allahyari als junger Mann nach Österreich, um Medizin zu studieren und Filme zu machen. Seit Mitte der 1980er-Jahre entsteht so – mit unbeirrbarem Schaffensdrang und oft unabhängig produziert – ein beachtenswertes Werk, in dem er sich selten um Publikumserwartungen sorgt, sondern mehr um die Menschen, die im Zentrum seiner Arbeit stehen. Für Allahyari ist sein Geburtstag deshalb kein Grund zu feiern – nicht aus Angst vor dem Alter, der Jahreszahl oder gar COVID-19, sondern weil der Umtriebige das Gefühl hat, dass ihm bei den vielen Projekten, die er im Kopf hat, allmählich die Zeit davonläuft.

Zwei neue Filme sollen dieses Jahr Premiere haben. „Der eine heißt ,Goli Ja‘ über ein Mädchen, das keines sein darf und den ich in Afghanistan und Iran gedreht habe. Ich hoffe, dass der Film nach mehreren Verschiebungen nun endlich im März oder April Premiere haben kann. Und der zweite ist mein Episodenfilm ,Seven Stories about Love‘, der vielleicht in einem halben Jahr in die Kinos kommen könnte“, so Allahyari zur APA.

Nach seiner Ausbildung zum Facharzt für Neurologie und Psychiatrie betrieb Allahyari eine Ordination, war als Neurotraumatologe und Psychiater im Lorenz-Böhler-Krankenhaus tätig und arbeitete daneben 20 Jahre lang für das Justizministerium in Haftanstalten als Psychiater für Drogenabhängige. Und noch heute hat er seine eigene Wahlarztpraxis in Wien.  Doch während er an verschiedenen Kliniken und vor allem Strafanstalten wirkt, reift in ihm auch der Wunsch, Filme zu machen. Auf für damalige Verhältnisse extrem innovative Weise bringt er beides in einem Therapieansatz zusammen und ruft mit seinen Schützlingen eine Filmgruppe ins Leben.

Geboren in Absurdistan, A 1999. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Fleischwolf, A 1990. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

I Love Vienna, A 1991. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Die verrückte Welt der Ute Bock, A 2010. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Seine Erlebnisse und Erfahrungen aus dieser Zeit lässt Allahyari bis heute in seine Filme einfließen: Von „Borderline“ bis zu „Der letzte Tanz“ – mit Erni Mangold in der gewagten Rolle einer Alzheimerpatienten, die eine intime Beziehung mit einem jungen Zivildiener beginnt, erzählen sie von zerbrechlichen Außenseitern, die in völlig unvorbereitet mit einem System konfrontiert werden, das sich aus Repressionen und Brutalität speist, und die so buchstäblich durch den „Fleischwolf“ gedreht werden.

Das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen macht Allahyari ebenso regelmäßig zum Thema seiner Werke. Seine schwarze Komödie „I love Vienna“ mit einem jungen Michael Niavarani war 1991 der erfolgreichste österreichische Film und wurde als Kandidat für den Auslandsoscar eingereicht. Auch mit „Höhenangst“ über einen Häftling, gespielt von Fritz Karl, der in einem Dorf ein neues Leben beginnen will, erlangt er internationale Aufmerksamkeit. Heimische Filmprominenz wie Josef Hader und Karl Markovics wirkt daraufhin in der Produktion „Geboren in Absurdistan“  aus dem Jahr 1999 mit, in der eine österreichische und eine türkische Familie in einem Krankenhauszimmer aufeinandertreffen.

Die Aufmerksamkeit einer großen Öffentlichkeit erlangt Allahyari dann mit dem Kinodokumentarfilm „Bock for President“, den er gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch Allahyari dreht und der 2010 mit dem erstmals vergebenen Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wird. Der Film begleitet die Flüchtlingshelferin Ute Bock, Allahyaris Ex-Schwägerin, zwei Jahre lang bei ihrer Arbeit und stellt neben ihrem unermüdlichen Engagement für Asylsuchende die Situation von Flüchtlingen in Österreich in den Mittelpunkt.

