„Aus Liebe“ am Theater in der Josefstadt

Mai 17, 2013 in Bühne

Peter Turrini leistet sich ein starkes Stück

Annika Borde (Flora), Ulrich Reinthaller (Michael Weber), Sandra Cervik (Elfriede Weber) Bild: © Sepp Gallauer

Annika Borde (Flora), Ulrich Reinthaller (Michael Weber), Sandra Cervik (Elfriede Weber)
Bild: © Sepp Gallauer

Die Bühne ins Dunkel gehüllt. Hinten, auf einer Bank an der Wand aufgereiht, 18 Schauspieler. Sie werden diese Bühne eineinhalb Stunden lang nicht verlassen. Ein Zeichen. Denn ihre Figuren sind alle Teil des Wahnsinns, der sich in den kommenden 90 Minuten entwickeln wird. Nestroypreisträger Peter Turrini hat sich ein starkes Stück geleistet, „Aus Liebe“, von Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger am eigenen Haus zur Uraufführung gebracht. In 22 Szenen, Short Cuts, erzählt das Theater-Dream-Team von – uns. Wirft einen alles durchdringenden Blick durchs Kaleidoskop der Gesellschaft und zeigt, woran sie krankt. Alltagsaggression, Job-Frust, Einsamkeit, (zumindest subjektiv empfundene) Ungerechtigkeit durch Vorgesetzte, die das Sagen haben, Fremdbestimmtsein, sozialer Abstieg durch Arbeitsplatzabbau oder Angst vor diesem, Schulden, Politikverdrossenheit  … Es brodelt im Druckkochtopf, in dem der Mensch gar nicht langsam gar wird. Doch die meisten finden einVentil. Ein österreichisches, das – je nach Temperament – von Schimpfen bis Schreien reicht. Nur einer findet nichts … außen den „letzten Ausweg“. Ein dramatisches Meisterwerk. Nach vielen sehr gelungenen Goldoni-Bearbeitungen endlich wieder eine Stellungnahme zur Zeit. Sag’s uns rein, Turrini! Schonungslos. Wenn jeder eine Bestimmung hat, ist das die deine.

Am Anfang war … eine wahre Tragödie. Ein Mann, der Frau und Kind mit der Axt erschlug, und in Verhören angab, er hätte es „aus Liebe“ getan. Als Befreiung von dieser schlechten Welt. Sich selbst hinterher zu schicken, war er, wie viele in derlei Situationen, zu feige. Ulrich Reinthaller verkörpert einen Charakter der Art: Michael Weber, Parlamentsmitarbeiter, gutsituiert, in gutes Tuch gekleidet, gebildet, mit wunderschöner Ehefrau Elfriede (Sandra Cervik) und entzückender Tochter Flora (Annika Borde). Turrini bleibt – dies war von Beginn der Arbeit an seine Prämisse – eine Erklärung, eine „Entschuldigung“ für den Doppelmord schuldig. Kalt inszeniert das Föttinger, mit einem die meiste Zeit emotionslos schweigenden, verzweifelt stoischen, seine Bedrücktheit unterdrückenden Reinthaller (nur als bei der Polizei die Rede auf sein Kind kommt, zuckt er kurz aus). Die Kälte- oder Schockstarre überträgt sich aufs Publikum, das am Ende einen Moment braucht, um aus der Unterkühlung aufzutauen und in frenetischen Jubel auszubrechen.

„Aus Liebe“ ereignet sich an einem Tag. Ein Tag, an dem Weber quer durch die Stadt all das Negative aufsaugt, von dem sich die anderen dank Gefühlsausbrüchen befreien. Tief auf Tief, Schlag auf Schlag. Da ist Ella Bischof (Marianne Nentwich), die Gutbürgerliche, die fremden Herren in der Aida halbe Torten wegisst, weil sie sich mit dem verstorbenen Gatten auch immer eine geteilt hat. Da ist der Axt-Verkäufer im Baumarkt (Oliver Huether), der wie alle Kollegen von der Fachkraft zum Regalbetreuer heruntergestuft wurde. Ein Drittel Gehalt weniger, weil der Chef moderne Kunst sammelt. Da ist die gekündigte, weil zu alte, ergo „teure“ Personalreferentin (Isabella Gregor), die sich bei Weber als Gelegenheitsprostituierte versucht, und die echte Nutte, die Hawlicek (Susanna Wiegand), der die Ostkonkurrenz den Stammplatz streitig macht. Jeder Debile kriege einen Sozialarbeitsplatz, jeder Häfnbruder einen Flachbildschirm – und sie?

Da ist Sozialhilfeempfängerin Hilde Böhmdorfer (Raphaela Möst), der das Sozialamt wegen Armut ihre drei Kinder weggenommen hat, und die droht mit der Story ins Fernsehen zu gehen. Und da ist Pressefotograf Wendelin (Friedrich Schwardtmann), der seinen alten Politspezi  „Michl“ im Landl bittet, die Hände so zu heben, dass er eine Axt hineinkopieren kann. Ein Exklusivbild, bitte. Weil, die Zeitungen fordern ja jetzt sogar die Leser auf, Handyfotos einzuschicken. Sein Beruf „löst“ sich auf … Ein Gefängnisgroopie wartet auch schon auf den Weber (um 23 Uhr irgendwas, Ort und Uhrzeit werden auf einem Leuchtband über der Bühne eingeblendet, eine surreale Szene). Ein einzig Glückliche scheint „Sandler“ Siegfried Walther. Freedom’s just another word for nothin‘ left to lose. Der liebe Gott (Kurt Sobotka) ist natürlich auch da. Auf der Baumgartner Höhe. Ohnmächtig, unwissend, aber gütig. Nur interessiert er keinen mehr. Und kann vielleicht auch deshalb Flora am Schluss nicht mehr ihre Bitte erfüllen und sie zum Leben erwecken. Maroltingergasse, alles aussteigen!

Ein Glück, dass wenigstens die Polizei (Heribert Sasse, Martin Zauner und Ljubiša Lupo Grujčić) für ein wenig Humor sorgt. Beim Üben von Wiener Sprüchen: „Wer lang sudert, wird ned ….“ Beim Rauchen. Oder beim Räsonieren, dass die Postler in die Wachstuben kommen. Dort übrigens die komischste Szene, als die Hawlicek, Frau Bischof und Weber gleichzeitig ihre „Anliegen“ vortragen und Sasse beamtisch-sachlich schöööön der Reihe nach vorgeht. Backware bleibt Backware und Beischlaf bleibt Beischlaf. Und Mord? Der Hausmeister ist leider telefonisch nicht erreichbar … Christian Brandauer untermalt all diese tragikomischen Szenen mit Musik. Ein großartiger, „denk“würdiger Abend. Und einer, der einmal mehr zeigt, über welch wunderbares, aufeinander eingespieltes Ensemble die Josefstadt verfügt.

www.josefstadt.org

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ojVBm1S32q8

www.mottingers-meinung.at/peter-turrini-im-gesprach/

www.mottingers-meinung.at/ulrich-reinthaller-im-gesprach/

Von Michaela Mottinger

Wien, 17. 5. 2013