Technisches Museum Wien: Künstliche Intelligenz?

Dezember 17, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Utopien und Hysterien rund um humanoide Roboter

Neuronale Netze. Bild: © Sebastian Weissinger / Technisches Museum Wien

Nicht das erste Mal in der Geschichte der Menschheit lässt einen der technologische Fortschritt an­gespannt in die Zukunft blicken – ob neugierig oder verunsichert, ob heilserwartend oder apokalyptisch. Das Technische Museum Wien beleuchtet und reflektiert in der Sonderausstellung „Künstliche Intelligenz?“ ab 17. Dezember Fakten und Mythen um eines der größten Innovationsthemen des 21. Jahrhunderts. Mittlerweile vergeht kaum ein

Tag, an dem in den Medien nicht über Künstliche Intelligenz berichtet wird. Man liest über technologische Meilensteine und bahnbrechende Innovationen, fantastische Zukunfts­visionen, die an Science Fiction erinnern, und über stetig neue Anwendungsgebiete, die vom Gesund­heits­bereich über Industrie bis hin zur Kunst reichen. Aber auch über heikle ethische und soziale Frage­stellungen, die nicht nur durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, sondern auch durch ihre Programmierung aufgeworfen werden. Dass man dem Phänomen Künstliche Intelligenz mit Faszination, Respekt oder Skepsis begegnet, ist ver­ständlich.

Denn tatsächlich beruht ihr Wesen auf dem Versuch, eine Fähigkeit des Menschen nachzu­bauen, die man schon für sich genommen nicht so genau versteht. Wodurch unterscheidet sich Künstliche Intelligenz aber nun von menschlicher? Was kann sie leisten, was wird noch länger ein unerfüllter Traum bleiben und wo begegnet sie einem bereits im Alltag, auch ohne, dass man es bemerkt? Das Technische Museum Wien eröffnet Besucherinnen und Besuchern einen transparenten, reflektierten Blick auf Utopien und Hysterien, die sich um humanoide Roboter und Künstliche Intelligenz ranken. Die Ausstellung präsentiert die derzeitigen technologischen Entwicklungen und will zeigen, woran mit welchen Zielen geforscht wird.

Welche gesellschaftlichen Auswirkungen von den Ergebnissen zu erwarten sind und was hinter Trend-Schlagworten wie „maschinelles Lernen“, „Algorithmus“ oder „autonome Systeme“ tatsächlich steckt. Auf fünf Stockwerken wird gemeinsam mit dem Publikum reflektiert, wie man mit Maschinen interagiert, wie Künstliche Intelligenz überhaupt funktio­niert und wie sie den Alltag – auch unbewusst – verändert. Schließlich wird das künstlerische Potenzial der Maschinen ebenso wie die Möglichkeiten, die sich für Mobilität und Stadtentwicklung bieten, untersucht.

Das gläserne Gehirn, 1950er-Jahre. Bild: © Technisches Museum Wien

Spielzeugroboter „Aibo“, 2020. Sony Corporation, Tokio. Bild: © Sebastian Weissinger / Technisches Museum Wien

Kybernetische Maschine „MM7, Selektor“, 1961. Von Claus Christian Scholz-Nauendorff, Wien. Bild: © TMW

Level 1: Die Maschine als Gegenüber. Gleich zu Beginn der Entdeckungsreise werden Besucherinnen und Besucher von Cruzr, einem der fortschrittlichsten Serviceroboter weltweit, mit einer Einführung in die Ausstellung und in seine „Ahnengalerie“ empfangen. Nach der Begegnung mit einem autonomen, humanoiden Roboter ist man aufgefordert zu reflektieren, wie man im Alltag mit Maschinen interagiert. Denn jeder Knopfdruck, jeder Mausklick, jede Berührung am Touchscreen ist Kommunikation zwischen Mensch und Maschine. Diese Schnittstellen werden im Zeitverlauf zwar immer intuitiver, aber auch problematischer: Der Spracheingabe folgen neuartige Anwendungen, die auch Mimik, Gestik und Verhalten ebenso wie den Daten-Fußabdruck interpretieren sollen.

