Amélie Nothomb: Die Passion

November 13, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Jeder sein eigener Jesus

„Ich wusste seit jeher, dass man mich zum Tode verurteilen würde.“ Mit diesem Satz beginnt Amélie Nothomb ihren dieser Tage auf Deutsch erschienenen Roman „Die Passion“. Im Original „Soif“/Durst, und damit ist mutmaßlich nicht nur das fünfte der Sieben letzten Worte Jesu Christi gemeint, „Mich dürstet.“ – Joh. 19,28, sondern wohl auch der nach Wissen, nach tieferer Kenntnis der Autorin.

Denn der Mann, der hier auf seine Hinrichtung wartet, ist kein Geringerer als der Heiland. Nothomb entwirft ihren Protagonisten als Blasphemiker, der in einer im Neuen Testament nicht vorgesehenen Nacht vor der Kreuzigung in seiner Gefängniszelle seinen Gedanken über im Wortsinn Gott und die Welt nachhängt. Für den Leser, die Leserin tut er dies gleichsam laut, und wer beim Ich-Erzähler ans schöpferische Über-Ich der Autorin denkt, liegt nicht weit daneben.

Kommt doch die Provokationen wie Bestseller am Fließband produzierende Schriftstellerin, im französischen Sprachraum ein nicht zuletzt für seine Exzentrik geliebter literarischer Superstar,

aus einer schwer katholischen Familie. Geboren in Kobe, und wer die unerbittliche Strenge des japanischen Christentums kennt, weiß, was das heißt. „Ich hatte als Kind Katechismusstunden und lernte dort immer mehr Dinge, die nicht richtig schienen … Das Allerschlimmste war die Kreuzigung. Wir sollten sie für etwas Gutes halten, und dabei war es offensichtlich grauenhaft. Warum hat Jesus das mitgemacht?“, so Nothomb in einem Interview für den Radiosender France Inter.

Und macht genau das zur Frage ihrer Figur. Freilich ist Nothombs „Passion“ neben Kazantzakis, Saramago, Éric-Emmanuel Schmitt ein in mancher Hinsicht schmaler Band, doch ist dies Evangelium nach Amélie mit einer Verve und einem (Über-)mut an theologischer Unbedarftheit hingepfeffert, mit dem ihr eigenen bös-flapsigen Witz übers Menschsein bei gleichzeitiger Feinfühligkeit für diese seltsame Spezies, dass man durch den Roman geradezu fliegt.

Weiland boten sich Depeche Mode ihren Gläubigen als „Personal Jesus“ an, bei Amélie Nothomb wird jeder sein eigener Jesus. Ein Komplize des einen in dessen Hadern mit der sinnlosen Grausamkeit, die ihm bevorsteht. Man kann nicht anders, ist doch die Misericordia eine der monotheistischen Haupttugenden, und so wächst die Empathie Seite um Seite. Für den Menschensohn, für die Verkörperung Gottes – und „Verkörperung“ ist auch Nothombs Stichwort. Jesus liebt das Leben, das ihn der seine gelehrt hat, das Genießen von Speis‘ und Trank und Sex, das Erspüren des Regens auf der Haut, und die Freude an seiner Lieblingsbeschäftigung: sich lang ausstrecken und ausruhen.

Für den körperlosen Vater hat der gotteslästerliche Sohn in seinen schwersten Stunden viel Spott übrig, „tiefe Wahrheiten erfährt man nur, wenn man dürstet, liebt oder stirbt – drei Zustände, die einen Körper voraussetzen. Die Seele ist keineswegs ausreichend“, sagt Jesus, und unterstellt dem Geistwesen aus der Genesis, um es umgangssprachlich zu formulieren, wie ein Blinder von der Farb‘ zu reden. Eine wahrhaft göttliche Idee, ist es doch auch sein Körper, der Jesus zum Wundertäter macht.

Er schaltet den Kopf aus, ein Akt der zeitweiligen Selbstauslöschung, damit sie geschehen können, sein liebstes in der Rückschau die Hochzeit von Kana, wo der Wein ausging, und die Mutter, den Sohn, den sie sonst so gern „normal“ gehabt hätte, zur Wohltat anstachelt: „Wo war das Problem? Dann war das saure Gesöff halt aus! Meine Güte! Frisches Wasser stillt den Durst ohnehin besser“, meint er, bis ihn die Mutter, wie jede eine bevormundende, zwingt. „Fast hätte ich laut aufgelacht. Das also hielt mein Vater für die passende Gelegenheit, mir diese Gabe zu offenbaren: dass der Wein ausgegangen war. Er hatte schon einen speziellen Humor!“

Beim Prozess werden die Hochzeiter über diese „Erniedrigung“ vor ihren Gästen klagen, Jesus hätte viel zu spät seine Pflicht der Wandlung getan, auch alle anderen, die seine Gnade erfahren haben, beschweren sich, der vormals Besessene von Kapernaum, dass sein Leben nun belanglos sei, der Aussätzige darüber, dass jetzt die Almosen ausblieben, sogar der Fischereiverband vom See Genezareth tritt auf. „Herr, schütze mich vor den Rechtschaffenen“, ist an dieser Stelle ein persönliches Stoßgebet – und Jesus denkt: „Was ist schon das Rätsel des Bösen, gemessen am Rätsel der Gemeinheit.“

Bild: pixabay.com

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Um sich von der Angst vorm Kommenden abzulenken, geht Jesus das biblische Personal durch. Den über den in der Gerichtsverhandlung verzapften Unfug empörten Pilatus. Petrus, den er nicht erwählt hat, weil er der Klügste, sondern weil er ein „beeindruckender Koloss“ ist, dem die Leute zuhören. Judas, dieses „Problem auf zwei Beinen“: „Wahrscheinlich haben wir alle so einen Freund, bei dem sich die anderen fragen, wieso“, denkt Jesus – und weiter: „An welchem Baum hat Judas sich erhängt?“ Apfel oder Feige?

