Architekturzentrum Wien: Boden für Alle

Dezember 10, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ganz Österreich im Einfamilienhaus

Baugrund zu verkaufen. © Johann Jaritz, Wikimedia Commons, lizensiert unter CC BY-SA 4.0; Collage: Christina Kirchmair

Die Oberfläche der Erde ist endlich und Boden ein kostbares Gut. Ein sorgloser oder rein kapitalgetriebener Umgang mit dieser Ressource hat in den vergangenen Jahrzehnten Gestalt und Funktion der Städte und Dörfer massiv verändert. Angesichts der drohenden Klimakatastrophe und steigender Wohnungspreise stellt sich die Frage, ob der bisherige Weg mit maximalen Kompromissen und minimalen Anpassungen noch tragbar ist. Wo bleibt eine weitreichende und mutige Bodenpolitik?

Fragen wie dieser geht die Ausstellung „Boden für Alle“ nach, die ab 9. Dezember im Architekturzentrum Wien zu sehen ist. Es ist erstaunlich, wie oft die Tatsache, dass Boden eine nicht erneuerbare Ressource ist, wiederholt werden kann und trotzdem noch „Aha“Erlebnisse hervorruft. Die Zersiedelung des Landes wird schon seit Jahrzehnten angeprangert. Mittlerweile könnten alle Österreicherinnen und Österreicher in bereits bestehenden Einfamilienhäusern untergebracht werden, und trotzdem wird weiter Bauland gewidmet, werden neue Einkaufszentren auf der grünen Wiese und Chalet-Dörfer in den Alpen errichtet. Die fortschreitende Versiegelung trägt zur Klimakrise bei und gefährdet die Ernährungssicherheit.

Die Hortung von und Spekulation mit Grundstücken verteuert das Wohnen und führt zu einer schleichenden Privatisierung des öffentlichen Raums. Vielerorts entstehen Wohnungen, deren Funktion nicht die eines „Heimes“ ist, sondern einer Kapitalanlage, die auch ungenutzt ihren Wert steigert. Mit seiner Schau will das AzW die Kräfte sichtbar machen, die am Boden zerren. Die Ausstellung zeigt auf, dass die Menschen ein System geschaffen haben, das Flächenverbrauch zwingend voraussetzt. „Wir alle profitieren scheinbar davon und übersehen die langfristigen Folgen dieses Handelns“, warnen die Kuratorinnen Karoline Mayer und Katharina Ritter.

Verbaute Erde – Parkflächen statt Ackerland. © ÖHV

The Landmatrix versucht, Transparenz in den globalen Landhandel zu bringen. Aufnahme eines Sojafelds im Nacala-Korridor, Mosambik, einem der wichtigsten Zielgebiete für internationale landwirtschaftliche Großinvestitionen in Afrika. © Bild: Julie Zähringer, 2016

Schwache oder nicht angewandte Instrumente der Raumplanung, ein teils fehlgeleitetes Steuergesetz und Förderungswesen sowie eine mutlose Politik schreiben den Status Quo fort, anstatt eine Vision für die Zukunft zu entwickeln. Anschaulich und konkret, kritisch und manchmal auch unfreiwillig absurd erläutert die Ausstellung die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Hintergründe. Wie wird Grünland zu Bauland? Wieso steigt der Preis für Grund und Boden? Was hat das alles mit der Leute Lebensträumen zu tun?

Fallstudien und Begriffserklärungen bringen Licht in das Dickicht der Zuständigkeiten. Ländervergleiche veranschaulichen Stärken und Schwächen, internationale BestPracticeBeispiele zeigen Alternativen. Eine Sammlung an bereits bestehenden und möglichen neuen Instrumenten weist Wege zu einer Raumplanung, die die Ressource Boden schont, den Klimawandel abfedert, Bodenspekulation unterbindet und eine gute Architektur ermöglicht. Alle sind aufgefordert, neu zu denken und zu handeln. Die Ausstellung bereitet im Wortsinn den Boden dafür. Gleich beim Betreten der Schau wird der Besucher, die Besucherin mit der harten Realität des Flächenverbrauchs in Österreich konfrontiert:

Wie viele Hektar Boden werden pro Sekunde versiegelt? Wie viele Einfamilienhäuser werden pro Stunde gebaut? Wie viele Meter Straße entstehen pro Minute? Vielleicht überspitzt anmutend wird anhand comic-hafter Fotostorys dargestellt, wie sich beim Aufeinanderprallen unterschiedlicher Interessenlagen nicht unbedingt jene durchsetzen werden, die das Wohl der Allgemeinheit im Fokus haben. Aufs Korn genommen werden die persönlichen Wünsche und Handlungsentscheidungen rund um viel diskutierte Bautypologien: das Einfamilienhaus, das Einkaufszentrum, der Wohnturm. Satire natürlich! Doch steckt hinter jeder Satire ein Körnchen Wahrheit.

In Südkoreas Hauptstadt Seoul wurde 2005 ein 10,9 km langes Stück der Stadtautobahn abgerissen, der darunter befindliche Fluss Cheonggyecheon renaturiert und ein Park geschaffen. © Sue@Reisephilie (reisephilie.at)

Mehr als 100 Jahre versorgte die ENCI-Kalkgrube die Niederlande mit Kalk für die Zementerzeugung. 2018 wurde sie in ein beeindruckendes Naturreservat verwandelt, das Raum für Naherholung, seltene Pflanzen und Vögel bietet. © Rademacher / de Vries Architects

Doch es wird nicht nur kritisiert und gemahnt. 16 positive Projekte aus der ganzen Welt propagieren einen anderen Umgang mit Grund und Boden. Beispiele für die Belebung von Ortskernen durch Eigeninitiative oder für Verdichtung im existierenden flächenintensiven Siedlungsbereich. Beispiele für den Erhalt von Bodenqualität in der Landwirtschaft sowie den Schutz von Grünflächen vor Versiegelung. Es geht aber auch um die konsequente Entsiegelung und Renaturierung nicht mehr genutzter oder verzichtbarer Infrastruktur, sei es eine Stadtautobahn oder eine ehemalige Kalksteingrube.

Und es werden Projekte vorgestellt, die andere ökonomische Wege beschreiten: Modelle, die sich als Alternative zum Privateigentum an Grund und Boden bewährt haben oder „revolutionäre Ideen“ wie die Abschöpfung von Widmungsgewinnen. Als Reaktion auf die Intransparenz großer Immobilientransaktionen, sei es im städtischen Wohnen oder im Agrarsektor im globalen Süden und Osten, stellt das AzW engagierte Plattformen vor, die sich für Transparenz einsetzen und mit ihrer Recherchearbeit das Ausmaß des globalen Geschäfts sichtbar machen. Die Gesamtheit der Schau soll Inspiration für Entwicklungen, für die tägliche Arbeit und persönliche Entscheidungen sein. Denn es geht auch anders.

www.azw.at

9. 12. 2020