Barbara Sukowa und Martine Chevallier in „Wir beide“

Oktober 28, 2020 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Recht auf späte Liebe

Martine Chevallier und Barbara Sukowa. Bild: © Paprika Films

Nach außen hin ist alles klar, und Nina nur die Nachbarin von nebenan. Tatsächlich aber ist Nina für Madeleine die große Liebe. Schon seit Jahren führen die Frauen eine geheime Beziehung und träumen davon, ein neues Leben in Rom zu beginnen. Wo man einander einst kennenlernte, die Französin und die Deutsche, beide sind sie jenseits der Siebzig, und es soll keine Rolle mehr spielen, was die Leute denken.

Doch Madeleine kann sich nicht überwinden, ihrer Familie die Wahrheit übers „Wir beide“, so der Titel des Films, der am 16. Oktober im Kino anläuft, zu sagen. Für ihre erwachsenen Kinder ist sie die aufopferungsvolle Witwe und Groß-/Mutter, und Nina, die eigentlich längst bei Madeleine wohnt, bleibt bei deren Auftauchen nur das leise Retourschleichen in ihr eigenes, logischerweise ziemlich leeres Apartment. Da schlägt das Schicksal zu. Madeleine erleidet einen Schlaganfall, Nina findet die Geliebte bewusstlos in der Küche – über die nun plötzlich andere verfügen: die Tochter, die Ärzte, eine kurzerhand engagierte 24-Stunden-Pflegekraft. Nur Nina ist von Madeleines Leben ausgeschlossen …

Wie schön und klar und unprätentiös Comédie-Française-Schauspielerin Martine Chevallier und Filmstar Barbara Sukowa dies Paar spielen! Die Enttäuschung, die Entschuldigung, in Sukowas Gesicht dieses „Bitte offenbare dich für deine Frau!“, die Angst vor Enttarnung, die Angst vorm Verlust. Der junge italienische Regisseur und Drehbuchautor Filippo Meneghetti hat aus dem Stoff, den er im Wohnhaus eines Freundes so ähnlich beobachtete, ein sutiles Psychodrama für Herz und Hirn gemacht.

Erste Szene: Zwei Mädchen spielen an einem Parkweg unter Bäumen Verstecken, und schon ist das eine verschwunden, hat sich in Nichts aufgelöst, und das andere zweifelt an seinen Sinnen ebenso wie der Zuschauer. Später wird sich dies Ereignis als Ninas Albtraum erweisen, und dieser unheimliche, ästhetisch wie vom Arthouse-Horror inspirierte Beginn prägt fortan die Dramaturgie von „Wir beide“. Kameramann Aurélien Marra gestaltet dazu die passenden Bilder, größte Nähe bei völliger Distanz, etwa wenn Nina durch den Türspion über den Gang hinüber zu Madeleines Wohnung linst, Licht fällt durchs Oberlicht, was passiert dort drüben? Oder auch, wenn deren Tochter, César-Preisträgerin 2019 Léa Drucker als Anne komplettiert das Damentrio, der Mutter verbissen die Haare föhnt.

Léa Drucker und Martine Chevallier. Bild: © Paprika Films

Martine Chevallier. Bild: © Paprika Films

Martine Chevallier und Léa Drucker. Bild: © Paprika Films

Barbara Sukowa. Bild: © Paprika Films

Zuerst aber sieht man die Sukowa und die Chevallier via Badezimmerspiegel Zärtlichkeiten tauschen, kochen, zu Betty Curtis‘ „Chariot“-Version tanzen, berührend ist das, intim, niemals voyeuristisch. Die Charaktere entfalten sich, Madeleine ist eine stille, zaghafte Frau, deren Wohnung auf die Geschichte ihrer Ehe und die Bürde familiärer Bindungen verweist, die zupackende Nina eine energische Kämpfernatur, deren provokant provisorische Nichteinrichtung regelrecht darauf pocht, endlich Richtung Rom aufzubrechen. Der von Marra ausführlich gefilmte Gang ist gleichsam Verbindungsschnur wie Demarkationslinie.

Barbara Sukowa zeigt in diesem Kammerspiel ums Recht auf die späte, hier lesbische Liebe ihre ganze große Schauspielkunst, ihr Spiel dabei so intensiv wie zurückgenommen. Sukowa gleicht einem brodelnden Vulkan, um dessen baldigen Ausbruch man fürchten muss. Wie sie allein im gemeinsamen Bett liegt und ungesehene Tränen weint, wie sie einsam unter Bäumen auf der Parkbank sitzt, da ist mit Verzögerung der Albtraum wieder, wie Meneghetti generell vieles erst im Nachhinein entschlüsselt. Welch Szene, als die Kinder in Madeleines Wohnung kommen, um ein paar Sachen zusammenzupacken, Nina verbirgt sich schnell, da sind zwei Zahnbürsten? Sie nehmen beide mit.

Martine Chevallier und Barbara Sukowa. Bild: © Paprika Films

Sorgen, Warten, Hoffen, Harren, Schlaflos-Sein, Meneghetti ergreift bedingungslos Partei für sein Liebespaar, dafür baut er seinen grandiosen Darstellerinnen eine Bühne – Kinder verlangen von den Eltern irgendwann, sie ziehen zu lassen, warum gilt das nicht vice versa, ist die Frage, die er aufwirft, und die danach, was man eigentlich tatsächlich vom Nächsten, vom Nachbarn weiß. Und apropos: Welch ein Plädoyer für Partnerschaft jenseits aller Fragen nach Geschlecht, Herkunft, Hautfarbe, Religion.

Was Wunder, hat man als persönlichen Soundtrack zu diesem Film Jaques Brels „Ne me quitte pas“ im Ohr. Und wieder die Traumsequenz: Sukowa rettet das verlorengegangene Mädchen aus dem Wasser. Nina geht’s also an. Nämlich Pflegerin Muriel – Schauspielerin Muriel Benazeraf – zu beschwatzen, sich als Hilfe anzubieten. Muriel, die die aufdringliche, fremde Frau erst bedrohlich findet, ja, die Sukowa kann tragikomisch-schwarzen Humor, bevor sie zur ersten Eingeweihten wird. Während Nina noch mit ihrem „Geh‘ hinüber und sag‘ es ihnen!“ ringt, und Muriel von Anne höchst unhöflich behandelt wird – eine Minidrama sozialer Diskrepanzen, das Meneghetti hier aufwirft, und das ist Österreich, siehe #Corona-Alarm um rumänische Pflegerinnen, nicht anders ist.

Die Anne von Léa Drucker stattet Meneghetti mit der typischen Ambivalenz des Nicht-Wissen-Wollens aus. Nie hat sie sonderlich interessiert, was Mutter so treibt, jetzt findet sie Album um Album voller Urlaubsfotos von Madeleine und Nina. Das ist, als hätte sie sie „im Bett erwischt“, empört sie sich in einer Moral-Vorstellung. Und merkt gar nicht, dass sie ihre Mutter dem Leben geradezu entreißt, Martine Chevallier, die mit ihrem stummen Spiel besticht, den Blick ins Nirgendwo gerichtet und auf einmal wache Augen, wenn in der Diskussion rund um sie für Madeleine wichtige Themen angesprochen werden.

Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, heißt es, und Nina wird am Schluss ein Husarenstück wagen, dessen Ende Meneghetti offen lässt – was an dieser Stelle das Beste ist, das seinen Protagonistinnen und dem Publikum passieren kann.

www.weltkino.de/filme/wir-beide

15. 10. 2020