Rabenhof: Das Programm der Saison 2020/21

Juni 28, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Vitásek spielt „Der Herr Karl“

Keine Angst!: Katharina Straßer, Hanna Pichler, Erich Buchebner, Bernhard Egger und Geri Schuller. Bild: Ingo Pertramer

„Weida!!!“ hat Rabenhof-Chef Thomas Gratzer als Motto für die kommende Spielzeit ausgegeben, und die verspricht nicht weniger als Live-Porno, Dancing Star-Festspiele, gestrige und heutige Blockwarte, Outback-Erfahrungen, eine Babyelefanten-Schlachtung, ein Jukebox-Musical, Polit-Corona-Party-Satire und Literaturpreziosen. „Wir haben Ischgl überlebt und starten, trotz verschärfter Situation, mit gewohnter ironisch-schräger Vorstadtattitüde in die Gemeindebautheater-Saison 2020/2021“, so Gratzer launig, bevor er ernst wird:

„Die Covid-19-Krise und der damit einhergehende ,Shutdown‘ haben unser Haus besonders hart getroffen, da wir mit einem Eigendeckungsgrad von 65 % sehr stark einnahmenabhängig sind. Das heißt, dass die kommende Saison 20/21 und möglicherweise auch noch die erste Hälfte der Saison 21/22 sehr stark der wirtschaftlichen Stabilisierung gewidmet werden müssen, um unsere derzeitige #Corona-bedingte Schieflage wieder auszugleichen.“ Die Saisonauslastung betrug zum Zeitpunkt der Schließung 91,43 % bei bis

dahin 52.000 Besucherinnen und Besuchern in 195 Vorstellungen. Und auch während des Lockdowns war der Rabenhof mit Albert Camus‘ „Die Pest“-Lesemarathon und der TV-Show „Abgesagt? Angesagt!“ äußerst aktiv. Ersteres Projekt konnte in einer Woche 150.000 Zuseherinnen und Zuseher erreichen, auf zweiteres gab es pro Sendung 70.000 bis 80.000 Zugriffe. Gratzer: „Nach der letzten Sendung am 4. Juli  werden wir in 15 Shows knapp 100 Künstlerinnen und Künstlern Auftrittsmöglichkeiten und solide Gagen geboten haben.“ Kein schlechtes Ergebnis in einer Zeit, wo „Live“-Kunst eigentlich gar nicht möglich war.

Ab dem Herbst bleibt das Rabenhof Theater selbstverständlich dem Zeitgenössischen verbunden und natürlich hat das polit-satirische Element auch weiterhin eine zentrale Stellung im Spielplan des Hauses. Mit den „Big Playern“ der Satire-Szene wie den Staatskünstlern, Maschek sowie den äußerst erfolgreichen „Newcomern“ Michael Nikhbash und Klaus Oppitz will man dem Publikum die dringend nötigen politisch-ironischen Post-Corona-Betrachtungen liefern. Mit „Der Herr Karl“ begibt sich Kabarett-Legende Andreas Vitásek in die ultimative Horror-Show der österreichischen Grauslichkeiten. Noch immer so aktuell wie bei der Uraufführung.

Schauspieler, Musiker, Theaterintendant – und im Herbst auch Dancing Star – Christian Dolezal hat gleich zweimal Premiere. Ebenso wie Rabenhof-Urgestein Christoph Grissemann, der auch als Barock-Wüstling in der „Samuel Pepys Show“ zu sehen sein wird. Mit dabei: Komponist und Musiker Manfred Engelmayr. Eine Austropop-Hommage gibt’s am 10. November von Publikumsliebling Katharina Straßer unter dem Titel „Keine Angst“, außerdem die Welturaufführung eines noch unveröffentlichten pornografischen Textes von Felix Salten mit dem Titel „Albertine“ am 7. April. Im Literatursalon wird Kultautor und Sänger Sven Regener Kafkas „Das Schloß“ lesen, Rocko Schamoni kommt endlich auch wieder einmal, Thomas Raab holt seine Buchpräsentation nach und des Rabenhofs Lieblingsbobo Manuel Rubey präsentiert sein Erstlingswerk.