Level 2: Ins Innere der Künstlichen Intelligenz. Was ist das Wesen und der Ursprung von Intelligenz? Im Bestreben das menschliche Gehirn zu begreifen, gab es historisch sowohl wissenschaftliche Irrwege ebenso wie bemerkenswerte Entdeckungen, dennoch scheint ein vollständiges Verständnis der komplexen Funktionsweisen des Gehirns nach wie vor in weiter Ferne. Welche Erkenntnisse können die Menschen aber bereits auf die technologische Imitation von Intelligenz umsetzen? Wie trainiert man Maschinen? Und kann man im Ergebnis noch den Unterschied zwischen Mensch und Maschine erkennen? In interaktiven Stationen können Besucherinnen und Besucher dies und vieles mehr hautnah erleben.

Level 3: Im Alltag. Historisch gesehen versprechen die Menschen sich  schon lange eine Arbeitserleichterung im Alltag durch den Einsatz von Technik. Von der Künstlichen Intelligenz, die als Gipfel der Automatisierung gesehen werden kann, erwartet man sich mehr als von bloß smarten Haushaltsgeräten. Während Zukunftsfantasien an autonome Roboter denken, die einen im realen Raum unterstützen, vergisst man oft, dass Künstliche Intelligenz in die digitalen Welt bereits Einzug gehalten hat. Wo einem diese Algorithmen begegnen und wie sie wirken soll hier kritisch reflektiert werden.

Level 4: Kunst und Künstlichkeit. Kreativität wird als etwas zutiefst Menschliches interpretiert, dennoch kann Künstliche Intelligenz bereits Sinfonien komponieren, Gedichte schreiben und Bilder malen. Das wirft die Frage auf: Was bedeutet Kreativität eigentlich und was soll Kunst in Menschen auslösen? Besucherinnen und Besucher können erleben und ausprobieren, wie einen Künstliche Intelligenz im eigenen Schaffen inspirieren kann.

Flötenspielautomat „Automa suonatore di flauto“, 1849. Von Innocenzo Manzetti, Aosta. Bild: © Sebastian Weissinger / TMW

Mock-up des Roboters „Telenoid R4“, 2013. Entwickler: Hiroshi Ishiguro, Osaka. Bild: © Sebastian Weissinger / TMW

Serviceroboter Cruzr, 2019. Hersteller: UBTECH Robotics, Shenzhen, China. Bild: © UBTECH Robotics

Sexroboter im sehr privaten Bereich. Bild: © Sebastian Weissinger / Technisches Museum Wien

Level 5: Mobilität im Wandel. Der Traum vom selbstfahrenden Auto ist beinahe so alt wie das Auto selbst. Woher kommt diese Sehnsucht, was ist der aktuelle Stand der Technik und wie könnte die Zukunft der Mobilität auch abseits des Individualverkehrs aussehen? Welche Auswirkungen diese und andere Zukunftsszenarien vor allem unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit haben können, evaluiert der Wissenschaftspublizist Florian Aigner abschließend in einer Videoinstallation.

Mit zahlreichen interaktiven Erlebnissen und multimedialen Stationen lädt die Ausstellung „Künstliche Intelligenz?“ zum immersiven Eintauchen in die Thematik und zu einem aktiven Museumsbesuch ein. Außerdem werden sowohl historische als auch aktuelle Highlight-Objekte gezeigt, wie zum Beispiel das „Gläserne Gehirn“, das in zehnfach vergrößerten Maßstab den Informationsfluss im menschlichen Gehirn veranschaulicht, der moderne Roboter Cruzr ebenso wie seine „Vorfahren“, die bis ins 18. Jahr­hundert zurückreichen, oder die ikonische Darstellung eines Neuronalen Netzwerks, die eigens für die Ausstellung erstellt wurde und weltweit einzigartig ist.

In einer bewegten Entdeckungsreise reflektiert die Ausstellung gemeinsam mit dem Publikum das Potenzial und die Risiken der Künstlichen Intelligenz auf unaufgeregte Weise und zeigt, wie zeitlos die dahinterstehenden menschlichen Wunschvorstellungen sind. Denn schließlich ist auch diese innovative Technologie ein Werkzeug wie jedes andere, aber der Diskurs, für welche Zwecke man die einsetzt, sollte mit breiter gesellschaftlicher Beteiligung erfolgen …

www.technischesmuseum.at           Filmtipp: Maria Arlamovsky: Robolove, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41806

17. 12. 2020