Museum der Moderne Salzburg: Physiognomie der Macht. Harun Farocki & Florentina Pakosta

Dezember 11, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Kriege, Revolutionen und mächtige Männer

Harun Farocki: Ich glaubte Gefangene zu sehen, 2000. © Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg. Bild: Harun Farocki

Ab 8. Dezember widmet sich die Doppel- ausstellung „Physiognomie der Macht“ im Museum der Moderne Salzburg in einer umfassenden Gegenüberstellung dem Werk des deutschen Filmemachers Harun Farocki und der österreichischen Grafikerin und Malerin Florentina Pakosta. Während Farocki zu den wichtigsten Dokumentarfilmern und

Medienkünstlern Deutschlands ab den 1970er-Jahren zählt, ist Pakosta eine der zentralen Figuren der feministischen Avantgarde in Österreich. Die beiden stehen in ihren Arbeiten für einen Realismus, der sich aus Themen und Anliegen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt hat. So unterschiedlich ihre Medien auch sind, so sprechen ihre Arbeiten durch die zutiefst politische Dimension doch vergleichbare Sprachen. Im Mittelpunkt stehen dabei oftmals Formen von Machtausübung und Machterfahrung.

Die Ausstellung präsentiert sechs zentrale Videoinstallationen, Essay- und Dokumentarfilme von Harun Farocki aus der Sammlung Generali Foundation, darunter die Videoinstallation „Ich glaubte Gefangene zu sehen“ aus dem Jahr 2000 und die Trilogie „Auge/Maschine I–III“, entstanden von 2001 bis 2003. Diese beiden Arbeiten beschäftigen sich mit der Zurichtung des Menschen durch technologische Überwachungs- und Kontrollsysteme und der Legitimierung von Krieg mit dem Argument einer vermeintlich „humanen“ Kriegsführung mithilfe elektronischer Hightech-Systeme.

Dem steht der Stummfilm „Aufschub“ von 2007 gegenüber, für den Farocki Filmaufnahmen aus dem Jahr 1944 über den Lebensalltag jüdischer Gefangener im „Durchgangslager“ Westerbork in den Niederlanden behutsam zusammengefügt und mit Zwischentiteln ergänzt hat. Die Filme „Ein Tag im Leben der Endverbraucher“ von 1993 und „Die Bewerbung“ von 1997 thematisieren die Rollen des Menschen als Konsument und als Arbeitssuchender in einer von kapitalistischen Prinzipien bestimmten Lebenswelt. Im Zentrum des preisgekrönten Films „Videogramme einer Revolution“ – mit Andrei Ujica, 1992 – steht die Dynamik politischer und sozialer Machtverhältnisse und die damit verbundene Rolle medialer Inszenierung. Er schildert anhand von Film- und TV-Aufnahmen die Rumänische Revolution im Jahr 1989.

Florentina Pakosta: Selbstbildnis mit Zaun, 1976. MdM Salzburg. Bild: Rainer Iglar / Bildrecht, Wien 2020

Harun Farocki: Aufschub, 2007. Nederlands Inst. voor Oorlogs-documentatie, Amsterdam. Bild: Farocki

Florentina Pakosta: Fleischwolfmund, 1979. Museum der Moderne Salzburg. Bild: Hubert Auer, Bildrecht, Wien 2020

Die Präsentation von Florentina Pakosta gibt einen 50 Jahre überspannenden Einblick in ihr Werk. Sie reicht von frühen Zeichnungen zu Krieg, Gewalt und feministischen Themen über ihre Physiognomie-Studien, in denen sie sich auf differenzierte Weise auch mit den Charakterköpfen des Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt beschäftigt, die monumentalen und zugleich subversiven Porträts ihrer mächtigen männlichen Zeitgenossen aus Kunst, Politik und Wirtschaft und die satirisch-surrealistischen Montageköpfe bis hin zu den Warenlandschaften und den abstrakten Trikolore-Bildern der 1990er- und 2000er-Jahre. Erstmalig werden in größerem Umfang Werke von Pakosta gezeigt, die sich in der Sammlung des Museum der Moderne Salzburg befinden, komplettiert durch wichtige Leihgaben der Künstlerin sowie weiterer Sammlungen.

