Ayad Akhtar: Homeland Elegien

Januar 15, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Hin- und hergerissen zwischen zwei Wutwelten

Bei den Notizen zum berühmten ersten Satz einer Rezension steht 1. „Mein Vater lernte Donald Trump in den frühen Neunzigerjahren kennen, als beide Mitte vierzig waren“, 2. „Mahfuz‘ Reaktion verwies auf eine fest im muslimischen intellektuellen Leben verankerte Tatsache, dass der Prophet sakrosankt ist“, 3. eine Begebenheit am Tag 9/11, als Ayad Akhtar Blutspenden wollte, und sich mit dem vor ihm stehenden Mann dieser Dialog ereignete:

„Woher kommst du?“ – „Uptown.“ – „Bist du Moslem?“ – „Und ist das ein Problem, Sir?“ – „Dieser verdammte arabische Einstein hier fragt, ob wir ein Problem haben. Wir wollen dein arabisches Blut nicht, du verdammter Terrorist!“

Man kann also auf unterschiedliche Weise einen Bericht über Ayad Akhtars „Homeland Elegien“ beginnen, dies der Titel des aktuellen Romans des US-pakistanischen Autors – von wegen „arabisch“. Akhtar, bekannt durch seine Stücke „Geächtet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23688) und „The Who and the What“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28977), legt damit ein hochintelligentes Buch über den zerrütteten Zustand des heutigen Amerikas und gleichsam eine Familienbiografie vor.

Beginnend von der Schlechterstellung muslimischer Staatsbürger nach dem Attentat auf das World Trade Center bis zum Trump’schen Muslim travel ban, mit dessen Verhängung Akhtars Vater, ein überintegrierter amerikanischer Vorzeige-Patriot, als einer der letzten seiner Art vom Glauben ans Gelobte Land abfällt. Auf beinah 500 Seiten verweigert Akhtar die Demuts- und Bescheidenheitsgesten, die Muslimen in der westlichen Welt üblicherweise abverlangt werden. Vielmehr kreuzt er die manchmal komische, manchmal konfliktreiche, aber immer anrührende Einwandererstory mit der Geschichte einer USA, die die Ideale der Demokratie den Göttern der Finanzindustrie geopfert und einen gefährlichen Clown zum Präsidenten gemacht hat.

Sikander Akhtar, dessen Ehefrau Fatima, sie seit 1968 Migranten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sich selbst, Ayad 1972 auf Staten Island geboren, und unzählige Verwandte schickt der Autor in seinem Memoir auf die Suche nach Möglichkeiten einer westlich-muslimischen Identität. Last, but not least erzählt Akhtar mit großem Esprit und aus ungewohnter Perspektive globale Zeitgeschichte, vom Konflikt zwischen Pakistan und Indien über den ersten Afghanistan Krieg bis hin zu Osama bin Laden und dem islamistischen Terror der jüngsten Gegenwart, den Wien erst am 2. November 2020 erleben musste.

„Homeland Elegien“ ist trotz der Real-Person-Fiction ein Heimatroman über alle US-No- und Everybodys, Akhtar überblendet dafür die Sichtweise immer wieder vom „Wir“ auf „wir alle“, ändert sie von der persönlichen zur kollektiven Niederlage. Denn als solche werden die Akhtars ihr lebenslanges Ausharren am für sie falschen Ort empfinden. Das Home of the Brave and Land of the Free, das unterm Star-Spangled Banner den Tapferen Heimat, Schutz und Freiheit geben wollte, hat sein Glücksversprechen-Roulette, als sich hinters Homeland der Begriff Security reihte, auf antisolidarisch gedreht – et rien ne va plus. Gewinner sind jene Individualisten, denen das eigene Wohl vor dem einer Gemeinschaft geht. „Die Schleifung aller Bollwerke gegen gottgefälligen Reichtum?“ – neokapitalistische Konsumgesellschaft nennt man das.

