Larry Beinhart: American Hero

September 26, 2020 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Buch zur US-Wahl: Wag The Dog – reloaded

Die Filmsatire mit Dustin Hoffmann und Robert De Niro kennt man, „Wag The Dog“ aus dem Jahr 1997, da war Bill Clinton US-Präsident, Operation Desert Fox und Monica Lewinsky noch ein bisschen hin – und das Demokraten-freundliche Hollywood nicht wirklich gewillt, seinem Kandidaten auf die Füße zu treten. Herauskam also eine vergnügliche schwarze Komödie über Macht und Medien und ein Staatsoberhaupt in Sex-Nöten. Brillant, zweifellos.

Aber: The Times They Are a-Changin‘, per 3. November bedroht Donald Trump die Welt damit, wiedergewählt werden zu wollen, und der Westend Verlag nahm dies zum Anlass, Larry Beinharts Roman und sehr frei verwendete Filmvorlage „American Hero“ 27 Jahre nach Erscheinen der amerikanischen Originalausgabe neu aufzulegen. Ein in jeder Hinsicht starkes Buch, von Beinhart versehen mit neuem Vorwort, dem neuen Schlusskapitel „Verschwörung“ und beachtlichen 30 Seiten Anmerkungen, Fußnoten, Erläuterungen, Hintergrundinformationen und Beinharts Reflexionen übers Selbstverfasste.

To cut a long story short: Gegen die Urfassung ist die Leinwandadaption ein Ausflug auf den Ponyhof. Beinhart – Nomen est omen. „Die Wahrheit zu sagen ist harte Arbeit. Und wird schlecht bezahlt. Und oft will sie niemand wissen“, sind die ersten Sätze des Journalisten und Autors, bevor er die Leser im Michael-Moore-Modus über die Person John Yoo aufklärt, einst jener Justizminister unter George W. Bush, dessen Memoranden die Anwendung von Folter rechtfertigten, Guantanamo, Abu Ghraib und diverse Black Sites, nunmehr Autor von Gastkommentaren wie dem in der New York Times: „Hütet euch vor einem Amtsenthebungsverfahren gegen Trump.“

„Wir leben in einer Welt mit zu wenig Wahrheit und zu vieler institutionalisierter Lügen. Das wiederum hat den Weg bereitet für Donald Trump, Boris Johnson, Viktor Orbán und ihresgleichen“, schreibt Beinhart. Und dies Andocken ans Topaktuelle ist wichtig, denn der politische Antiheld des Buches ist George Bush senior, der zum Ende der Amtszeit Nr. 51 um die Nr. 52 bangt. Die Umfragewerte des 41. Präsidenten der Vereinigten Staaten sind im Sturzflug, die Wiederwahl in Gefahr, der smarte Billy schon an der Schwelle zum Weißen Haus – und in der gemeinsamen Schlafkabine der Air Force One zeigt Außenminister Jim Baker seinem BFF „Bushie“, was er für einen schlechten Scherz hält. „Es war der Beginn einer zotigen Geschichte. Beide mochten sie Zoten“.

Die Obszönität ist ein letzter Brief des am Gehirntumor dahinsichenden Politberaters Lee Atwater, Macher von Ronald Reagan und George Bush senior und Mentor von Jim Baker und George W., und was er Bushie senior als Notfallplan vom Sterbebett aus vorschlägt, ist nichts Geringeres als ein Krieg. Ein Krieg als Medienereignis, ein siegreicher selbstverständlich, „den Amerika lieben kann – im Fernsehen“, geführt nicht von Generälen, sondern von einem Filmregisseur: „Zieh in den Krieg. Das ist die klassische Antwort auf unlösbare Probleme im Inland.“ Ein Schelm, wer nun an der Bushens liebsten Gegenspieler, den Irak, denkt, der im Roman tatsächlich seine Rolle bekommen wird, und auch wenn in den Trump-USA „nur“ rundumschlagende Verbalattacken und diese hierzulande gegen Asylwerber et al geritten werden, klar ist: ein Feindbild fürs Stimmvolk muss her.