Der 2014 verstorbene Filmemacher Harun Farocki war ein akribischer Beobachter und Analytiker der gesellschaftlichen Verhältnisse seiner Zeit. In den Studierendenprotesten der späten 1960er-Jahre politisiert, entwickelte er einen dokumentarischen und essayistischen Stil, in dem er eigene Filmaufnahmen mit Bildern aus anderen Quellen wie Massenmedien und Überwachungssystemen verknüpfte. Er war insbesondere an jenen Strukturen interessiert, durch die sich die Gesellschaft selbst zurichtet.

So fragen seine Arbeiten nach den Auswirkungen totalitärer Überwachungs- und Kontrollsysteme, nach dem Alltag in einer von der kapitalistischen Logik durchdrungenen Lebens- und Arbeitswelt und nach der zunehmend komplexen Beziehung von Mensch und Maschine. Sie forschen stets nach der Rolle des Bildes in Herrschaftsverhältnissen. Sie machen sichtbar, wie Bilder in Dienst genommen werden, sei es durch Überwachung, technisch-militärische und zivile Bildanalysen oder Fernsehen und Werbung. Zugleich legt Farocki die dem Film eigenen Konstruktionsprinzipien offen. Er ist in seinen Filmen und Videoarbeiten stets als Autor präsent, als Beobachter und Gestalter, der mit den Mitteln der Montage und des Kommentars unsere Wahrnehmung lenkt und eine aktive Rezeption fordert.

Rumänische Revolution im Jahr 1989 – Harun Farocki: Videogramme einer Revolution, 1992. Bild: Harun Farocki

F. Pakosta,: Wenn Männer ihre Ehefrauen töten III, 1968. Besitz der Künstlerin. Bild: Rainer Iglar / Bildrecht, Wien 2020

Florentina Pakosta: Die weiße Weste, 1972. Besitz der Künstlerin. Bild: Rainer Iglar / Bildrecht, Wien 2020

Harun Farocki: Ein Tag im Leben der Endverbraucher, 1993. Sammlung Generali Foundation – Dauerleihgabe am Museum der Moderne Salzburg. Bild: Harun Farocki

Florentina Pakosta war in jungen Jahren damit konfrontiert, dass Frauen in Kunstwelt, Wirtschaft und Politik nur Nebenrollen spielten. Ihr frühes Interesse an sozialen Verhältnissen, an Randgruppen und Außenseitern verlagerte sich in den 1970er-Jahren hin zur Auseinandersetzung mit der eigenen Erfahrung der Marginalisierung als Künstlerin. Sie betrieb intensive zeichnerische Porträtstudien, in denen sie nicht nur ihre eigene Existenz, sondern auch das männliche Antlitz der Macht analysierte, das sich ihr entgegenstellte.

Die Physiognomie des Gesichts wurde zu einem zentralen Motiv ihrer Arbeiten. Pakosta nahm am Gesichtsausdruck nicht nur die psychische Verfassung, sondern auch einstudierte, verinnerlichte soziale Masken und Rollen wahr. In präzise aufgebauten, teils hyperrealistisch wirkenden Zeichnungen, gänzlich reduziert auf Schwarz und Weiß, porträtiert und karikiert sie den zur Maske geronnenen Gesichtsausdruck mächtiger Männer.

In feministischen und satirisch-surrealistischen Zeichnungen thematisiert sie darüber hinaus das Herrschaftsverhältnis zwischen den Geschlechtern. Pakosta erweist sich in ihrem von ihr so genannten Erstwerk, das von einem figurativen Realismus geprägt ist, als Meisterin der Zeichnung und anderer grafischer Techniken. Was ihre Zeichnungen auf direkte Weise ansprechen, assoziieren ihre späteren Malereien in der Bildsprache der Abstraktion: das Gewaltsame und Zerbrechliche, aber auch Dynamische und Veränderliche.

 www.museumdermoderne.at

 8. 12. 2020