Wie Ayad später mit Börsengeschäften beherrscht Sikander diese Spielregeln des Aufstiegs, der erfolgreiche Kardiologe mit dem Punjabi-Akzent, der über Immobilienhandel noch reicher wird, seines Patienten Trump „The Art of the Deal“ griffbereit im Bücherregal, im Weinkeller die Harlans, Far Nientes, Opus Ones. Liebhaber einer großbusigen Blondine, was Ayad knapp vorm hinteren Buchdeckel eine Halbschwester beschert, ein Trump-Süchtiger von euphorisch über enttäuscht bis erschöpft, der von dessen Ansinnen, alle Muslime in einer Datenbank zu erfassen, denkt, dass es ihn nicht beträfe, weil … a: Arzt, b: gutsituiert. Für den Sohn ist dies Denken „Durchfall, eine Infektion des politischen Bewusstseins“.

Die Mutter das genaue Gegenteil. Eine X-mas-Kauforgien-Verweigerin, eine antiimperialistische, nicht islamische (!) Fundamentalistin, die in den USA nie auch nur annähernd Entschädigung für den Verlust Pakistans fand. Der Sohn steht beiden Extremen skeptisch gegenüber, dem Vater, der für ein amerikanisches Ich sein pakistanisches zurückgelassen hatte, der Mutter, einer lebenslangen Exilantin, die keine neue Heimat erobert, sondern lediglich die alte verloren, Fatima, die bei der Trennung Pakistans von Indien unfassbare Gräueltaten gesehen hatte: „Wie Pakistan war sie im Feuer dieser Todesangst geschmiedet worden. Und sie fürchtete nicht nur die Hindus. Überall lauerte Lebensgefahr, und jede Erinnerung daran konnte sie aus der Bahn werfen.“

An einer der provokantesten Stellen des Buches geht Ayad Akhtar der Ähnlichkeit zwischen den USA und Pakistan auf den Grund, zumindest der mit den amerikanischen Südstaaten. Beide Weltenteile, schreibt er, seien larmoyant und aggressiv aus selbst empfundener Rückständigkeit. „Die Konturen jener Dilemmata“, die in den Vereinigten Staaten zur Wahl Trumps führten, hätten in Pakistan lange vorher existiert: „irrationale Paranoia, die sich als politischer Durchblick ausgab“, „kochende Wut“, „offene Feindseligkeit gegenüber Fremden und Menschen, deren Ansichten nicht mit den eigenen übereinstimmten“, „Verachtung für Nachrichten aus zuverlässigen Quellen“, „eine zur Pose gewordene reaktionäre Moral“ …

Bild: pixabay.com

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Ayad Akhtar, als sich selbst umkreisende Hauptfigur seines Romans, lebt im Mahlwerk paranoider Systeme und der Frage, welches das Recht habe das andere wie zu kritisieren: ein Mann, hin- und hergerissen zwischen zwei Wutwelten. Akhtar aktiviert alle greifbaren Assoziationsketten. Von der Jugendliebe seiner Mutter, Latif, zunächst ebenfalls Arzt in den USA, später als solcher und „amerikanischer Brückenkopf“ für die afghanischen Mudjahedin tätig, 1998 vom CIA in Peschawar hingerichtet: „Die gerade Linie, die von den durch die USA unterstützten Mudjahedin zu al-Qaida führte, ist noch immer eine selten erzählte und wenig verstandene Geschichte; Latifs Schicksal ist auf seine Weise sinnbildlich dafür.“

Über Onkel Shafat, der bierselig in einer Bar in Virginia erzählt, er hätte mal Mullah Omar getroffen – der Onkel, weil er den Mudjahedin als Verbündeten der USA zwei Kisten voll Dollars brachte, der spätere Taliban im TV, weil gerade von einer amerikanischen Bombe getroffen -, was mit einem Polizeieinsatz, gebrochenen Rippen und einem künstlichen Schultergelenk endete. Und Shafats Konvertieren zum Christentum, um sich fortan „sicher“ zu fühlen. Bis zur Universitätsprofessorstante, der rationalen Intellektuellen Asma, die explodiert, als der Neffe erklärt, er lese eben Salman Rushdies „Satanische Verse“.