Andreas Vitásek spielt Helmut Quatingers/Carl Merz‘ „Der Herr Karl“. Bild: Jan Frankl / Rabenhof

Rabenhof-Mastermind Thomas Gratzer geht mit seinen Produktionen ins „Outback“. Bild: Rabenhof / Ingo Pertramer

Und dann gibt’s noch Rabenhof@VIENNA OUTBACK. „Wir bespielen erstmals mit ausgewählten Shows die Häuser der Begegnung in Floridsdorf, Kagran und Liesing“, so Gratzer. „Unter dem Titel Rabenhof@VIENNA OUTBACK gibt’s eine neue Reihe, in der ausgewählte Produktionen und Shows jenseits von Gürtel und Donaukanal präsentiert werden sollen. Denn da beginnen nach Meinung vieler Wienererinnen und Wiener die ,Outbacks‘. Wir rücken diese Bezirke ins Zentrum der Rabenhof Theater-Welt und treten den Gegenbeweis an – in Floridsdorf, Kagran und Liesing spielt die Musi!“ Den Start machen Stermann & Grissemann, Ernst Molden, Katharina Straßer und Maschek.

Die erste Premiere im Dritten bestreiten am 7. Oktober die Staatskünstler mit „Jetzt erst recht! reloaded: Koste es, was es wolle“. Österreichs Nr. 1 an der Satirefront Florian Scheuba, Thomas Maurer und Robert Palfrader mit einem brandaktuellen Update ihrer Erfolgsshow zur Lage der Babyelefanten-Nation. Ab dem 10. Oktober erzählen in „Buh!“ Christoph Grissemann und Christian Dolezal über ihre größten TV- und Theaterniederlagen – ganz nach dem Motto „Jammern auf niedrigstem Niveau“. Dolezal #2 gibt’s am 19. Jänner mit „Herzschlampereien“. „Der Dole“ präsentiert einen sehr persönlichen Soloabend über Liebe und Triebe, erzählt vom Streben, endlich Liebe leben zu können, und dem Scheitern am Weg dahin – aufgrund lächerlichster Unzulänglichkeiten. Und all diese Peinlichkeiten und skurrilen Amourschaften mit der Pferdeliebhaberin, dem Transvestiten und dem Landwirten und der lieben Frau Knechtl haben sich wirklich genau so zugetragen. Dolezal schwört das.

Am 20. Oktober schlüpft Andreas Vitásek in den charakterlosen Qualtinger/Merz-Charakter „Der Herr Karl“. Ob die Wiederauferstehung des Blockwarts im Tarnanzug von Hipster-Bobo-Helikopter-Eltern, Impfgegnerinnen, Kleinwalsertal-Fanboys und -girls, Staatsverweigerern oder Ibizza-Verharmloserinnen – die Liste der österreichischen Grauslichkeiten ist lang und wird immer länger. Gratzer: „Wer wäre passender, um mit seinen Wiener Wurstfingern in den Wunden zu bohren, als ,Der Herr Karl‘ und wer, wenn nicht Andreas Vitásek, sollte den ewigen Denunzianten aus der Quarantäne auf die Vorstadtbühne holen? Auch wenn der Schilling dem Euro weichen musste und Facebook längst den Bassenatratsch ersetzt hat, so fehlt es auch heute nicht an Wendehälsen und Vernaderern – ob im Onlineforum oder bei Pressekonferenzen – Wien bleibt Wien!“

Ergänzt Andreas Vitásek: „So sind wir nicht. Oder doch? Der Herr Karl ist eine bewährte Navigationshilfe bei der Suche nach der österreichischen Seele. Die Zeiten mögen sich ändern, doch manches bleibt. Oder, wie Bertolt Brecht sagte: ‚Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.‘ “

www.rabenhoftheater.com

28. 6. 2020