Rabenhof – Stermann & Grissemann: Sonny Boys

Dezember 30, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Gemeindebauklassiker als gestreamter Silvestergruß

Bild: © Rabenhof/Udo Leitner

Als Silvestergruß eine kleine Preziose wie in der guten alten Zeit des „Patschenkinos“: Das Rabenhof Theater streamt die vom Broadway- zum Gemeindebauklassiker mutierte Komödie „Sonny Boys“ mit Christoph Grissemann und Dirk Stermann. Der Neil-Simon-Hit steht ab 30. Dezember, 18 Uhr, für 72 Stunden exklusiv und kostenlos als Stream auf der Website www.rabenhof.at zur Verfügung. Special appearance: Matthias Hartmann und Peter Rapp.

Kritik: Wie Thomas und Bernhard der Kleinkunst

Christoph Grissemann und Dirk Stermann spielen Stermann & Grissemann. Das hat immer funktioniert, das sind zwei Charaktere, die sich im Schlaf kennen, never change a running system, also gibt’s den vollen Spiel-Plan. Von Alkimage bis Glücksspielproblem, von Hassliebe als Programm bis neuerdings Paartherapie, von zynischem Witz bis staubtüchltrockenem Humor. Die beiden Abstauber der einheimischen Hirnrissigkeiten haben es halt nie notwendig gehabt, sich zu verkleiden. Zwei so große Entertainer.

Authentischer als sie ist nur Peter Rapp, der plötzlich wie ein Busenblitzer auftaucht. Der König des verbalen Scheißminix nimmt Stermann & Grissemann in die Untertanenpflicht, das ist schon spaßig, wollten sie doch statt seiner endlich selbst komplett am Rad drehen. Aber: Verwechslung der Geldausgabeautomaten. Getroffen hat’s ergo einen Exschistar, der ORF-Österreich beigebracht hat, wie sexy Bildungslücke sein kann …

Stermann & Grissemann haben eine Kleinkünstlerdystopie entworfen. So knapp vorm Lotte-Tobisch-Altersheim und kurz vor der Wahl migrantisches Volkstheater oder Musical mit Marika Lichter. Das heißt, entworfen haben nicht sie, sondern eine New Yorker Nachwuchshoffnung namens Neil Simon, der mit seiner Boulevardkomödie „Sonny Boys“ auf den Durchbruch hofft. Ein vorprogrammierter Bühnenhit, der hierzulande leider noch nie zu sehen war, wiewohl Kombinationen wie Otto Schenk und the late Helmuth Lohner oder Harald Serafin und Miesepeter Weck bestens dafür geeignet gewesen wären. So lag’s an den Grumpy Old Men der medialen Entäußerung diesen potenziellen Publikumserfolg aus der Taufe zu heben. Und sie taten’s so, dass nicht mehr klar ist, wo N.S. aufhört und „Die deutsche Kochschau“ anfängt.

Diesen Uralt-Sketch bereiten sie nämlich vor, die Unterhaltungsuntoten. Für eine verrappte ORF III-Show mit dem Titel „Was haben wir gelacht“. Nicht jeder kann wie Al Lewis und Willie Clarke auf eine Krankenschwesterntracht setzen, wiewohl Magda Kropiunig als Grissemanns Cousinen-Managerin das Ihre tut, um eine ins Spiel zu de­kolle­tie­ren. Es wird gespuckt statt gepiekst – aber rotzdem: Eklat. Die abgehalfterten Zugpferde werfen sich selbst aus der Ex-Promi-Laufbahn. Ein weiterer, der gewesene Burgtheater-, nunmehr TV-Programmdirektor, versagt verzagt mit sehr viel Selbstironie via Video. Matthias Hartmann, Servus!

Derlei Gags machen nicht verlegen, entwirft sich das Bashing doch mittels einer geschmacksintensiven Runde. Vom bierbewerbenden Adiposiburgstar über den zum Gartenzwerg degenerierten Autonarrbarettisten, vom Proleten-„Kaiser“ über den persischen Schlachthaus-Shakespeare bis zur dreiköpfigen Staatskünstlermade im Innenpolitikspeck. Merke: Wer selbst eine gekillte Katze auf dem Kopf hat, soll nicht über anderer Leute Frisur lästern, und alles, was noch Kohle bringt, kommt sowieso nicht vor.

