Maria Haas: Matriarchinnen / Matriarchs

Januar 29, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gesichter und Geschichten von Frauen

„Wir werden von den Familien in ihre Clanhäuser eingeladen, die rund um den See kleine Dörfer bilden. In den großen Innenhöfen wird gearbeitet, gespielt und die Ernte aufgetürmt – jeder folgt einer unsichtbaren Ordnung, die unsere Anwesenheit nicht zu stören scheint. Oberhaupt des Clans ist die Großmutter – Ah mi genannt, um die sich alle Kinder und Enkelkinder scharen. Die Ah mi erhält und verwaltet sämtliche Einkünfte des Clans und ihr gehört das gesamte Anwesen samt Land – ein Besitz, den sie an ihre Töchter weitergibt, wenn sie die Zeit dafür reif findet.“

So schildert die Klosterneuburgerin Maria Haas ihre Begegnung mit den Mosuo, einem matriarchal geführten Volk in China, das die Fotografin auf ihren Reisen für den Bildprachtband „Matriarchinnen / Matriarchs“ besuchte. „Mir ist bei dieser Reise eine Härte und Kargkeit begegnet, die in unserer westlichen Wohlfühlwelt kaum vorstellbar ist. Aber auch Herzlichkeit und besondere Gastfreund- schaft sowie ein unbändiger Wunsch nach Freiheit“, sagt Haas.

Und weiter: “Ich interessiere mich sehr für einzigartige Menschen, Kulturen und Gesellschaftsformen. Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass es noch ein paar wenige mit matriarchalen Strukturen gibt. Fasziniert von diesem Thema beschloss ich, sie kennen zu lernen und zu dokumentieren. Die letzten drei Jahre bereiste ich China, Indien, Indonesien und West Afrika. Ich fotografierte unterschiedlichste Völker wie die Mosuo, Bijagos, Minangkabou, Khasi, Garo und Jaintia.“ Zu den ausdrucksstarken Gesichtern erzählt Maria Haas sagenhafte Geschichten. Über Feminismus und Emanzipation in Regionen der Welt, wo man diese Begriffe gar nicht kennt.

„Matriarchale Gesellschaften sind egalitär und zeichnen sich durch nicht-hierarchische Sozialstrukturen aus. Ihre wirtschaftlichen Werte basieren auf Ausgleich und Solidarität, private sowie politische Entscheidungen werden stets im Konsens getroffen. Somit ist das Matriarchat alles andere als die bloße Umkehr des Patriarchats“, erklärt Haas im Buch. „Die Matriarchin ist Oberhaupt der Sippe und Verwalterin des Sippenbesitzes. Die Matriarchin gibt Anweisungen und ist Ratgeberin. Sie genießt natürliche Autorität statt Befehlsmacht und sieht ihren Einfluss als Verpflichtung zum Wohlergehen des Clans.“

Kind und Karriere zu vereinbaren, ist im Gegensatz zum westlichen Kleinfamilienmodell im Clan kein Problem – wobei den Onkeln, also den Brüdern der Frauen, mehr von einer Vaterrolle zukommt, als den leiblichen Vätern. “Bei uns gibt es keine Heirat – wir leben sogenannte ,Besuchsehen‘. Unsere Männer besuchen uns die Nacht über und kehren früh morgens in die Häuser ihrer Mütter zurück“, sagen die Mosuo-Frauen.

Drei Generationen Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Bei den Minangkabau. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Frauen des Jaintia-Reiches. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Mädchen der Minangkabau. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Die Minangkabau in West-Sumatra, Indoniesien, sind mit mehr als drei Millionen Menschen die größte matrilineare Ethnie auf Erden – und auch eine der spannendsten, da sie doch mühelos Koran und Matriarchat verbinden. „Der Islam stieg von den Küsten auf, während Adat [so die Bezeichnung der traditionellen Regeln, Anm.] von den Bergen herunterstieg“, sagen sie. „Auch als Muslima haben wir Frauen der Minangkabau eine starke Rolle inne, denn für uns zählt die Kultur weit mehr als die Religion.“ Wie lange noch, ist allerdings fraglich: der Einfluss des modernen Lebens in den Städten unterhöhlt die Kultur der Minangkabau.

