Wiener Festwochen: „Julia“

Mai 15, 2013 in Bühne

Im brut wird ein Strindberg-Film gedreht

Julia Bernat, Rodrigo dos Santos Bild: Photo: Marcelo Lipiani

Julia Bernat, Rodrigo dos Santos
Bild: Photo: Marcelo Lipiani

„Cut“, ruft der Kameramann (David Pacheco – er wird später als Julias Vater immer  den selben Satz „Ich brauche den Wagen in fünf Minuten“ sagen) mehrmals. Und zu Jean, der hier Jelson (Rodrigo dos Santos) heißt: „Kannst den Schuh da noch einmal wegkicken?“ Dann erst ist er mit der Einstellung zufrieden und kann wie die beiden Hauptdarsteller einen Schluck Rotwein trinken. Im brut wird ein Strindberg-Film gedreht. Die Autorin und Regisseurin Christiane Jatahy (bei den Festwochen 2008 mit „A falta que nos move“ zu Gast) und ihre Truppe „Cia. Vértice de Teatro“ aus Rio de Janeiro haben August Strindbergs Schockertrauerdrama „Fräulein Julie“ aus dem Jahr 1889 auf ihre Art interpretiert.

Künstlerisch – ein Gewebe aus Theater, zwei Darstellern, denen ständig eine Live-Kamera folgt und intime Close-ups (etwa bei der Sexszene „hinter den Kulissen“, oder als sie zu dritt aus dem Theater laufen und mitten ins Zeltfest der „Tiroler Tage“ beim Künstlerhaus gelangen) auf drei bewegliche Leinwände projiziert, und vorproduzierten Filmszenen. Die ob der sich entwickelnden Ereignisse angewiderte Köchin (Tatiana Tiburcio) des Hauses kommt überhaupt nur via Film vor. Gegenwartstheater und -kino, eine virtuose, fabelhaft gespielte Versuchsanordnung. Ein Spiel im Spiel. „Er ist doch nur eine Attrappe“, ruft Jelson, nachdem er Julias Kanarienvogel den Kopf abgeschnitten hat und sie an diesem kleinen Blutbad verzweifelt. Rodrigo dos Santos kokettiert mit Kamerablicken wie Oliver Hardy, einst Erfinder dieser darstellerischen Technik. Viel scheint Improvisation, ein Statement gegen die vierte Wand. „Und jetzt?“, fragt nämlich die großartige „Julia“ Julia Bernat provozierend, ungeduldig das Publikum mit dem Messer in der Hand. Soll sie sich zum Schluss a la Strindberg das Leben nehmen? Eine Zuschauerin nimmt ihr das scharfe Selbstmordinstrument ab (ein Theatermitarbeiter holt es Sekunden nach Ende der Vorstellung), trotzdem färbt sich auf den Leinwänden Wasser blutrot. Poetisch. Brutal. Strindbergs Subtilität in Auflösung.

Inhaltlich – hält sich Jatahy vordergründig an die Story: Höhere Tochter, verwöhnt-verspielt, flirty dank Damenspitzerl und natürlich weiß, macht beim Bedientenball den Gärtnerssohn und Chauffeur so lange kirre, bis der, trotz Angst um seinen Job, nicht mehr widerstehen kann. In Brasilien ist er ein Schwarzer, ein Kind aus der Favela nebenan. So lebt diese Gesellschaft: miteinander und doch Schichten von einander getrennt. Die sozialen Verhältnisse, sie sind eben so. Aber: Während beim alten Schweden der Subalterne der Hochadeligen nach Vollzug als besten Ausweg zu ihrem Aus-dem-Leben-Scheiden rät, hat er hier große Zukunftspläne. Die er ausgerechnet beim Beischlaf zwischen vielen Ays und Ohs erklärt. Jelson hat Unternehmergeist, will etwas aus sich machen, einen Hotelier. In zehn Jahren wäre er reich, sie müsse nur das Startkapital aus Papas Safe holen – dann Flucht. Da bricht er aus Julia heraus, der Alltagsrassismus. Sie demütigt den „Diener“. „Sie wissen ja nicht einmal seinen Namen“, kreischt sie in den Raum. „Leider“ schreit jemand „Jelson!“ zurück. „Super“, grummelt sie, „Sie haben mir soeben die Szene ruiniert.“ Und facebooked mit dem Handy: „Second day Wiener Festwochen A Disaster“. Was natürlich überhaupt nicht stimmt (außer für Julia und Jelson). Das Publikum dankt für diesen überraschenden, klugen, nachdenklich und doch irgendwie fröhlich stimmenden Abend mit Riesenapplaus. Der kurze, aber heftige Parforceritt der Darsteller war ein Erfolg.

www.festwochen.at

www.brut-wien.at

www.christianejatahy.com.br

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013