Mit „Die verrückte Welt der Ute Bock“ und „Ute Bock Superstar“ folgten zwei Fortsetzungen. 2013 entsteht „Robert Tarantino“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5512, dieser ein „Rebel without a Crew“, der gegen alle Widerstände in Wien einen No-Budget-Trash-Horrorfilm angelehnt an die Arbeiten seiner Vorbilder Robert Rodriguez und Quentin Tarantino drehen will.

Die Liebenden von Balutschistan, A 2017. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Der letzte Tanz, A 2014. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Höhenangst, A 1994. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion / Filmarchiv Austria

Rote Rüben in Teheran, A 2016. Bild: @ Houchang Allahyari Filmproduktion

„Bei allen Unterschieden in der Dramaturgie haben alle Filme mit mir und meiner Umgebung zu tun, behandeln Themen, die ich in der einen oder anderen Art erlebt habe. Ein weiterer Aspekt ist die Menschlichkeit“, sagt Allahyari. „Houchang Allahyari ist bis heute Optimist. Der Gewalt gegen die Schwachen setzt er das unerschütterlich Gute entgegen: Sie sind nicht alleine auf dieser Welt, weil es Menschen gibt, denen ihr Schicksal nicht gleichgültig ist. Wenig überraschend sind diese Menschen häufig Ärzte oder Pfleger – jedenfalls sind ihnen Wesenszüge wie Eitelkeit oder Egoismus fremd“, so Filmarchiv-Austria-Kurator Florian Widegger.

In den jüngst vergangenen Jahren hat Allahyari nach langer Zeit seine erste Heimat wieder besucht und sie auch filmisch auf unterschiedlichste Weise erforscht. So wandte sich der Polystilist mit „Die Liebenden von Balutschistan“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23791) gemeinsam mit seinem Sohn Tom-Dariusch wieder dem Dokumentarfilm zu und zog durch den Nahen Osten. „Rote Rüben in Teheran“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=21727 ) heißt Allahyaris gemeinsam mit Tom-Dariusch entstandener Dokumentarfilm über den Iran, das heißt eigentlich: dessen Menschen, und der für den einen den ersten Besuch nach mehr als 40 Jahren Abwesenheit, für den anderen die erste Reise ins Familienherkunftsland bedeutete.

Was nicht nur Fragen über „Fremdsein“, zu Identität, Mentalität und deren Unterschieden in neue Zusammenhänge setzt. Irgendwann im Film erzählt Houchang Allahyari eine Anekdote aus seiner Schulzeit. Seine Mitschüler und er hatten nasse Tücher an die Zimmerdecke geworfen, um dem Direktor einzureden, dass es in die Klasse regnet. Der Bluff hat funktioniert, man wurde nach Hause geschickt, aber bog schon an der nächsten Ecke ab, um sich im Kino „Et Dieu… créa la femme“ mit Brigitte Bardot anzusehen. Heute gibt es diese Teheraner Straße der Lichtspielhäuser nicht mehr, nur leere Ruinen …

Den Lockdown hat der Regisseur unter anderem für die Vorbereitung der Online-Werkschau genützt: „Ich hatte Zeit, meine alten Filme zusammenzusuchen und für die Retrospektive im Filmarchiv digitalisieren zu lassen. Ich war zwar daheim, habe aber viel gearbeitet. Und: ich finalisiere gemeinsam mit meiner Tochter ein neues Buch. Mir war also keine Sekunde langweilig.“

Die Filmliste:

5. bis 12. Februar: Der letzte Tanz, Houchang Allahyari, A 2014 / 12 bis 18. Februar: Fleischwolf, Houchang Allahyari, A 1990 / 19. bis 25. Februar: I Love Vienna, Houchang Allahyari, A 1991 / 26. Februar bis 4. März: Höhenangst, Houchang Allahyari, A 1994 / 5. bis 11. März: Geboren in Absurdistan, Houchang Allahyari, A 1999 / 12. bis 18. März: Die verrückte Welt der Ute Bock, Houchang Allahyari, A 2010, und  Die Liebenden von Balutschistan, Houchang Allahyari, Tom-Dariusch Allahyari, A 2017.

www.filmarchiv.at

  1. 2. 2021