Ayad Akhtar lehnt sich in solchen Episoden aus dem Fenster bis in Schussweite. „Die Angst hinter der enervierenden Dummheit meiner pakistanischen Verwandten war verständlich“, schreibt er nach einem Besuch in Abbottabad, wo bin Laden keinesfalls ohne direkte Unterstützung der pakistanischen Armee hätte leben können, und einer Dinner-Diskussion mit Offiziersonkel Naseem über die verbrecherischen USA. „Sie fürchteten, sie könnten die nächsten Leidtragenden eines imperialistischen Gemetzels sein, die zukünftigen Opfer dieses neuen Zeitalters endloser amerikanischer Rache.

(Vater Sikander, der zuvor – ohne es zu wissen – mit dem Auto nur Meter an bin Ladens Haus vorbeifuhr, im Zuge dieser Auseinandersetzung immer erboster: „Aber die Medikamente, die ich euch aus Amerika mitbringe, nehmt ihr gerne!“)

Auch damit hätte man diese Rezension beginnen können: „In den schrecklichen Wochen nach 9/11 – als eine simple Handlung wie in den Bus zu steigen und einen Fahrschein zu kaufen eine von den anderen Passagieren mit ängstlichen, misstrauischen Blicken verfolgte Provokation war – hatte ich mich zu dieser Strategie bei der Frage nach meiner Herkunft entschlossen. Ich sagte dann einfach: ,Aus Indien‘.“ Indien, das mit köstlichen Aromen, Yoga und Bollywood verbunden wird, nicht wie Pakistan mit „dem Terror, dem Morden und der Wut“.

Homeland Elegien“ ist die Geschichte eines Mannes, der sich rettet, indem er schreibt, auch über an den eigenen Mann gerichtete Fragen nach dem „Araber-Sein“, nach dem Warum „die“ „uns“ so hassen, die Wahnsinnsidee beider Seiten, Akhtar dabei immer ein Querdenker, wenn er das Unverständnis über Bikinis und Miniröcke, über den bizarren Wunsch nach gebräunter Haut, über die Vorstellung von Sauberkeit, „wenn man sich den Hintern mit einem Stück Papier abwischte“, und übers Christentum auflistet: die Heilige Dreifaltigkeit, die unbefleckte Empfängnis, das Ostereier-Färben, den Rentierschlitten.

Im Gegensatz zum westlichen Empfinden Mohammeds als Kinderschänder, da er doch mit Aischa bint Abi Bakr eine Neunjährige ehelichte. Traumdeutung als Mittel, selbst hervorgebrachtes Material zu bearbeiten, ein dramaturgisches Wiederaufführen schlimmster Erlebnisse zu Analysezwecken und die Eindämmung persönlichen Schmerzes auf der Suche nach höherem Zusammenhang – all das formt diesen Roman.

Bild: pixabay.com

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Der Blick aufs Allernächste ist dabei der schonungsloseste: Akhtar thematisiert nicht nur die eigenen aggressiv-sexuellen Obsessionen als werdender Stardramatiker, sondern auch die Alkohol- und Spielsucht seines Vaters. „Homeland Elegien“ ist am Ende das Buch eines „spirituell versehrten Amerikaners“. Akhtar schildert seine „Weigerung so zu tun, als hätte ich kein Problem mit meinem Land oder meinem Platz darin“ – was zu „Geächtet“ und 2013 zum Pulitzer Preis führt. Zu einem gefakten Poster von Akhtar vor den einstürzenden Türmen mit dem Spruch: „Proud of 9/11“ und der Frage, wo Fiktion aufhört und Fakt beginnt.

