Russkaja-Frontmann Georgij Makazaria singt Anatevka

Juni 1, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Bühne Baden: Das Programm der Spielzeit 2020/21

Anatevka: Georgij Makazaria spielt den Milchmann Tevje. Bild: Lalo Jodlbauer

Nachdem zuletzt „Im Weißen Rössl“ und „Sunset Boulevard“ #Corona-bedingt abgesagt werden mussten, immerhin noch die Hoffnung keimt, dass die Premiere von „Die Blaue Mazur“ doch noch wie geplant am 31. Juli stattfinden kann, stellte Michael Lakner, künstlerischer Leiter der Bühne Baden, nun sein Programm für die Spielzeit 2020/21 vor. „Als ich an die Konzeption der Saison heranging, konnte ich nicht ahnen, wie brandaktuell ihr Motto sein würde: Arm und Reich“, so Lakner. „Die Brisanz des Themas ist überbordend.

Viele Menschen werden ihre Arbeit verlieren. Es wird Monate, ja Jahre dauern, bis wir die gesamte Tragweite dieses Weltenbrandes ermessen werden können. Deswegen finde ich es gut und richtig, dass auch die Bühne Baden als Unterhaltungstheater sich mit diesem Thema auseinandersetzt.“ Dies mit Stücken, die allesamt Klassenunterschiede und/oder prekäre wirtschaftliche Verhältnisse zum Inhalt haben, in die Menschen unverschuldet geraten sind oder in denen sie leben müssen.

Lakner: „Und damit nicht alle Festveranstaltungen zu Beethovens rundem Geburtstag entfallen müssen, werden wir gleich zu Beginn der neuen Saison für Tanzbegeisterte Beethovens Lebens- und Liebesgeschichte zu seiner unsterblichen Geliebten als Ballettabend präsentieren: in neuem musikalischen Gewand wird das Ballett der Bühne Baden – unterstützt durch das Europaballett St. Pölten – einen für die ganze Familie geeigneten Theaterabend bieten. Die schönsten Musikstücke Beethovens werden dabei als muskalischer Leitfaden dienen.“ „Ludwig van tanzt“, ein poetischer Ballettabend von Michael Kropf wird am 3. Oktober uraufgeführt. Den Beethoven gibt Beethoven Daniel Greabu.

„Anatevka“ in einer Inszenierung von Volker Wahl und Michaela Ronzoni folgt am 24. Oktober. Dieser absolute Musicalklassiker beschreibt das Dorfleben im Schtetl Anatevka im Russischen Reich. Alles dreht sich um den armen Milchmann Tevje, der sich mit seiner Frau Golde um gleich fünf Töchter kümmern muss, die ihre eigenen Vorstellungen haben, was das Heiraten betrifft. „Wenn ich einmal reich wär’“ wird man von Russkaja-Chef Georgij Makazaria hören, der den Tevje spielt, Maya Hakvoort die Golde. Und mutmaßlich unvergesslich wird Tania Goldens Erscheinen als Oma Zeitel sein.

Ludwig van tanzt: Daniel Greabu als Beethoven. Bild: Lalo Jodlbauer

Robin Hood: Matthias Trattner als grüner Bogenschütze. Bild: Lalo Jodlbauer

Neun: Drew Sarich als Guido Contini im Fellini-Musical. Bild: Lalo Jodlbauer

Für den 14. November bereitet Robert Persché das von ihm mit Walter Raidl verfasste Familienmusical „Robin Hood“ zur Badener Erstaufführung vor. Robin aka Matthias Trattner, ein junger Mann aus Nottingham, führt mit seinen fröhlichen Gesellen, unter anderem Caroline Vasicek und Florian Resetarits, ein abwechslungsreiches, spannendes Leben im Sherwood Forest. Das wäre ganz wunderbar, hätte Robin nicht Freude daran, die Reichen zu berauben und die Beute unter den Armen zu verteilen. Prinz John ist fuchsteufelswild. Er hat den Platz von König Richard Löwenherz eingenommen, der sich gerade auf Kreuzzug befindet und ist ganz versessen darauf, mit Hilfe des skrupellosen Sheriffs von Nottingham seinen Reichtum zu vermehren. So plant er ein großes Bogenschützenturnier, bei dem die bezaubernde Maid Marian dem Sieger einen goldenen Pfeil überreichen soll …

