Theater in der Josefstadt: Geheimnis einer Unbekannten

Oktober 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt von vorgestern

Martina Ebm und Michael Dangl. Bild: Moritz Schell

Der erste Eindruck, charmant, wenn auch aus der Zeit gefallen, ein Kammerspiel im bewährten Josefstädter Salonton, vertieft sich zur in den Eingeweiden grummelnden Verärgerung – dies als Gegengefühl zur Protagonistin, der beständig ein Schwarm Schmetterlinge im Bauch flattern …

Der hochdekorierte Christopher Hampton ist wieder einmal in Wien angelandet, im Gepäck seine Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle „Brief einer Unbekannten“, als Bühnenfassung nun „Geheimnis einer Unbekannten“ genannt, von Daniel Kehlmann übersetzt, von Hampton höchstselbst inszeniert – und, nein, nicht böse sein, so geht’s wirklich nicht. Woran nicht allein Zweig und seinem Frauenbild von vorgestern die Schuld aufzuladen ist …

Da gibt es also dieses anonyme Schreiben, das ein Schriftsteller in seiner Post findet, die Nachricht einer Frau, ihn ein Leben lang und unerwidert geliebt zu haben, mehrere Begegnungen, bei denen er sie niemals wiedererkennt, ein gemeinsames und eben erst verstorbenes Kind, diese Zeilen, lässt sie ihn wissen, werde er erst nach ihrem Tod erhalten.

Der Autor versucht zu rekonstruieren, will sich erinnern, aber ach. So weit, so 1922, und diese Attitüde als weibliches Opfer kennt man bei Zweig, er hat es privat von Friederike Winternitz und Charlotte Altmann eingefordert. Jetzt aber: Theater!, Uraufführung mit Martina Ebm und Michael Dangl, eine Begegnung, eine Konfrontation, zwischen den als „Marianne“ und (bedeutsam!) „Stefan“ festgemachten Figuren muss das Inkognito fallen, ein Sich-Stellen – und … Fehlanzeige. Im makellosen Bühnenbild von Anna Fleischle findet derlei nicht statt. Hampton beginnt an der Stelle, an der sie längst „Kurtisane“ ist, vom distinguierten Upper-Classler in seine Wohnung gebeten, doch in der Mitte des Briefes entsteht kein Stück.

Folglich fast forward, das Ganze dauert eineinviertel Stunden, zum Schluss. Die Ebm in Edith-Piaf-„Je ne regrette rien“-Schwarz und im Schlepptau alle unverdauten Schicksalsschläge. Und nicht, dass man an dieser Marianne den Furor einer Rachegöttin erwartet hatte, aber dies jenseitig elegische Gesäusel: ER könne nichts dafür, ER könne für gar nichts irgendwas, ER sei eben wie er ist, ein leichtlebiger Gesellschaftsmensch und DER geborene Verführer, und sie, nur sie, heut‘ würd‘ man sagen: die von ihm besessene Stalkerin, trage Verantwortung für alles Gewesene … und dazu wimmern die Geigen mit Martina Ebm im Duett.

Man fragt sich, wozu diese Frau diesen Mann überhaupt aufsucht, man fragt sich, ob Ebm jemals Einspruch gegen diese Charakterauslegung erhoben hat. Dabei wär’s ein Einfaches gewesen, ein feiner Beiklang zu den Sätzen, ein Hauch von Anklageführen im Unterton, ein wenig Widerstand, ein wenig Wahnwitz, etwas in der Art von „… und Brutus ist ein ehrenwerter Mann“.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

„Es wird immer schmerzhafter“, sagt Michael Dangl an einer Stelle, und es ist nicht die erste, an der das Publikum unwillkürlich lachen muss. Dangl, der kann’s, der geht subkutan. Weder hat er den Schalk im Nacken noch den Schelm im Auge, doch irgendetwas ist an seinem lapidaren Spiel, das erahnen lässt, dass er die Chose nicht sonderlich ernst nimmt. Und wie er am Ende auf die Knie niederbricht und Michael Schönborn als Diener Johann „den gnädigen Herrn“ fragt, ob eh alles in Ordnung sei …

Für Dangl soll’s weiße Rosen regnen, die Ebm und er wagen sich engagiert und sympathisch an diesen Macho-Murks heran, was wäre das Theater in der Josefstadt ohne seine Schauspielerinnen und Schauspieler?, und ja, zwischen Ebm und Dangl weiß die Erotik zu knistern … Hamptons Marianne wählt derweil den Freitod. Nun müsste er sie nur noch auf dem Seziertisch des unehelichen Betts aufbahren.

Die Theaterwelt, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2020. Dies sind die Abenteuer des Theaters in der Josefstadt, das mit seiner Frau-und-Mann starken Besatzung unterwegs ist, um unbekannte und neu zu entdeckende Texte zu erforschen … Thalia, bitte schenke uns ein gelungenes „Konzert“!

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=RZYJJoEYtM4

  1. 10. 2020