Des Anwalts Amir Kapoors Satz in „Geächtet“, die Amerikaner hätten 9/11 verdient, ist einer aus Fatima Akhtars Zornesrede nach dem Tod Latifs, und Ayad näher als ihm lieb ist. Vor diesem Hintergrund lautet die Ausgangsbehauptung von Ayad Akhtar, dass das berühmte, auch mit dem Nestroy-Preis ausgezeichnete Theaterstück so häufig böswillig verdreht, missverstanden und instrumentalisiert wurde, dass dem Autor im Grunde gar nichts anderes übrig blieb, als via Roman ein paar klärende Worte an die Leserin, den Leser zu richten, bevor die Diskussion vollends aus dem Ruder läuft. Es ist sicher nicht die schlechteste Pointe des Buches, dass diese erzählerische Geste natürlich zutiefst amerikanisch ist.

Die westlich-weiße Mehrheitsgesellschaft teilt die Muslime unter ihren Staatsbürgern in der Regel in moderate und radikale Vertreter des Islams, um sie im nächsten Schritt voneinander zu trennen, und die einen zu integrieren und die anderen zu isolieren. Akhtars Roman entblößt nun den Generalverdacht, der dieser Logik zugrunde liegt, indem er seine Muslime je nach Stimmungslage beides sein lässt: moderat und radikal, pro- und antiamerikanisch, säkular und zutiefst gläubig. Wie das Leben eben so spielt, mal Marschmusik, mal Trauermarsch.

Akhtar rechnet ab mit „westlichen Werten“ und gleichzeitig mit der sinnlosen Ablehnung derselben, mit strukturellem wie Alltagsrassismus, aber auch einer selbstbestimmten Andersartigkeit. Obwohl er in den USA geboren wurde, heißt es an einer Stelle, „hatte auch ich einen willentlichen Anteil an meiner Ausgrenzung, denn ich war, nachdem ich über vierzig Jahre in Amerika gelebt hatte, noch immer bereit, mich als ‚anders‘ zu betrachten“, er rechnet ab mit einer Identitätspolitik, die Muslime als bedingt fähig zum selbstbestimmten, reflexiven Individualismus ansieht.

An Halloween 2017 steht Ayad Akhtar in einem Coffeeshop im New Yorker West Village, Polizeiautos rasen mit Sirene und Blaulicht am Fenster vorbei, einer der Gäste sagt, auf dem West Side Highway hätte es einen terroristischen Anschlag gegeben. „Manche behaupteten, der Täter – dunkelhäutig mit langem Bart – sei aus dem Wagen gesprungen und habe ,Allahu akbar‘ gerufen, bevor er von Polizisten in den Bauch geschossen worden sei. Ich zog mich aus der spontanen Gemeinschaft, die sich bildete zurück. Diese Lektion hatte ich sechzehn Jahre zuvor gelernt, als meine Neugier mich downtown und zu einer Begegnung geführt hatte, von der sich mein amerikanisches Ich wahrscheinlich nie ganz erholen würde …“

Über den Autor: Ayad Akhtar, geboren 1970, wuchs als Sohn pakistanischer Einwanderer in Milwaukee, Wisconsin auf. Er ist der meistgespielte US-amerikanische Dramatiker der Gegenwart, Akhtars Stücke werden auch an allen großen deutschsprachigen Bühnen gegeben, so „Geächtet“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=23688) und „The Who and the What“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28977) am Burgtheater. Sein Debüt „Geächtet“ gewann zahlreiche wichtige nationale und internationale Preise, darunter den Pulitzer Theaterpreis und 2017 den Nestroy-Theaterpreis in der Kategorie Bestes Stück-Autorenpreis für „Geächtet“ am Burgtheater und am Schauspielhaus Graz. „Homeland Elegien“ ist nach „Himmelssucher“ (2012) sein zweiter Roman.

Claassen Verlag, Ayad Akhtar: „Homeland Elegien“, Roman, 464 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren.

www.ullstein-buchverlage.de           www.ayadakhtar.com

  1. 1. 2021