So weit, so „Wag The Dog“. Der Dummie im Seehund-Pyjama, der Trumpisch lamentiert, dass ihm kein Respekt erwiesen werde, ist erst entsetzt, sieht bald aber: „Extremismus bei der Verteidigung hoher Werte ist keine Untugend.“ Schnitt. Und ein Wechsel der Schrifttypen von Böse zu Gut. Denn die beinhart erzählte Realsatire ist auch ein Krimi noir mit einem abgefuckten Privatdetektiv als Ich-Erzähler, ein Vietnamkriegsveteran, der sich in eine Love Story mit einem Hollywood-Vamp verstrickt, Joe Broz ♥ Magdalena Lazlo, „Maggie“, das ist wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall, und hervorragend ist, wie Beinhart zwischen seinen Parallelerzählungen im Tonfall wechseln kann,

Zum Ganzen kommt’s, weil der Star wissen will, was es mit einem aus fadenscheinigen Gründen abgesagten Filmprojekt mit ihr in der Hauptrolle auf sich hat, und warum sie seit ihrem Nachfragen von unbekannt in Furcht versetzt und eingeschüchtert wird. Der Leser weiß es mittlerweile, Regisseur John Lincoln Beagle wurde von oberster Stelle abgezogen, um sich dem größeren Projekt „Krieg“ zu widmen. Großartig ist nicht nur Beinharts enormer Rechercheaufwand, die Fakten, mit denen er seine Fiktion – wenn’s denn eine ist, erdet. Er entwirft ein Sittenbild der USA seit 1898, seit „Tearing Down the Spanish Flag“ von Blackton und Smith, malt es zum opulenten Schlachtengemälde aus, und verknüpft seine Heerschar an Nebenfiguren an ihren Nebenschauplätzen zum amerikanischen Quilt.

Strahlende Hollywood-Galas, düstere Spelunken, unglamouröse Bespitzelungen, Schauspiel- und Doppelagenten, Studiobosse, Namedropping ohne Ende – am schönsten ein Party-„Platoon“-Gespräch mit Tom Berenger, der Joe als „echt“ erkennt und von Maggies neuem Lover und „Manager“ hingerissen ist, fabelhafte Charaktere wie Maggies mürrische irische Haushälterin Mrs. Mulligan, Joes afroamerikanischer Frontfreund Steve und dessen halbwüchsiger Maggie-Fan-Sohn Martin, von Beinhart beißend o-tönend hingerotzte Klatschkolumnen und Politanalysen, Unterkapitel mit der Überschrift „Propaganda“.

Bild: pixabay.com

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Die WASPs, die Skull and Bones, die Golf spielenden Golfkriegsbetreiber, ein ganzes Geheimdienstgeschwader aus Bushs CIA-Zeiten, Panama-Intervention, Stichwort: Noriega, von den USA erst gemacht, dann gestürzt, der US-Sparkassenskandal von 1990, damals noch „die größte Pleite der Weltgeschichte“ genannt und George W. mutmaßlich darin involviert, texanischer Südstaatenspirit vs Denkmalstürmer, Skrupellosigkeit, Präpotenz, Geschichtsunwissenheit, Geschichtsklitterung – es ist eine Farce, die bis ins Heute reicht.

Von mehreren Seiten und einander immer wieder in die Quere kommend wird um John Lincoln Beagle ein umfassender Überwachungsapparat aufgebaut, der zum Schutz seiner neuen Aktivität auch vorm Äußersten nicht zurückschreckt, was seine Sekretärin Kitty zwar knapp überlebt, seinen Videothekar Teddy Brody allerdings zum Kollateralschaden macht. Alldieweil arbeitet Beagle am politisch Problematischen. Wer könnten die Schurken, der Schurkenstaat sein? „Vielleicht waren Terroristen die Lösung … Die Terroristen waren meistens Araber … Die Terroristen waren meistens Moslems. Die reaktionären Kräfte des Aberglaubens und der Unterdrückung des Ostens … Szenario: Der Präsident wird von Terroristen gekidnappt … Das Land zur Hysterie aufpeitschen … Wenn sie sich in Libyen verstecken, marschieren wir in Libyen ein. Syrien. Dann Syrien … Christen gegen Moslems! Voilà – Titel des Projekts: Die Kreuzzüge.“

