mumok: Andy Warhol Exhibits a glittering alternative

September 18, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei Ausstellungen über die Pop-Art-Ikone

Andy Warhol: Self-Portrait, 1958. Licenced by Bildrecht Wien, 2020

Ab 25. September verschreibt sich das mumok mit zwei Ausstellungen dem Phänomen Andy Warhol. Statt der Präsentation altbekannter Klassiker blickt das mumok mit kaum gezeigten Arbeiten hinter die Fassade der weltberühmten Pop-Art-Ikone und entdeckt Warhols Fähigkeit als bahnbrechender Ausstellungskurator und Installationskünstler neu.

Mit den Ausstellungen „Andy Warhol Exhibits a glittering alternative“ und einer Hommage an Warhols wegweisendes Projekt „Raid The Icebox 1 with Andy Warhol“ gibt das mumok erstmals einen exemplarischen Überblick über die Ausstellungspraxis des Universalkünstlers, ohne dabei dessen Früh- und Spätwerk außer Acht zu lassen. Dieser Querschnitt eröffnet neue Perspektiven auf die vielfältigen,von Warhol eingesetzten Medien und zeigt, dass seine Präsentationsmodi als wesentliche Bestandteile seines Werkes zu verstehen sind.

Die Ausstellung wird demonstrieren, wie Warhol bereits in den 1950er-Jahren mit künstlerischen Strategien auf dem zweidimensionalen Blatt experimentiert und diese in den folgenden drei Jahrzehnten im dreidimensionalen Raum perfektioniert.

So präsentiert sich das Ausstellungsformat in Warhols Oeuvre weniger als finales „Werk“ denn als künstlerisches Medium. Während der traditionelle Werkbegriff einer statischen Auffassung des autonomen Kunstobjekts im Raum entspricht, nähern sich Warhols Einzelausstellungen immer mehr einer raumspezifischen Installation. Die Ausstellung fungiert als temporär isoliertes Modul, das je nach Kontext variiert und den Betrachter als interpretierende Instanz miteinbezieht.Es stellt sich daher nicht die Frage, ob Warhol als Illustrator, Maler, Bildhauer, Filmemacher, Installationskünstler oder Konzeptkünstler auftritt. Entscheidender ist die wechselseitige Beziehung zwischen Produktion und Präsentation.

Warhol geht über das einzelne Bild hinaus – er relativiert es – beschränkt sich nicht auf das Machen und Zeigen, sondern zielt auf eine allumfassende Präsentation ab, die sich von der raumspezifischen Hängung in Serien über den Ausstellungskatalog – der gleichsam selbst zum Werk wird – bis hin zur Eröffnungszeremonie erstreckt. Anstatt daher einen einzelnen Aspekt seines Werkes herauszuarbeiten – wie dies in derVergangenheit nur allzu häufig der Fall war – setzt sich die Ausstellung zum Ziel, mit mehr als 200 Exponaten Warhols modularen und installativen Arbeitsprozess in den Mittelpunkt zu rücken.

Andy Warhol, Michelle Loud: Mick Jagger, ca.1978,1986. © The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; © Founding Collection, Contribution The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.1998.1.2680/Licensed by Bildrecht Wien, 2020

Andy Warhol: Blow Job, 1964. 41 minutes at 16 frames per second. © 2019 The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, PA, a museum of Carnegie Institute. All rights reserved. Film still courtesy The Andy Warhol Museum

Andy Warhol: Mario Banana #1, 1964. © 2019 The Andy Warhol Museum, Pittsburgh, PA, a museum of Carnegie Institute. All rights reserved. Film still courtesy The Andy Warhol Museum

Andy Warhol, Michelle Loud: Unidentified Female, ca.1982,1986 (Detail) © The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; Founding Collection, Contribution The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.1998.1.2687/Licensed by Bildrecht Wien, 2020

Dass Warhol bereits zu Lebzeiten die Präsentation seines Frühwerks – also jener Werke, die vor 1962 entstanden sind – untersagte und deren Wahrnehmung in bewusster Manier steuerte, ist nur Wenigen bekannt. Beginnend mit der „Campbell’s Soup Can“-Schau in der Ferus Gallery 1962 konzentrierten sich die Folgeausstellungen der frühen 1960er-Jahre auf die Präsentation einzelner serieller Themen: „Campbell’s Soup Cans“, „Brillo Boxes“, „Flowers“, „Disasters“ und „Celebrity Portraits“. Andy Warhol kreierte ein für die Öffentlichkeit bestimmtes Image, das bis zum heutigenTag erfolgreich seine Rezeption prägt. Ein Image, das dringend einer kritischen, zeitgenössischen Perspektive bedarf.

„Andy Warhol Exhibits“ wirft einen Blick hinter das erwähnte öffentliche Image des Künstlers und rückt stattdessen bisher kaum beleuchtete Aspekte von Warhols Universum in den Fokus. So werden zwei Seiten seiner „Doppelpersona“– zum einen eine vielzitierte inszenierte, zum anderen eine von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene, versteckte Persönlichkeit – auf zwei Ebenen des mumok einander gegenübergestellt. Die Eingangsebene beschäftigt sich mit Warhols kuratorischen Intentionen und vorherrschenden Motiven/Abstraktionen der 1950er-Jahre.

