Kunsthalle Wien: Želimir Žilnik. Shadow Citizens

Oktober 17, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Große Schau über den serbischen Filmschaffenden

Želimir Žilnik: Tito zum zweiten Mal unter den Serben (Filmstill), 1994, Courtesy der Künstler

Die Kunsthalle Wien zeigt ab 24. Oktober „Želimir Žilnik. Shadow Citizens“. Die Ausstellung gibt Einblick in das radikale Filmschaffen und umfangreiche Werk von Želimir Žilnik. Seit seinen Anfängen in der lebendigen Amateurfilmszene, die sich in den 1960ern in Jugoslawien entwickelte, hat Žilnik mehr als 50 Filme gedreht, darunter zahlreiche Spielfilme und Fernsehproduktionen, die oft der Gattung Dokumentardrama zuzurechnen sind. Seine Arbeiten fanden schnell internationale Anerkennung; mit „Frühe Werke“ gewann er 1969 auf der Berlinale den

Goldenen Bären für den besten Langfilm. Als seine Filme in den 1970ern auf politischen Widerstand stießen, verließ er Jugoslawien und ließ sich in Westdeutschland nieder, wo mehrere Independent-Filme entstanden, darunter einige der ersten Filme, die sich mit dem Thema Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter auseinandersetzten.

Auch in Deutschland sah er sich politischen Anfeindungen und Zensur ausgesetzt und kehrte nach Jugoslawien zurück, wo er in den 1980ern zahlreiche Fernseh- und Spielfilme drehte, in denen er die ersten Anzeichen der wachsenden gesellschaftlichen Konflikte in seinem Heimatland einfing. In den 1990ern und 2000ern entstanden Filme, die die Schattenseiten der postsozialistischen Umwälzungen und Migrationsfragen behandelten. Viele von Žilniks Filmen nahmen auf geradezu prophetische Weise reale Entwicklungen vorweg, etwa den Zerfall Jugoslawiens, den wirtschaftlichen Übergang vom Sozialismus zu einer neoliberalen Ordnung, die Beseitigung von Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerrechten und die umfassende Zersetzung gesellschaftlicher Strukturen in den Bereichen Arbeit und Migration.

Želimir Žilnik: Marble Ass (Produktionsfoto), 1995, Courtesy der Künstler, Bild: Miodrag Milošević

Želimir Žilnik: Freiheit oder Comicstrip (Produktionsfoto), 1972, Courtesy der Künstler, Bild: Andrej Popović

Želimir Žilnik: Frühe Werke (Produktionsfoto), 1969, Courtesy der Künstler, Bild: Andrej Popović

Želimir Žilnik: Das schönste Land der Welt (Filmstill), 2018, Courtesy der Künstler

Der Titel der Ausstellung, „Shadow Citizens“, spiegelt Žilniks jahrzehntelanges Bemühen wider, die Aufmerksamkeit der Zuschauerinnen und Zuschauer auf unsichtbare, unterdrückte, unterrepräsentierte und verzerrt dargestellte Mitglieder der Gesellschaft zu lenken. Die Ausstellung ist eine erweiterte Neuauflage einer 2018 gemeinsam mit dem Edith-Russ-Haus für Medienkunst in Oldenburg entwickelten Schau, die später auch in der Galerie Nova in Zagreb zu sehen war.

Die Wiener Fassung der Ausstellung ergänzt einen von Ana Janevski kuratierten Forschungsstrang, der jenen Kontext in den Blick nimmt, in dem Žilnik sein Handwerk erlernte: die Amateur-Kinoklubs, die es damals in vielen jugoslawischen Städten gab. Diverse Filme, die in den 1950er- und 1960er-Jahren in den Klubs in Zagreb, Belgrad, Ljubljana und Split entstanden, verdeutlichen, wie eng deren Aktivitäten mit dem stark auf die internationale Avantgarde ausgerichteten GEFF – Genre Experimental Film Festival verknüpft waren, das von 1963 bis 1970 in Zagreb ausgerichtet wurde.

Želimir Žilnik: Eine Frau – ein Jahrhundert (Produktionsfoto), 2011, Courtesy der Künstler (li. im Bild), Bild: Sarita Matijević

Neu in dieser Version von Shadow Citizens ist zum anderen ein in enger Zusammenarbeit mit Žilnik entstandener filmischer Essay des Kurators Jurij Meden. Er wirft ein Schlaglicht auf die Berührungspunkte zwischen Žilniks Werk und dessen weiterem filmhistorischen Kontext. Im Rahmen der Zusammenarbeit der Kunsthalle Wien und der Viennale wird während des Festivals eine Auswahl von Žilniks Filmen gezeigt. Zum Abschluss der Ausstellung wird im Jänner ein gemeinsam mit dem Österreichischen Filmmuseum organisiertes Filmprogramm den Schwerpunkt auf einen bisher vernachlässigten Aspekt von Žilniks Schaffen legen: seine Arbeiten für das Fernsehen aus den 1980ern.

kunsthallewien.at

17. 10. 2020