Wie gesagt, eine literarische Farce – wenn’s denn eine ist. Wie viele sich todernst nehmende Filme in der Art es doch gibt: „White House Down“, „Air Force One“, „Olympus Has Fallen“, sogar Ben Kingsley in „Iron Man 3“ als Terroristen-Darsteller Trevor alias Mandarin. Sorgen um billige Statisten und teure Spezialeffekte hat Beagle nicht, sein Krieg wird wirklich sein, weiß er, „Menschen würden dabei sterben. Die Vorstellung erfüllte ihn mit einem Gefühl von Macht, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte.“ Und während Beinhart die Beziehung von Joe und Maggie zunehmend in den Filmeinstellungen eines Romantic Dramas schildert, und Joe endlich auf die Gleichung „John Lincoln Beagle arbeitet an einem Kriegsfilm minus Niemand wird für einen Film ermordet ist gleich John Lincoln Beagle arbeitet an einem Krieg“ kommt, der Leser längst auf dem Wissenstand eines Sachbuchs ist, fallen herrlich gruselige, zum Lachen, wenn’s nicht so wäre – Sätze:

„Auf den Krieg“, sagte Bush. „Auf einen guten Krieg.“ „Eines wüsste ich gern“, sagte Baker. „Gegen wen ziehen wir in den Krieg?“ „Ich weiß nicht. Das ist noch in Entwicklung.“ / „Amerika braucht einen Krieg, um sich daran zu erinnern, wie es ist zu siegen. Die nächste Generation muss in der Schlacht geprüft werden, muss siegen und weitermachen, mit Zuversicht und Stolz.“ © Medienmogul David Hartmann. Man kreiert ein Szenario à la Super- bowl, Phase des Anheizens, Play-offs, reingehen, den Feind schlagen, heimkehren, Siegesparade. Und weil die USA so wirklich siegreich nur im Zweiten Weltkrieg waren, soll ein zweiter Hitler aus dem Hut gezaubert werden.

„Das Schlachtfeld sollte im Nahen Osten oder in Nordafrika sein, sagte Beagle und erläuterte wieso. Dort gäbe es eine anständige Auswahl von Hitlers: Muammar al-Gaddafi, Hafiz alAssad, Saddam Hussein, Rafsandschāni oder – auch das muss man in Erwägung ziehen – ein neuer Ayatollah.“ „… genau, Saddam Hussein. Er ist ein Freund von mir“, sagte der Präsident verschmitzt. „Wir können zu Saddam Hussein sagen: ,Wie wär’s, wenn du z.B. Kuweit besetzt – du wirst in der arabischen Welt wie ein Held dastehen, so groß wie Hitler.‘ Dann gibt es Krieg, und möge der Beste gewinnen. Er mag einen guten Kampf.“ Deckname der Militäroperation: American Hero. Der Krieg, ein Medienrauschen, das wie ein zäher Brei alle Wahrheit erstickt.

Ein Wahlkämpfer, der andere der Fake News bezichtigt, während er selbst auf alternative Fakten setzt. Das ist so gut, das kann kein hardboiled Thriller erfinden. Larry Beinharts Abhandlung darüber, wer wen in der Hand hat, und wie Deutungshoheit die Machtverhältnisse bestimmt, ist das Buch zur Stunde. „Dies ist eine frei erfundene Geschichte“, endet Beinhart sein Buch, um dann eine Liste von 39 Ungereimtheiten anzufügen. Ob’s für Joe Broz – seine Name übrigens, das sei hier noch erwähnt, von Josip Broz Tito inspiriert – und Magdalena Lazlo ein Happy End gibt? Daumen drücken! Ebenso Wien am 11. Oktober und der Welt am 3. November.

Über den Autor: Larry Beinhart, geboren 1947, wuchs im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf und lebt heute in Woodstock. Er arbeitet derzeit als Journalist für den englischsprachigen Ableger von Al Jazeera und hat 2015 einen neuen Roman geschrieben: „Zombiepharm“, eine ausgesprochen witzige und kluge Satire auf das öffentliche und private Erziehungs(un)wesen nicht nur in den USA. Manipulation, PR, Propaganda in Wirtschaft und Politik sind als Themen all seiner Bücher stets im Hintergrund präsent.

Westend Verlag, Larry Beinhart: „American Hero“, Roman, 458 Seiten. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Peter Torberg und Jürgen Bürger.

www.westendverlag.de          Aktueller Kommentar von Larry Beinhart: www.westendverlag.de/kommentare/krieg-als-inszeniertes-medienereignis

BUCHTIPP zum Thema: Howard Jacobson: Pussy, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28269 oder wie der Observer schrieb: „Wenn Trumps Präsidentschaft irgendetwas Positives bewirkt hat, dann ist es die Tatsache, dass einer der besten Schriftsteller unserer Zeit diese geschliffene und gnadenlose Satire verfasst hat.“

  1. 9. 2020