Seine geliebte Mutter und Josef, „zwei hoffnungslos gute Seelen“, beides bessere Menschen als er, den Gier, Lust und Zorn beutelten, Josef, der versuchte, ihm die Kunst der Zimmerer beizubringen: „Er wurde nie böse, aber sah manchmal ziemlich fassungslos drein!“ Die Geliebte. Magdalena, an deren Schönheit und Stimme er sich erinnert, und an anderes, Unanständiges. Nur so viel: „Sie sagte immer: ,Lass uns in Liebe schlafen!‘, schmiegte sich wie ein Löffelchen an mich und schlief sofort ein. Sie hat mich gelehrt, dass Schlafen ein Akt der Liebe ist.“

„Der große Unterschied zwischen meinem Vater und mir ist, dass er die Liebe ist und ich liebe“, ist einer der schönsten Sätze der Nothomb für ihren Jesus, der am Kreuz jubiliert, weil der Vater nichts weiß von der vollkommenen Hingabe, die zwei Seelen und zwei Körper vereint. Die letzte Versuchung nach Nothomb ist nicht Kazantzakis‘ Satan, sondern irdische Innigkeit. Ein Herabsteigen vom Folterwerkzeug, kein Sühnen fremder Sünden, das noch dazu vergeblich gewesen sein wird, Flucht mit der Frau, in die Anonymität und Banalität eines Allerweltslebens. Aber ach. „Aus Liebe zu seiner Schöpfung hat mein Vater mich meinen Henkern ausgeliefert. Gibt es eine perversere Art des Liebesbeweises? Ich opfere mich zum Wohle aller. Das ist doch abartig!“

Das Ecco homo ist unausweichlich. Dornenkrone, Geiselung, Golgatha, Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern und der belustigten Befürchtung, er könnte zusammenbrechen und sterben, bevor er an der Richtstätte angekom-men ist, und so alle himmlischen Pläne zunichtemachen. „Mein Vater, der mich nie erhört, beweist mir auf seltsame Weise, wie soll ich sagen, nicht seine Solidarität, schon gar nicht sein Mitgefühl, nein, ich kann es nicht anders nennen: seine Existenz“, denkt Jesus unter unsäglichen Qualen. Und kommt zum Schluss darüber, was nicht erst seit Monty Python die Menschheit bewegt: „Der Sinn des Lebens besteht darin, nicht zu leiden.“

Zugegeben, ein bisschen mühsam ist dieser Sermon mitunter, der an einigen Stellen klingt, wie der eines im Palastkäfig gefangenen Royal. Was Jesus ja in gewissem Sinne auch ist. Wenn er die dichterischen Freiheiten der Evangelisten tadelt, wenn er aus seiner Sicht zukünftige Dichter und Denker zitiert. Immerhin ist diese nervige Allwissenheit ans Herz gehend, wenn er sagt, dass ihm durch die Jahrhunderte die von den Künstlern geschaffenen Pietàs allemal lieber sind als die blutrünstigen Kreuzigungsszenen.

Nothombs „Passion“ ist der kalkulierte Affront eines Christus‘, der begreift, dass er erst dann vom Kreuz steigen wird, wenn nicht Gott, sondern er selbst sich vergeben hat. Bei zeitgleicher Entschuldigung, dass all die markigen, vor Sarkasmus triefenden Sätze ein letztes zwischen Marter und Ohnmacht liegendes Aufbäumen sind. Doch wie ihm mehr als 2000 Jahre, Kreuzzüge, Hexenverbrennungen, eine Inquisition, später widersprechen, wenn geschrieben steht: „Ich habe den größten und gefährlichsten Unsinn der Geschichte zu verantworten.“ Oder: „Deine Erfindung ist dir über den Kopf gewachsen, Vater.“ Da ist die Autorin deutlich zugegen, ihr Glaubens- bekenntnis dargelegt in diesen knappen Formulierungen, denn nur wer ernsthaft glaubt, wird kritisieren.

Solcherart ist der Durst wieder da. Soif. Und wird im Wüstenland, im wüsten Land zum spirituellen. „Wahrlich, ich sage euch: Was ihr empfindet, wenn ihr dürstet, das sollt ihr hegen und pflegen. Es ist ein Quell der Mystik … Wenn ein Dürstender den Wasserbecher an die Lippen setzt – dieser unbeschreibliche Moment ist Gott … Die Liebe, die ihr in diesem Moment für das Wasser empfindet, ist Gott. Ich bin der, der gekommen ist, um diese Liebe zu allem Seienden zu haben. Das bedeutet es, Christus zu sein.“

Amélie Nothomb. Bild: © Catherine Cabrol

Über die Autorin: Amélie Nothomb, geboren 1967 in Kobe, Japan, hat ihre Kindheit und Jugend als Tochter eines belgischen Diplomaten hauptsächlich in Fernost verbracht. Seit ihrer Jugend schreibt sie wie besessen. In Frankreich stürmt sie mit jedem neuen Buch die Bestsellerlisten und erreicht Millionenauflagen. Ihre Romane erscheinen in 39 Sprachen. Für „Mit Staunen und Zittern“ erhielt sie den Grand Prix de l’Académie française, „Die Passion“ war 2019 für den Prix Goncourt nominiert. Amélie Nothomb lebt in Paris und Brüssel.

Diogenes Verlag, Amélie Nothomb: „Die Passion“, Roman, 128 Seiten. Übersetzt aus dem Französischen von Brigitte Große.

www.diogenes.ch          www.amelie-nothomb.com

  1. 11. 2020