Andy Warhol: Cow Wallpaper [Pink on Yellow],1966, Reprint1994.© The Andy Warhol Museum, Pittsburgh IA1994.7/Licensed by Bildrecht Wien, 2020

Andy Warhol: In the Bottom of My Garden, ca. 1956 Künstlerbuch. 2013 Udo und Anette Brandhorst Stiftung. Foto: Haydar Koyupinar Courtesy Bayerische Staatsgemäldesammlungen – Museum Brandhorst München © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc./Licensed by Bildrecht, Wien, 2020

Andy Warhol: Police Car, 1983. © The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; Founding Collection, Contribution The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc., Bildrecht Wien1998.1.285/Licensed by Bildrecht Wien, 2020

Andy Warhol: Fish, 1983. © The Andy Warhol Museum, Pittsburgh; Founding Collection, Contribution The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc.1998.1.280/Licensed by Bildrecht Wien, 2020

Gezeigt werden „Blotted Line“-Drucke und Zeichnungen, die den männlichen Körper, Drag sowie homoerotische Symbole und Gesten thematisieren – ein Themenkomplex, der den Künstler bis an sein Lebensende beschäftigen sollte. Die Spannweite reicht von Werken aus Warhols erster Ausstellung „Fifteen Drawings Based on the Writings of Truman Capote“ aus dem Jahr 1952 über bisher noch nie gezeigte marmorierte Papierskulpturen von 1954 bis hin zu kaum gezeigten Drag-Zeichnungen und Buchprojekten wie „In the Bottom of My Garden“ aus dem Jahr 1958.

Die ausgewählten Arbeiten verdeutlichen Warhols frühe Beschäftigung mit ikonografisch klar definierten Serien – insbesondere sein Interesse an Varianten der Geschlechterperformance – sowie die Entwicklung einer spezifischen Motivsprache, die in unterschiedlichsten Kontexten immer wieder aufs Neue erscheint. So lässt sich Andy Warhols Frühwerk nicht mehr als rein „kommerziell“abstempeln. Die zweite Ebene stellt Warhols Ausstellungsmodi der 1960er-, 1970er- und 1980er-Jahre mit Schwerpunkt auf die Präsentation einzelner Werkserien in den Mittelpunkt. Thematisiert wird die enge Verwobenheit von Werk und Präsentationsmodus.

Defrosting The Icebox

Die Ausstellung „Raid The Icebox 1 with Andy Warhol“ stellt eines der frühesten Beispiele für eine von einem Künstler kuratierte Sammlungsausstellung dar. Warhol arbeitete dafür mit den Beständen des Museum of Art der Rhode Island School of Design und konzipierte eine Wanderausstellung, die am 29. Oktober 1969 am Institute for the Arts an der Rice University in Houston eröffnete, am 17. Jänner 1970 am Isaac Delgado Museum in New Orleans ihre Fortsetzung fand und schließlich am 23. April 1970 wieder an ihrem Ursprungsort,im Museum of Art der Rhode Island School of Design in Providence ankam.

Die von Warhol kuratierte Ausstellung zeigte keine eigenen Werke des Künstlers, entwickelte aber wegweisende Präsentationsstrategien, die mit traditionellen Museumsstandards brachen: Anstatt die bildenden Künste zu priorisieren, stellte Warhol die angewandten Künste aus. Anstatt ein Klassifizierungssystem nach Chronologie, Medium oder Stil anzuwenden, präsentierte er die Objekte in ahistorischer und unhierarchischer Form. Das Depot wurde zur Ausstellung, fast schonVergessenes rückte in den Mittelpunkt. Warhols kuratorischen Prinzipien folgend, nimmt das mumok diese Ausstellung zum Anlass, um jene ungewöhnlichen Präsentationsstrategien an eine so bedeutende historische Sammlung wie jener des Kunsthistorischen Museums Wien anzuwenden.

Installation view of Raid the Icebox in NOMA’s Great Hall, 1969-1970, Image courtesy of the New Orleans Museum of Art. Photography by Stuart Lynn

Raid the Icebox 1 with Andy Warhol, April 23 –June 30, 1970, Museum of Art, RodeIsland School of Design, Providence, RI

Raid the Icebox 1 with Andy Warhol, April 23 –June 30, 1970, Museum of Art, RodeIsland School of Design, Providence, RI

Ein Ausstellungsformat, das nicht nur an vergangene Sammlungspräsentationen des mumok anschließt (zum Beispiel „Oh… Jakob Lena Knebl und die mumok Sammlung“, 2017, oder „Always, Always, Others“,2016), sondern ebenso einen Kerngedanken des Sammlerpaars Ludwig aufgreift, das, anstatt Werke statisch zu präsentieren, den ständigen Wechsel der Sammlungsbestände bevorzugte und somit einen eindeutigen Bruch mit der Tradition vollzog.

Ganz nach Warhols Motto „den Kühlschrank plündern“ werden die Exponate aus den Depots der Antikensammlung und des Weltmuseum Wien eine gesamte Ebene des mumok einnehmen. In Anlehnung an Warhols untypische Werkliste – er stellte unter anderem zwei Vasen, sieben Decken, neun Körbe, zehnHutboxen, elf Schüsseln, zwölf Skulpturen, zwölf Tapeten, 17 Stühle, 57 Regenschirme und 194 Paar Schuhe aus – liegt der Fokus auf ausgewählten Werken der Sammlung des Weltmuseums – Warhol war ein fanatischer „American Folk Art“-Sammler – sowie auf griechischen und römischen Skulpturenfragmenten der Antikensammlung.

www.mumok.at

18. 9. 2020