Cornelia Horak ist ab 19. Dezember die „Gräfin Mariza“. Ihr folgt am 23. Jänner Patricia Nessy als clevere Heiratsvermittlerin Dolly Gallagher Levi: „Hallo, Dolly!“ inszeniert von Michael Lakner. Dem wohlhabenden Kaufmann Horace Vandergelder, den es unter die Haube zu bringen gilt, wird Andreas Steppan Format verleihen. Isabella Gregor übernimmt die Regie bei „La Traviata“ mit Premierentermin 27. Februar. Gespannt sein darf man auf Sebastian Reinthaller als Alfred Germont, seine Violetta ist Jay Yang. „Der Vetter aus Dingsda“ mit Gerhard Ernst als Onkel Josse ist ab 24. April zu sehen. Mit „Eine Nacht in Venedig“, Premiere am 18. Juni, verlagert sich das Geschehen in die Sommerarena.

Zwei bemerkenswerte Premieren gibt es im Juli: „Neun“ ab 9. Juli im Stadttheater und „Eva“ ab 30. Juli in der Sommerarena. „Neun“ ist ein Musical von Arthur Kopit und Maury Yeston nach dem Film „8 1/2“ von Federico Fellini, bei dem Ramesh Nair Inszenierung und Choreografie übernehmen wird. Der vom Erfolg verwöhnte Drehbuchautor und Filmregisseur Guido Contini musste einige Niederlagen einstecken: Neben seinen persönlichen Problemen als Womanizer waren seine letzten Filme allesamt Misserfolge. Seiner einstmals reichen Kreativität beraubt und durch seine zahlreichen Liebschaften innerlich zerrissen, gerät er in eine Midlife-Crisis.

La Traviata: Jay Yang und Sebastian Reinthaller. Bild: Lalo Jodlbauer

Hallo, Dolly! mit Patricia Nessy als clevere Witwe. Bild: Lalo Jodlbauer

Eva: Sieglinde Feldhofer in Lehárs Operettenrarität. Bild: Lalo Jodlbauer

Als er in dieser angeschlagenen Situation gedrängt wird, einen Film zu machen, gerät er vollends in geistige Verwirrung. Er begibt sich zu einem Kuraufenthalt in ein mondänes venezianisches Bad. Erst die Erscheinung seines neunjährigen Ichs erlöst ihn aus seiner Krise und führt ihn zur Reifung seines Charakters: Er erkennt, dass seine Frau Luisa die wahre Liebe seines Lebens ist. Das Musical, 1982 mit 5 Tonys ausgezeichnet, kommt in Baden zur Österreichische Erstaufführung. Drew Sarich schlüpft in die Rolle des Guido Contini, neben Sarichs Ehefrau Ann Mandrella singt auch Carin Filipčić.

Bei Franz Lehárs Operettenrarität „Eva“ führt Michael Lakner Regie. Das arme Waisenkind Eva, dargestellt von Sieglinde Feldhofer, ist der Augenstern ihres Pflegevaters, des Werksführers einer französischen Glasfabrik. Der Dandy Octave Flaubert übernimmt die Fabrik von seinem Vater und fühlt sich zur unschuldigen Eva hingezogen. Er führt sie zu einem großen Ball aus, versucht, sie zu verführen und bringt dadurch die gesamte Belegschaft, die die Patenschaft über Eva innehat, gegen sich auf. Als Eva merkt, dass Octave nur auf eine Affäre aus war, flüchtet sie nach Paris. Wie in einer perfekten Operette üblich, bekommt Cinderella am Ende aber doch noch ihren Prince Charming… Wunderschöne Musik durchzieht dieses Lehár-Märchen für Erwachsene, das zuletzt in der Saison 1955 / 1956 in Baden zu erleben war.

„Seit Thespis im antiken Hellas mit seinem Karren Theateraufführungen unter freiem Himmel organisiert hat, ist Theater aus den Köpfen der Menschen nicht mehr wegzudenken“, sagt Michael Lakner. „Gerade in Krisenzeiten hat Kultur immer ihren großen Stellenwert als moralische Stütze einer Gesellschaft unter Beweis gestellt: als Hort der Unterhaltung, wo man auf andere Gedanken kommen kann und die Sorgen an den Nagel hängt. Der Wegfall des gemeinsamen Erlebens einer Theateraufführung fühlt sich an wie Freiheitsentzug.“ Diesen zu beenden, setzt die Bühne Baden spannende erste Schritte.

www.buehnebaden.at

1. 6. 2020