Wiener Festwochen: „Gift. Eine Ehegeschichte“

Mai 28, 2013 in Bühne

Trauer lässt sich nicht durch zwei teilen

Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen Bild: Phile Deprez

Elsie de Brauw, Steven van Watermeulen
Bild: Phile Deprez

So leise, beinah unaufwändig kann eine Inszenierung sein. So schmerzlich, so intensiv, dann wieder irritierend lustig, bitter-komisch. So intim, weil zwei großartige Schauspieler diese Intimität zulassen. Und am Ende schließlich – auch Zuschauer müssen atmen – tröstend. Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele, zeigt als Regisseur im Rahmen der Festwochen Lot Vekemans‘ „Gift. Eine Ehegeschichte“ im Theater Akzent. Dazu braucht er ein paar Bänke mit daran befestigsten Stühlen. Seine Ehefrau und auch künstlerisch kongeniale Partnerin Elsie de Brauw (die in Wien spätestens seit 2011 und „Opening Night“ von Ivo van Hove nach John Cassavetes ein Publikumsliebling ist) und Steven van Watermeulen als Antagonisten.

Die Ehegeschichte ist eigentlich eine Nach-der-Scheidungstory. Mann und Frau haben einander jahrelang nicht gesehen. Er ging in ein neues Leben, sie blieb im alten – wo der Tod des gemeinsamen Kindes ihr täglicher Begleiter ist. Nun soll das Grab umgebettet werden, weil Gift im Friedhofsboden gefunden wurde. Der Schlussstrich, von ihm einst als Selbstschutz gezogen, muss also wieder ausradiert werden. Alte Wunden brechen auf. Und die stinken bekanntlich am Schlimmsten. Verlust ist ein Eingeständnis für Verletzlichkeit. Das kann nicht jeder. Wenn der Tod kommt, stirbt die Liebe, beginnt die Trauer sich von innen nach außen zu fressen. Harte Töne schützen dann vor der eigenen Betroffenheit. Manche schweißt so ein Erlebnis zusammen. Bei Vekemans‘ Paar ist alles zu Gift geworden. Fremd und unverständlich bis zum Hass, dass der eine in eine Zukunft aufbrach, die andere in der Vergangenheit verrottet. Die Trauer ist zum letzten Grund ihrer Existenz geworden … Und diese Trauer lässt sich nicht durch zwei teilen …

Simons, Meister der kleinen Gesten für große Gefühle, lotet das Leiden bis zum Grund aus. Eine berührende Szene, wie van Watermeulen voll Ungeduld an den „Tatort“ kommt, sich gezwungen sieht, überhaupt hinzukommen. Auftritt Elsie de Brauw: Taumelnd wie eine Untote, mühevoll selbstbeherrscht, voll Zynismus über die Ungerechtigkeit der Welt an sich und die ihres Ex im Besonderen. Sie lässt ihm gar keinen anderen Platz als die Defensive. Simons lässt die beiden langsam, aber unaufhaltsam auf einen Höhepunkt zusteuern, der unkalkulierbar ist, der in einer Katastrophe enden könnte. Und Autorin Vekemans lässt nichts aus. Dass es Grau in so vielen Schattierungen gibt? – das peinliche Wiedersehen, das Niemals-Ansprechen-des-„Themas“, Beleigtheit auf beiden Seiten, Hohn und Spott, Galle und – ja, da ist es wieder: Gift. De Brauw und van Watermeulen spielen das nicht. Sie sind. Echt. Ehrlich.

Wie eine Stimme „von drüben“ (der verstorbene Sohn?) mutet dazu der Gesang von Countertenor Steve Dugardin an. A Cappella interpretiert er Lieder von John Dowland, der damit den Hof um Queen Elizabeth I. melancholisierte: „In darkness let me dwell“ oder „Flow my tears“. Wie ein intensives Habt-euch-wieder-lieb aus dem Totenreich. So intensiv wie der ganze Abend, der mit heftigem Applaus belohnt wurde. Allerdings, nur als Tipp: Frau Zuschauerin sollte sich die Nase pudern, bevor sie wieder ins Foyer tritt.

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Von Michaela Mottinger

Wien, 28. 5. 2013