Naturhistorisches Museum Wien: Ablaufdatum

Dezember 7, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Wenn aus Lebensmitteln Müll wird

©NHM Wien / A. Schumacher

Mit der Wiedereröffnung am 7. Dezember zeigt das Naturhistorische Museum Wien die Ausstellung „Ablaufdatum. Wenn aus Lebensmitteln Müll wird“. Eine Schau, die den Ursachen der Lebensmittelverschwendung auf den Grund geht. Von der Landwirtschaft über die Lebensmittelproduktion, den Handel bis zum  Haushalt oder die Gastronomie, die Ursachen sind so vielfältig wie verstörend. Noch vor wenigen Jahrzehnten war es unvorstellbar, genießbare Nahrung wegzuwerfen.

Das hat sich inzwischen radikal geändert. Schätzungen zufolge landet mindestens ein Drittel der globalen Lebensmittelproduktion auf dem Müll, mit drastischen sozialen und ökologischen Folgen. Das Mindesthaltbarkeitsdatum, umgangssprachlich oft als Ablaufdatum bezeichnet, ist nur einer von vielen Faktoren für den Verlust von Lebensmitteln. Zumeist bleiben sie über dieses Datum hinaus genießbar, doch der Handel entsorgt die Ware in der Regel bereits vor diesem knapp bemessenen Datum, um Platz für Neues zu schaffen.

Nimmt man die gesamte Wertschöpfungskette der Lebensmittel unter die Lupe, so zeigt sich das dramatische Ausmaß der Verschwendung. Sie beginnt in der Landwirtschaft und endet im privaten Haushalt. Aktuellen Studien zufolge landen in jedem österreichischen Haushalt jährlich bis zu 133 Kilogramm an genussfähigen Lebensmitteln im Müll. Das entspricht einem Wert von 250 bis 800 Euro.

Das Recht auf Nahrung ist ein grundlegendes Menschenrecht. Gleichzeitig belastet die Herstellung von Nahrungsmitteln die natürlichen Ressourcen der Erde. Ein Drittel aller Klimagase stammt aus der Lebensmittelerzeugung. Eine bloße Halbierung des Lebensmittelmülls würde ebenso viele Klimagase sparen, wie eine Stilllegung jedes zweiten Autos. Die industrielle Landwirtschaft verbraucht 70 Prozent des Süßwassers. Massentierhaltung und die Überfischung der Weltmeere gefährden unzählige Ökosysteme. Monokulturen und der Einsatz von Dünge- und Spritzmitteln zerstören eine Vielfalt von einzigartigen Lebensräumen und vernichten jedes Jahr zigtausende Tier- und Pflanzenarten.

©NHM Wien / A. Schumacher

©NHM Wien / A. Schumacher

Jährlich werden 30 Millionen Hektar Wald gerodet, planiert und der maschinellen Landwirtschaft geopfert. Saatgut wird mit Fungiziden gegen Schimmel behandelt. Mehrmals pro Jahr werden Insektizide gegen „Schadinsekten“ und Herbizide zur „Unkrautvernichtung“ eingesetzt. Diese chemischen Substanzen tragen massiv zum Insektensterben bei. Der Schwund von insektenfressenden Tierarten wie beispielsweise Feldlerchen und Kiebitzen ist die logische Folge. Am häufigsten wird das umstrittene Pflanzenvernichtungsmittel Glyphosat verwendet, das 2017 von der EU für weitere fünf Jahre zugelassen wurde.

In der Intensivlandwirtschaft werden massiv chemische Gifte eingesetzt: um unerwünschte Wildkräuter, Pilze und Insekten zu töten oder um die Haltbarkeit von Saatgut zu verbessern. Diese Gifte haben Auswirkungen auf die gesamte Umwelt. Neonicotinoide, als Saatgut-Beizmittel und Sprühmittel verwendet, sind hochwirksame Insektizide. Etwa zehn Tonnen werden jährlich in Österreich versprüht. Sie werden unter anderem für das Bienensterben verantwortlich gemacht.

©NHM Wien / A. Schumacher

©NHM Wien / A. Schumacher

Lebensmittel werden in Supermärkten als preisgünstig präsentiert. Und noch sind die Müllcontainer hinter den Supermärkten gefüllt mit Lebensmitteln, die aus Bequemlichkeit, wegen winziger optischer Mängel oder aus anderen Gründen entsorgt wurden, bevor sie das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht hatten. Der Platz im Supermarktregal ist heiß umkämpft. Die Müllmengen, die im Handel anfallen, sind ein gut gehütetes Geheimnis. Der Lebensmittelmüll eines einzigen großen Supermarktes wird auf 500–600 Tonnen im Jahr geschätzt.

Dem vorzubeugen hilft in der Schau das Geruchs- und Geschmacklabor: „Ist das noch gut?“ der Wiener Tafel. Hier erleben Museumsbesucherinnen und -besucher Lebensmittel nicht nur als ihre Lebensgrundlage, sondern bekommen die Möglichkeit, ihre körpereigene „Laborausstattung“ dafür einzusetzen, Frische, Qualität und Verträglichkeit von Lebensmitteln einzuschätzen. Neben der Rettung von Lebensmitteln zählt die Vermeidung von Foodwaste durch Bewusstseinsbildung zu den selbst definierten Kernaufgaben der Wiener Tafel.

Die Verschwendung von Lebensmitteln wird sich die Menschheit bald nicht mehr leisten können. In der Ausstellung werden eindrucksvolle Daten und Fakten präsentiert. Aber noch viel wichtiger ist das Aufzeigen konkreter Wege aus dem Teufelskreis der Verschwendung. Denn das Konsumverhalten aller kann dazu beitragen, die Welt zu verändern.

Der Blog zur Ausstellung:           www.nhm-wien.ac.at/ablaufdatum/blog           www.nhm-wien.ac.at

  1. 12. 2020