Jüdisches Museum Wien: Die Wiener in China. Fluchtpunkt Shanghai

Oktober 17, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

In Little Vienna gab’s sogar ein „Weißes Rössl“

Shanghaier Straßenszene, ca. 1940. © Sammlung Klomfar, Bild: Hans Basch

Das Jüdische Museum Wien begleitet ab 21. Oktober seine Besucherinnen und Besucher auf eine Reise nach Shanghai. Die Ausstellung „Die Wiener in China“ widmet sich der Geschichte von Wiener jüdischen Familien, für die Shanghai zu einem Ort der Hoffnung wurde. In der völlig fremden Umgebung bauten sie sich ihr „Little Vienna“ auf, von Cafés, Konditoreien bis hin zum Heurigen. Das Jüdische Museum eröffnet Einblicke in dieses in Vergessenheit geratene Kapitel Wiener

jüdischer Geschichte und stellen die Familien vor, die dieses Viertel in Shanghai aufgebaut und getragen hatten. Bereits unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich im März 1938 wurden Jüdinnen und Juden ausgegrenzt, gedemütigt und verfolgt. Die Möglichkeiten, das Land zu verlassen, waren gering. Schikanen, Zurücklassung jeglichen Besitzes und die Tatsache, dass viele Länder ihre Grenzen abschotteten, erschwerten die Aussichten zur Flucht. Shanghai war eine internationale Sonderzone, für die kein schwer zu erlangendes Visum nötig war, dennoch verlangten die deutschen Behörden ein Ausreisepapier, gleich ob Visum oder Schiffsticket. Dr. Feng Shan Ho, der Generalkonsul Chinas in Wiens, stellte gegen den Willen der chinesischen Regierung tausende dieser rettenden Visa aus.

Damit stellte Shanghai, die „Stadt über dem Meer“, für viele österreichische Juden und Jüdinnen die letzte Hoffnung auf Zuflucht dar. Die Reise dorthin bedeutete eine wochenlange Überfahrt auf dem Seeweg oder eine beschwerliche Reise auf dem Landweg über Sibirien. Die Ankunft war für alle ernüchternd. Direkt von den Schiffen, die noch einen Hauch von Bequemlichkeit geboten hatten, wurden die Neuankommenden auf Lastwagen verfrachtet. Die meisten hatten kein Geld für eine Unterkunft, so wurden sie in lagerartigen Heimen untergebracht, in denen es kein Privatleben mehr gab.

Yeshiva Students in einer Hongkew Lane. Das Schild bewirbt eine private Primary School. © Horst Eisfelder

Der kleine Harry Fiedler vor dem Tongshan Café, ca. 1945. © USHMM, Bild: Eric Goldstaub

Kinderfreundschaft in der Chusan Road in Hongkew, 1939. © Peggy Stern Cole, Bild: Melville Jacoby

Die Unterbringung erfolgte in riesigen Schlafsälen mit mehr als einhundert Betten und wenigen kargen Gemeinschaftsräumen. Eltern wurden von Kindern getrennt, und oft mussten auch Ehepartner in voneinander getrennten Sälen schlafen. Die neue fremde Heimat stellte die Geflüchteten vor große Herausforderungen. Auch das ungewohnte Klima, verbunden mit Krankheiten, war eine Belastung. Zudem kam die Sprachbarriere und der völlig neue Kulturkreis hinzu.

Die Wiener Jüdinnen und Juden wollten so rasch wie möglich auch in der vollkommen ungewohnten und schwierigen Umgebung ein neues Leben beginnen und bauten sich ein kleines Wien mitten in Shanghai auf. In „Little Vienna“ gab es neben Restaurants wie dem „Weißen Rössl“ Kaffeehäuser mit Wiener Mehlspeis- und Kaffeespezialitäten, Würstelstände und Heurigen. Sportvereine und Zeitungen wurden gegründet, und die vielen geflüchteten Künstler und Künstlerinnen sorgten für ein vielfältiges Angebot an Musikabenden, Operetten, Kabarett- und Theateraufführungen.

Peking Road, Shanghai. © Jüdisches Museum Wien

Geschäft Vienna Handbags, 1939. © Peggy Stern Cole, Bild: Melville Jacoby

Eingang zum Hongkew Ghetto, Shanghai, April 1946. © Arthur Rothstein

Hans Jabloner (3. v. links) und Fritz Strehlen (4. v. links) vor ihrem Lokal „Fiaker“, Shanghai, ca. 1939. © Sammlung Jabloner

Mit der Einnahme Shanghais durch die mit dem Deutschen Reich verbündeten Japaner 1941 begannen sich die Lebensbedingungen kontinuierlich zu verschlechtern. 1943 wurde die Einrichtung eines Ghettos im heruntergekommenen Stadtviertel Hongkew beschlossen. Die hygienischen Verhältnisse und schlechte Versorgungslage führten zu Hunger und Krankheit. Ursprünglich aus dem Mittleren Osten stammende, und seit dem 19. Jahrhundert in Shanghai ansässige jüdische Familien, wie die Kadoories und Sassoons, sorgten gemeinsam mit anderen Hilfsvereinen, wie dem Amerikanischen JOINT, für die Versorgung mit Lebensmitteln und den Erhalt von Schulen.

Nach dem Sieg der Alliierten und dem Einmarsch der US-Armee 1945 begann für viele die Planung einer Rückkehr. Mit der bevorstehenden Einnahme Shanghais durch Mao-Zedong, verließen auch die letzten Jüdinnen und Juden die Stadt in Richtung USA, Kanada, Australien oder Israel. Einige kehrten wieder in ihre Heimatstadt Wien zurück. Durch die Ermordung und Zerstörung des europäischen Judentums bedeutete ihre Rückkehr nach Wien einen völligen Neuanfang in einer veränderten Welt.

www.jmw.at

17. 10. 2020