Berliner Theatertreffen: Baumgarten inszeniert Brecht

Mai 29, 2013 in Bühne

„Die heilige Johanna der Schlachthöfe“

Regisseur Sebastian Baumgarten war mit seiner Inszenierung von Bert Brechts „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ vom Schauspielhaus Zürich zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ein Brecht-Abend, wie man ihn sonst selten sieht. Denn während heimische Theatermacher gern erklären, dass dieses und jenes nicht ginge, weil die Erben …, hat sich Baumgarten einfach nichts geschissen. Der Wirtschaftsklassiker, derzeit wieder vielerorts gespielt, wird sonst möglichst nah ans „Heute“ gerückt. Baumgarten hingegen befindet sich eher in einem Chicago lang vor 1930. Das könnte ziemlich gestrig aussehen, tut es aber nicht. Ein Pianist klimpert jazzige Rhythmen, Brechts stets ein wenig alt-klug-vaterisch klingende Blankverse passen dazu wie ein Libretto aus den 20er-Jahren. Die Rinderbosse tragen Latex-Halbmasken wie aus einer alten Ruth-Berghaus-Inszenierung, die ihnen die gröbsten Gefühlsregungen aus dem Gesicht wischen. Dabei sehen die „Kings of Cool“ unrettbar lächerlich aus mit ihren Cowboyhüten und grotesken Kostümen, als hätte man Brechts verstaubten Verfremdungs-Fundus im Berliner Ensemble geplündert. Aber je weiter die Arbeit äußerlich von der Vorlage wegrückt, umso näher scheint sie ihr im Kern zu kommen. An den Gesetzen von Angebot und Nachfrage hat sich bis heute nichts geändert, Moral und Intelligenz dienen, so überhaupt vorhanden, hauptsächlich der eigenen Interessenwahrung. Lösung ist keine mehr in Sicht, nicht einmal als Utopie.

Wie eigentlich im Stück vorgegeben: Denn Börsenspekulationen prägen das Geschehen im Chicagoer Viehgeschäft. Der Fleischkönig Pierpont Mauler, der durch Insidertipps alles und jeden kontrolliert und dadurch den Markt künstlich zu regulieren vermag, spielt mit dem Gedanken, sich aus dem „blutigen“ Business zurückzuziehen. Um für seine Anteile einen angemessenen Preis zu erzielen, will er zunächst aber seinen Konkurrenten Lennox niederringen – mit fatalen Folgen für die Arbeiter der Fleischfabriken. Johanna Dark, eine Heilsarmeesoldatin der „Schwarzen Strohhüte“, macht sich auf, den entlassenen und hungernden Arbeitern zu helfen und wendet sich schliesslich an Mauler. Dieser will sie von der Schlechtigkeit der Armen überzeugen – doch Johanna glaubt an das Gute in jedem Menschen und erkennt in der Armut der Arbeiter den Grund allen Unglücks. Als sich kurze Zeit später das Blatt an der Börse wieder wendet und Mauler durch Niedriglöhne seine Monopolstellung am Fleischmarkt zu festigen sucht, bahnt sich ein Generalstreik der Arbeiter an. Johanna solidarisiert sich mit ihnen – doch sie vermag die Katastrophe nicht zu verhindern.

Baumgartens Inszenierung spielt mit und gegen Brecht, sie verfremdet die Verfremdung. Ist frech, trashig, „durchkomponiert“  und vor allem dreckig. Die heilige Johanna suhlt sich am Ende im Schlamm, wie die anderen im Blut. Selbst auf Brechts Kinobegeisterung wird angespielt (durch Videos oder wenn Mauler – wie  Nosferatu – seine Hand zur Klaue biegt). Als Johanna, die Hand mit der Pistole steif in die Luft gestreckt, schon tot am Boden liegt, taucht die High Society der Hinterhöfe wieder auf. In rot-weiß-blauen Superhelden-Ganzkörpertrikots und US-Flagge. Sieg! Auch, wenn der Kapitalismus sich längst neben Johanna langgelegt hat. Ein bisschen was geht immer … Und deswegen singen sie zum Schluss auch nicht Hosianna, sondern vom Haifisch, der seine Zähne noch hat. Und (Achtung: Textänderung!) von Tränen, und die laufen vom Gesicht … Riesenapplaus unter anderem für Yvon Jansen als Johanna, Markus Scheumann als Mauler, Carolin Conrad als skrupellose Pin-upige Maklerin Slift  – und natürlich Jean-Paul Brodbeck am Piano.

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Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013