Haus der Geschichte: Web-Schau zum Nachkriegsfilm

Januar 19, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Kino als Hort der heilen Welt

Die Deutschmeister, Regie: Ernst Marischka, A 1955, Jupiter Film

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erschien hierzulande vielen nicht nur die Zukunft, sondern auch eine eigene Identität höchst unsicher. Darauf reagierte die österreichische Filmindustrie: Mit neuen Produktionen vermittelte sie dem Publikum auf unterhaltsame Weise die Eigenarten und Vorzüge des „Österreichischen“. Die unmittelbare Vergangenheit berührte das Kino kaum. Stattdessen bot es Ablenkung durch lustige Verwechslungskomödien, schwungvolle Melodien und

Bilderbuchlandschaften. Der historische Kostümfilm übersprang das Dritte Reich, den „Anschluss“ und den Nationalsozialismus und ließ Österreichs glorreiche Vergangenheit in der Habsburgermonarchie wiederaufleben und das Land damit in neuem altem Glanz erstrahlen.

In der Web-Ausstellung „Österreich als filmischer Sehnsuchtsort“ zeigt das Haus der Geschichte Österreich diese zeitgeschichtlichen Zusammenhänge auf. „Das Kino der Nachkriegszeit erreichte hunderttausende Menschen und beeinflusste damit die österreichische Identität weit wirkungsvoller als jedes Regierungsprogramm. In der Bewerbung des ‚Österreichischen‘ schlug man mehrere Fliegen mit einer Klappe. Hier verbanden sich die Zielsetzungen der politischen Eliten auf ideale Weise mit den Interessen der Filmindustrie und den Sehnsüchten der Menschen“, sagt hdgö-Direktorin Monika Sommer.

Die heimische Filmindustrie stellte sich nur zu gern in den Dienst des nationalen Identitätsprojekts. Sie war durch alliierte Exportverbote vom größten Absatzmarkt Deutschland abgekoppelt und gleichzeitig bemüht, von der eigenen Mitwirkung in der nationalsozialistischen Filmwirtschaft abzulenken. Anhand von Filmausschnitten berühmt gewordener Werke greift das hdgö vier Aspekte auf:

Die Fiakermilli, Regie: Arthur Maria Rabenalt, A 1953, Jupiter Film

Die Welt dreht sich verkehrt, Regie: J. A. Hübler-Kahla, A 1947, Jupiter Film

Der Engel mit der Posaune, Regie: Karl Hartl, A 1948, Jupiter Film

„Tanzen statt schießen“ hieß es für österreichische Soldaten. Der Kostümfilm ersetzte die belastete Wehrmachtsuniform durch die makellose blaue k.u.k.-Uniform und verwandelte deren Träger in einen sanftmütigen, musikalischen Genius. Der österreichische Soldat schwärmt für Mehlspeisen und Musik, sitzt den lieben langen Tag im Kaffeehaus oder bringt der Herzenstrauten ein Ständchen dar. Gewalt und Töten sind ihm wesensfremd – siehe „Kaiserwalzer”, Regie von Franz Antel, aus dem Jahr 1953 (Trailer), oder „Die Deutschmeister”, Regie von Ernst Marischka, aus dem Jahr 1955. www.hdgoe.at/tanzen_schiessen

 

„Starke Frauen im Nachkriegskino“ zeigt zunächst selbstbewusste Frauen, die sich weder von Männern noch von Geldnot abhalten ließen, ihre Ziele zu erreichen. Solche emanzipatorischen Vorbilder, wie in „Rendezvous im Salzkammergut”, Regie von Alfred Stöger, aus dem Jahr 1948, verschwanden bald wieder von der Leinwand. In „Die Fiakermilli”, Regie von Arthur Maria Rabenalt, aus dem Jahr 1953, tauchten sie noch einmal auf, mit Erni Mangold in einer der erotischsten Szenen des österreichischen Kinos – siehe Trailer. www.hdgoe.at/selbstbewusst_erotisch

 

„Österreich – Immer Opfer?“ Nach 1945 wies Österreich jegliche Mitschuld an Krieg und Holocaust von sich und präsentierte sich als „erstes Opfer“ der Aggression durch Hitler-Deutschland. Johannes Alexander Hübler-Kahlas ironische Komödie „Die Welt dreht sich verkehrt” aus dem Jahr 1947 greift diese Opferthese auf und verfolgt ihre historischen Wurzeln bis in die Keltenzeit. „Der Engel mit der Posaune”, Regie von Karl Hartl, aus dem Jahr 1948, 2017 in einer Bühnenfassung am Theater in der Josefstadt zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=25769) hingegen thematisiert die Beteiligung von Österreicherinnen und Österreicher am Holocaust – siehe Trailer. www.hdgoe.at/oesterreich_opfer

 

„Schuldig oder nicht schuldig?“ Diese Frage sparte das österreichische Kino weitgehend aus. Doch es gab Ausnahmen, wie ein Filmausschnitt aus Eduard von Borsodys „Die Frau am Weg”  aus dem Jahr 1948 belegt. Der Film zeigt die unmenschliche Haltung eines österreichischen Grenzbeamten auf, der sich auf seine Pflicht beruft – siehe Trailer. www.hdgoe.at/schuldig_nichtschuldig

 

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19. 1. 2021