Von den Mentawai, den letzten Ureinwohnern Indonesiens, und den Bijagos in Guinea Bissau, die zwischen Animismus und Christentum, Frauenrat und Dorf-Monarchie leben, und bei denen die Frauen für die Rituale, Zeremonien, Feiern und auch Begräbnisse zuständig sind – „denn nur Frauen haben die Fähigkeit, den verstorbenen Seelen den Weg in den Himmel zu zeigen“, geht es zu den Khasi, Garo und Jaintia in Indien. Die Jaintia im Osten und Nordosten Meghalayas, die die weitgereiste Gruppe um Maria Haas „freundlich, aber ein wenig reservierter empfangen. Seit Jahrhunderten leben sie vom Bergbau und erlangten dadurch etwas größeren Wohlstand, der in gemauerte und bunt getünchte Häuser und geordnete Wege investiert wurde.“

Viele Mythen und Legenden ranken sich um die Region, das einstige Königreich Jaintia, über dessen Aufstieg und Fall in der Mahābhārata, dem wichtigsten Sanskrit-Epos, berichtet wird. Auch sollen die Jaintia ihren Namen vom Schrein der Jayanti Devi oder Jainteswari, einer Inkarnation der Göttin Durga, ableiten, der Allmutter und weiblichen Urkraft, die in ihrer zornigen Manifestation als Kali auftritt – und der angeblich das letzte Mal im anglo-birmanischen Krieg 1832 drei Briten geopfert worden sind …

Kämpferisch sind auch die Mannfrauen in Albanien. „Schon im 19. Jahrhundert haben Reisende von den Burrneshas berichtet, denen sie im Norden des Landes begegneten“, ist in Maria Haas‘ Buch nachzulesen. „Frauen, die ihre weibliche Identität niederlegen, um wie Männer zu leben. Mit dem historisch tradierten Rollentausch stehen ihnen die Rechte der Männer zu und innerhalb der strikt patriarchalen Gesellschaft wird den Mannfrauen eine respektvolle Sonderstellung zuteil. Dieser Schritt in die Freiheit hat seinen Preis – Burrneshas leben zölibatär, ohne Heirat und Kinder.“

Matriarchin der Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Matriarchin der Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Matriarchin der Minangkabau. Bild: © Maria Haas /Kerber Verlag

Wer nicht heiraten möchte – weil etwa häusliche Gewalt gegenüber Frauen als Recht des Ehemannes geduldet wird – hat keine andere Wahl. Denn als Frau unverheiratet zu bleiben, gilt in den archaischen Clanstrukturen als Entehrung der Familie. Mancherorts spielen auch äußere Umstände mit – wenn der Vater oder ein männlicher Nachfolger fehlen, kann nur eine Burrnesha die Position des Familienoberhaupts einnehmen. Einzigartig in ganz Europa wird ihnen offiziell ein hoher sozialer Status zugeschrieben.

„Niemand traute sich, eine Hochzeit für mich zu arrangieren. Mein Vater hat meiner Mutter befohlen, mich so sein zu lassen wie ich sein wollte – ein Junge“, sagt Hajdar, mit ihren 90 Jahren die älteste Burrnesha, die Haas aufsucht: „Stolz und breitbeinig sitzt sie in der weißen Männertracht vor uns. Von all unseren Gesprächspartnerinnen pflegt sie die alten patriarchalen Sitten am stärksten. In ihrem Haus gibt es heute noch das Herrenzimmer, in dem sich die Männer treffen und Frauen keinen Zutritt haben, um den Raum nicht zu entweihen. Auch das Essen dürfen sie nur bis zur Schwelle tragen – ein Abbild der tradierten wie antiquierten Geschlechter­verhältnisse.“

Welch ein Unterschied zu beispielsweise den Mentawai, bei denen Haas „die Achtsamkeit, mit der die Mentawai allen Wesen begegnen“ beobachtet, den lebenden, wie den verstorbenen, selbst tote Tiere werden mit Respekt beerdigt. „Das hat mich besonders berührt.“  Solcherart führt einen die Fotografin durch eine Welt der Frauen, von denen „vor allem die alten mit ihrer vom Leben gezeichneten Schönheit und Aura stolz und ohne Scheu in die Kamera blickten, während die jüngeren kicherten und verlegen waren.“ Zum Bildprachtband und zum Abschluss passt ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach: Wenn eine Frau sagt „Jeder“, meint sie: jedermann. Wenn ein Mann sagt „Jeder“, meint er: Jeder Mann.

Kerber Verlag, Maria Haas: „Matriarchinnen / Matriarchs“, Bildprachtband mit 116 farbigen Abbildungen, 164 Seiten. Mit Texten von Maria Haas, Brigitte Krizsanits und Christina Schlatter.

www.kerberverlag.com           mariahaas.at

  1. 1. 2021