Man soll die Hand ja handzahm beißen. Miri und Uschi beim Schlammcatchen, das geht grad noch von wegen tagesaktueller Watschn. Und natürlich Thomas Gratzer. Der Hausherr und Regisseur stellt sich den Rabennestbeschmutzern gern zur Verfügung. Ach, Stermann & Grissemann, das ist wie Thomas und Berhard der Kleinkunst … weiter: www.mottingers-meinung.at/?p=17486

Bild: © Rabenhof/Udo Leitner

Bild: © Rabenhof/Udo Leitner

Stermann & Grissemann im Gespräch

MM: Die entscheidende Frage – wer piekst wen?

Dirk Stermann: Wir pieksen nicht. Ich bespucke Herrn Grisseman. Aber nicht absichtlich, sondern weil ich eine feuchte Aussprache habe. Den „Klassiker“ mit dem Finger haben wir abgeschafft, weil das für uns albern war. Wir spielen ja nicht den Arzt-Sketch von Willie Clark und Al Lewis, sondern einen Sketch, den wir beide tatsächlich einmal gespielt haben. Und in dem wird nicht gepiekst, sondern nur gespuckt.

MM: Wie kam es zu der Idee „Sonny Boys“ zu machen?

Christoph Grissemann: Das hat Thomas Gratzer über unsere Köpfe hinweg entschieden. Er verfolgt uns mit der Idee seit acht Jahren – da waren wir also noch wesentlich jünger -, aber obwohl er uns pausenlos damit in den Ohren lag, wollten wir’s nicht machen. Eine Boulevardkomödie! Wir fanden schon den Humor seltsam, weil er ganz anders ist, als das was wir sonst veranstalten. Aber nachdem wir das Stück sehr akribisch gelesen haben, sind wir draufgekommen, dass es wie wahnsinnig auf uns passt. Es ist von Herrn Simon in weiser Voraussicht für uns geschrieben worden. Ich musste ein paar Mal laut auflachen, weil Sätze nahezu wortwörtlich zwischen Dirk und mir gefallen sind. Irgendwo in der Provinz. Es hat eine so frappierende Ähnlichkeit, dass wir sagten: Ja, gut.

Stermann: Die Situation ist für uns wie gemalt, als hätte Simon gewusst, dass da in Österreich zwei Typen schon so lange intensiv zusammenarbeiten, mit Höhen und vielen Tiefen. „Sonny Boys“ ist ein hochgradig sentimentales Liebesstück über zwei Männer. Es geht um Altersdepression, Missmut, Zynismus und Verachtung im Unterhaltungsgeschäft – das passt auf uns.

MM: Die Atmosphäre stimmt also?

Stermann: Das wurde uns beim intensiveren Nachdenken sofort klar. Das ist genau unsere „Farbe“, gar nicht so sehr die Humor-Farbe, sondern die atmosphärische Farbe trifft’s total.

Grissemann: Finde ich auch. Der Wechsel zwischen Alltag und Komik – was man mit dem Partner erlebt, man muss auf der Bühne den witzigen Strahlemann machen, kaum kommt man nach der Vorstellung in die Garderobe, hat man keine Lust mehr auch nur miteinander zu reden -, also die Tragik, die jedem Komiker innewohnt, die kennen wir auch. Und die wird in diesem Stück natürlich sehr gepflegt.

MM: Sie haben „Sonny Boys“ auf sich zugeschnitten. Wie wird sich das auswirken?

Stermann: Wir sind die Figuren. Es geht tatsächlich um unsere Vita, um unsere Karriere, das Stück wird nach Wien verlegt. Das heißt: Es wird FM4 vorkommen, der ORF, das Umfeld, in dem wir uns bewegt haben. Auch namentlich, es werden Namen von Kolleginnen und Kollegen genannt, mal sehen, wie die sich freuen …

MM: Und der Kernsatz Ihrer „Sonny Boys“? Sympathy für the Antipathie?

Stermann: Die Mischung aus liebevollem Hass und hasserfüllter Liebe. Dass man aneinander gekettet ist, miteinander muss, eigentlich nicht mehr will, aber auch nicht ohne einander kann … weiter: www.mottingers-meinung.at/?p=17222

Trailer: www.youtube.com/watch?v=y-RhsXkuff4           www.rabenhoftheater.com

30. 12. 2020